Sein Körper platzte und ging in heiß sengende Flammen auf. Diejenigen, die ihm am nächsten standen, wichen vor der schrecklichen Hitze zurück. Der Zelot stand mitten in den Flammen, noch immer auf den Beinen, unverwandt grinsend, selbst dann noch, als die Flammen auch an seinem Gesicht zu lecken begannen. Schließlich war es vorbei, und Flammen und Hitze verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren.
Nur ein schmieriger Fleck auf dem Marmor des Bodens blieb übrig, ein wenig Asche, die langsam durch die Luft nach unten sank und eine einzelne Hand, die irgendwie aus dem alles verzehrenden Flammeninferno herausgefallen und übriggeblieben war. Sie lag auf dem Boden des Ballsaals wie eine bleiche Blume, die Finger wie zu einem letzten Aufruf an die Vernunft ausgestreckt.
»Esper-Pack«, rümpfte Vikar James Kassar die Nase. »Jedenfalls hat er uns die Arbeit erspart, ihn zu exekutieren. Offensichtlich handelt es sich um Pyrokinese. Es stellt sich nur die Frage, wie er hier hereinkommen konnte? Man hat mir versichert, daß der Ballsaal durch ESP-Blocker geschützt sei.«
»So ist es auch«, erwiderte Valentin und trat vor. »Ich bin nicht sicher, was sich vor unseren Augen abgespielt hat, aber als der älteste Vertreter des Wolf-Clans darf ich Euch versichern, daß unsere Sicherheitsleute in diesem Augenblick an der Angelegenheit arbeiten.«
»Das reicht mir nicht, Wolf!« fauchte Kassar und musterte Valentin mit unverhohlener Abneigung und einem Ausdruck von Ekel. »Gleich, ob der Verbrecher hereinteleportiert ist oder geschmuggelt wurde, er muß hier drinnen Helfer gehabt haben. Und das bedeutet, daß sich ein Verräter unter uns aufhält, Wolf. Ich werde eine Kompanie meiner Leute abstellen, die Euch bei der Suche helfen. Wir haben eine Menge Erfahrung, wenn es um das Aufspüren von Verrätern geht.«
»Ich danke Euch«, erwiderte Valentin. »Doch das wird nicht nötig sein. Meine Leute sind sehr wohl selbst in der Lage, die nötigen Schritte zu unternehmen, ohne all meine Gäste zu erschrecken.«
Die Gäste erschraken dennoch. Es dauerte einen Augenblick, doch dann erkannten auch die langsamsten unter ihnen mit weitaufgerissenen Augen, daß Valentin dem Vikar soeben untersagt hatte, seine eigenen Leute in das Haus zu bringen.
Der Vorgang war nicht vollkommen beispiellos, aber trotzdem verdammt selten. Heutzutage riskierte man Leib und Seele, wenn man sich der Kirche widersetzte – und ganz besonders James Kassar, der es nicht gewohnt war, daß man ihm die Stirn bot. Das Gesicht des Vikars lief rot an vor Wut, und er trat einen Schritt vor, um Valentin direkt in die geschminkten Augen zu starren.
»Bring mich nicht in Versuchung, Knabe! Ich verliere keine Träne wegen eines toten Espers, aber ich habe auch keine Nachsicht für Verräter, ganz egal, hinter welchen Positionen sie sich verschanzen! Und eine hohe Herkunft bietet noch lange keinen Schutz gegen den Willen des Herrn.«
»Wie äußerst beruhigend«, sagte Valentin, sonst nichts. Der Augenblick dehnte sich in die Länge, und die Spannung wuchs. Der Vikar durchbohrte Valentin förmlich mit seinen Blicken »Ihr seht aus wie die Dekadenz in Person«, sagte der Vikar schließlich. »Wischt Euch augenblicklich die Farbe aus dem Gesicht!«
Alles starrte atemlos auf die beiden Männer, deren sagenhafter Wille eisern aufeinanderprallte. Und dann trat Valentin einen weiteren Schritt nach vorn und brachte sein Gesicht direkt vor das Kassars. Sein purpurnes Lächeln wurde noch breiter, und seine dunklen Augen blickten fest und ohne jedes Zeichen von Angst.
»Leckt sie ab!«
Kassar erstarrte. Er stierte Valentin an. Sein Mund war ein blutleerer Strich. Die Hand des Vikars schwebte über dem Griff seines Schwertes, aber er zog die Waffe nicht. Hätte er es getan und hätte er den Wolf in seinem eigenen Haus
getötet, dann hätte er seine Kirche der vollen Blutrache des gesamten Wolf-Clans ausgesetzt. Die Kirche war zwar reich und besaß Macht und Einfluß, und der Clan hätte ihr sicher nicht lange widerstehen können, aber… wenn die Wolfs irgendwie den Kontrakt für den neuen Hyperraumantrieb gewinnen sollten, hätte die Kirche mit gezogenem Hut um die Antriebe bitten müssen… Abrupt wandte Kassar sich ab und stampfte davon. Allmählich begannen die übrigen Gäste wieder zu atmen. Valentin grinste zu Gregor Shreck und Evangeline.
»Bitte entschuldigt die unwillkommene Unterbrechung«, sagte er. »Meine Leute werden sich darum kümmern.«
Der Shreck schnaufte. »Diese verdammte Esper-Brut. Wenn er sich nicht selbst umgebracht hätte, dann hätte ich ihn höchstpersönlich erschossen. Wir sind diesem Pack gegenüber viel zu nachgiebig. Man kann ihnen einfach nicht über den Weg trauen.«
»Es sind noch immer Menschen, Vater«, widersprach seine Tochter leise. »Genau wie Klone auch.«
»Das solltet Ihr den Vikar besser nicht hören lassen«, sagte Valentin leichthin. »Die Position von Staat und Kirche in bezug auf Esper und Klone ist unmißverständlich. Sie existieren lediglich als Resultat wissenschaftlicher Forschung und sind daher Sachen. Die Kirche will ihnen nicht einmal eine Seele zugestehen. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet…?«
Valentin Wolf verneigte sich tief, drehte sich um und spazierte davon. Leises Gemurmel und heimliche Glückwünsche erschollen ringsum, als er sich durch die Menge bewegte. Die Kirche hatte in letzter Zeit verdammt zuviel Druck auf die Familien auszuüben versucht und war unter der Aristokratie lange nicht so populär, wie sie es gerne gewesen wäre. Gregor wartete, bis Valentin außer Hörweite war, dann packte er den Arm seiner Tochter und drückte so fest zu, bis der Schmerz Evangeline nach Luft schnappen ließ.
»Mach das nie wieder, mein Kind. Du darfst niemals mit solchen Meinungen über Esper und Klone die Aufmerksamkeit auf dich ziehen, hast du verstanden? Keiner von uns beiden kann sich eine genauere Untersuchung deiner Herkunft erlauben. Niemand darf je herausfinden, was es damit auf sich hat!«
Er schüttelte Evangeline ein letztes Mal warnend am Arm und stapfte mit hochrotem Gesicht davon. Der Shreck war stinkwütend, und alle Leute beeilten sich, ihm aus dem Weg zu gehen. Evangeline legte die Hand auf ihren schmerzenden Arm. Sie stand alleine inmitten der Menge, aber das war für sie nichts Neues. Evangeline war ein Klon. Ihr Vater hatte sie heimlich gezogen, um die echte Evangeline zu ersetzen, die bei einem Unfall gestorben war. Die älteste Tochter war der Liebling des alten Shreck gewesen, und der konnte nicht ertragen, ohne sie zu leben. Und da niemand außer ihm selbst ihren Tod gesehen hatte, verwendete er all sein Geld und seinen Einfluß darauf, seine Tochter zu klonen. Er lehrte den Klon alles, was er wissen mußte, und entließ Evangeline anschließend vorsichtig in die Gesellschaft. Nach einer langen, unbekannten Krankheit sozusagen. Sie hielt sich gut. Sie hatte immer eine rasche Auffassungsgabe besessen, jedenfalls nach den Worten ihres Vaters, und alle akzeptierten sie als die echte Evangeline. Aber sie hatten ja auch keinen Grund, an ihrer Echtheit zu zweifeln. Ein einziger Gentest würde ausreichen, um die Lüge wie eine Seifenblase platzen zu lassen und sie und ihren Vater zu verdammen. Durch einen Klon ersetzt zu werden war der schlimmste Alptraum eines jeden Aristokraten. Man würde Evangeline zerstören (nicht exekutieren; nur Menschen wurden exekutiert, Dinge wurden zerstört), und ihr Vater würde seiner Titel enthoben und verbannt werden.