Sie hatte Finlay Feldglöck noch nicht erzählt, daß sie ein Klon war, und das, obwohl er ihr das Geheimnis seines Doppellebens als Maskierter Gladiator anvertraut hatte. Evangeline hatte bisher einfach nicht den Mut dazu gefunden. Sie liebte ihn über alles, sie vertraute ihm, aber… Aber. Würde er sie noch immer lieben, wenn er wüßte, daß sie nur ein Klon war?
Sie würde es zu gerne glauben, aber… Aber. Sie lächelte freudlos. Wenn sie ihm schon das nicht anvertrauen konnte, wie sollte sie ihm da erst von ihren Verbindungen zur Klon-Bewegung und den Espern erzählen? Schließlich war sie es auch gewesen, die die ESP-Blocker der Wolfs abgeschaltet und damit den Elfen ermöglicht hatte, den Zeloten in den Saal zu schmuggeln…
Evangeline bemerkte, wie ihre Gedanken scheinbar ziellos hin und her irrten, doch sie war nicht imstande, sie unter Kontrolle zu halten. Sie schuldete so vielen Leuten sovieclass="underline" ihrem Vater, der Klon-Bewegung, Finlay… und nur ein einziger Fehler konnte dazu führen, daß sie in Ungnade fiel oder gar sterben würde. Sie mußte auf jedes Wort achten, das sie sagte, jede Bewegung – verschiedene Lügen für verschiedene Menschen. Manchmal verspürte sie das Bedürfnis, einfach laut aufzuschreien, damit endlich alles aufhörte und der ganze Druck von ihr wich, aber sie konnte nicht. Sie konnte sich nicht leisten, etwas Ungewöhnliches zu tun oder aufzufallen.
Manchmal dachte sie daran, sich umzubringen, aber dann fiel ihr immer Finlay ein, und wie sicher und geborgen sie sich in seinen Armen fühlte. Eines Tages würde sie ihm alles beichten. Eines Tages. Und dann…
Evangeline hob den Blick und sah, wie Finlay lässig heranschlenderte, als würde er sich rein zufällig nähern. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und eine verräterische Röte erschien auf ihren Wangen. Finlay blieb vor ihr stehen und verbeugte sich galant. Sie nickte zur Antwort betont kühl mit dem Kopf. Nicht mehr als die beiden Erben zweier verschiedener Clans, die sich in der Öffentlichkeit begegneten. Finlay lächelte sie an, und sie lächelte zurück.
»Meine liebe Evangeline«, begann er leichthin. »Ihr seht ganz vorzüglich aus. Ich hoffe doch, der unselige Zwischenfall mit dem Esper hat Euch nicht über Gebühr erregt?«
»Nein, überhaupt nicht, Finlay. Ich bin sicher, das die Männer der Wolfs die Dinge im Griff haben. Aber auch Ihr seht gut aus. Ist das eine neue Garderobe?«
»Selbstverständlich. Ich hasse es so, zweimal die gleichen Dinge zu tragen. Schließlich bin ich einer der geheimen Großmeister der Mode und habe die Pflicht, jederzeit innovativ und schockierend aufzutreten. So steht es in meinem Vertrag. Ich sehe, daß Eure Hand leer ist; darf ich Euch vielleicht ein Glas Punsch bringen?«
Evangeline schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte den Punsch gesehen. Er war leuchtend pinkfarben und extrem alkoholreich, wie man sagte. Sie hatte unidentifizierbare Fruchtstücke darin herumschwimmen gesehen, und einige davon schienen sich sogar langsam aufzulösen. Wenn man bedachte, daß der Punsch von den Wolfs spendiert worden war, dann bestand immer die Möglichkeit, daß Valentin eines seiner seltsamen, irritierenden Mittelchen hineingegeben hatte. Die meisten Gäste hatten genug Verstand und Voraussicht gezeigt, um ihre eigenen Getränke mitzubringen. Finlay grinste und zog einen kunstvoll verzierten silbernen Flachmann aus der Tasche. Er schraubte die Kappe ab und schenkte ihr einen großzügigen Schluck aus. Evangeline schnüffelte
prüfend und grinste ihrerseits, als sie das warme Aroma guten Branntweins roch. Sie nippte vorsichtig an der gefüllten Kappe und erlaubte ihrem Blick, zu den Augen Finlays zu wandern. Sie spürte, wie ihr Atem sich beschleunigte, und als sie ihm die Kappe zurückgab, damit auch er trinken konnte, berührten sich ihre Finger.
»Jetzt, da unsere beiden Familien durch eine Heirat vereint werden, bietet sich vielleicht eine Gelegenheit, daß wir uns häufiger sehen«, murmelte Finlay.
»Das wäre höchst erfreulich«, erwiderte Evangeline. »Ich bin sicher, daß wir einige Gemeinsamkeiten entdecken könnten.«
»Gerade im Augenblick habt Ihr jedenfalls einen steifen Drink gemeinsam, und ich würde glatt dafür sterben!« sagte eine vertraut schrille Stimme. Evangeline mußte sich nicht erst umdrehen, um zu wissen, wer sich da näherte. Es gab nie irgendeinen Zweifel an der Gegenwart Adrienne Feldglöcks.
Evangeline und Finlay tauschten einen letzten verstohlenen Blick, dann wandten sie sich Finlays berüchtigter Gemahlin zu. Adrienne streckte demonstrativ ihr leeres Glas vor, und Finlay füllte es bis zum Rand mit Brandy. Sie nahm einen tiefen Zug und nickte anerkennend.
»Eine der wenigen Tugenden, Finlay. Du bist eitel und oberflächlich und hast absolut keine Ahnung, wie man eine Dame behandelt, aber du verstehst etwas von dem Gesöff.
Wenn nicht dein Weinkeller wäre, hätte ich mich bereits vor Jahren von dir scheiden lassen. Evangeline, meine Liebe! Wir haben seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen! Ihr tragt eine sehr… bemerkenswerte Garderobe. Fühlt Euch frei, jederzeit zu mir zu kommen und um Rat zu fragen, wenn Ihr Euch in modischen Dingen unsicher seid.« Sie streckte Finlay das Glas entgegen, damit er es nachfüllte, und ihr Mann gehorchte kommentarlos. Adriennes Trinkfestigkeit war beinahe legendär, selbst an einem Hof, der für seine Exzesse bekannt war. Sie grinste ihren Gatten über den Rand des Glases hinweg gemein an. »Ein guter Brandy, Finlay. Ich mag es, wenn mein Gesöff ist wie meine Liebhaber: stark, geheimnisvoll und verlockend.«
»Also wirklich«, beschwerte sich Finlay. »Ich möchte das nicht hören.«
»Verdammt richtig, Finlay. Das glaube ich gern«, erwiderte Adrienne. Sie wandte sich zu Evangeline um, die sich mit Gewalt dagegen wehrte, zusammenzuzucken. »Es wird allmählich Zeit, meine Liebe, daß auch Ihr Euch nach einem Gemahl umseht. Euer Vater nimmt viel zuviel von Eurer Zeit für sich in Anspruch. Ehemänner können ziemlich langweilig sein, sie sind lästig wie ein ständiger Schmerz im Hintern, aber wenn Ihr in der Gesellschaft vorankommen wollt,
benötigt Ihr einen. Ich persönlich möchte nicht wieder unverheiratet sein, ganz besonders nicht, wenn es darum geht, wer die Zeche bezahlt. Aber wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt?
Ich muß unbedingt ein ernstes Wort mit der Braut und dem Bräutigam reden. Irgendwer muß ihnen schließlich die Augen über das Leben öffnen.«
»Und wer könnte das besser als du«, murmelte Finlay leise…
… doch nicht leise genug. Adrienne grinste ihn an. »Recht hast du.«
Sie bahnte sich ihren Weg durch das Gedränge, und vor ihr öffnete sich wie von Geisterhand eine schmale Gasse. Ihre Beute hatte nicht die geringste Ahnung, was sich da zusammenbraute. Robert Feldglöck, der Bräutigam, wurde im Augenblick von den Brüdern seines Vetters Finlay, William und Gerold Feldglöck, aufgemuntert und ermutigt. Roberts Vater war der jüngere Bruder des alten Feldglöck gewesen und erst vor drei Monaten bei einem Unfall gestorben, über den die Familie noch immer nicht sprach. Hauptsächlich, weil es so peinlich war. Um Robert und seinen Zweig der Familie davor zu bewahren, daß sie zum Gespött der Leute wurden, hatte man hastig eine Heirat arrangiert, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen sollte: Robert würde in die Gesellschaft eingeführt und gleichzeitig die Lücke zwischen den Felglöcks und den Shrecks geschlossen werden. Und wenn etwas dabei schiefgehen sollte – nun, Robert war zur Zeit das entbehrlichste Mitglied der gesamten Familie.
Er war durchschnittlich groß und so durchtrainiert, wie man durch viele Jahre in der Kadettenanstalt nur sein konnte. Mit siebzehn war Robert alt genug, um zu heiraten, aber zu jung, um sein Veto dagegen einzulegen. Er versuchte noch immer, sich an den Gedanken an die bevorstehenden Veränderungen zu gewöhnen. Im einen Augenblick noch waren die Shrecks seine Todfeinde gewesen, die bei jeder Gelegenheit bekämpft werden mußten, und nun heiratete er eine Frau aus diesem Clan. Aber Robert war alt genug, um etwas von Politik zu verstehen und seine Pflichten gegenüber der Familie zu erkennen. Ganz besonders, weil Gerold und William Feldglöck nicht müde wurden, ihm alles genau zu erklären.