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William Feldglöck war ein großer, schlanker und ernsthafter Mann und der Buchhalter des Clans. Es war eine Arbeit, die man keinem Außenstehenden anvertrauen durfte, die aber von den meisten Mitgliedern der Familie dennoch wie die Pest gemieden wurde – sie erinnerte viel zu sehr an harte Arbeit, und wenn sie arbeiten sollten, warum waren sie dann als Aristokraten auf die Welt gekommen? Zum Glück fand William den Umgang mit Zahlen sowohl interessanter als auch leichter als den Umgang mit Menschen, und somit war er für die Buchführung wie geschaffen. Er kam nicht viel unter Leute, trotzdem schaffte es der gutmütige William hin und wieder, seine Gesprächspartner mit seinem politischen Sachverstand zu überraschen. Aber schließlich war er ein Feldglöck, oder?

Gerald war im Gegensatz dazu der große Fehlgriff der Familie. Einen wie ihn gab es anscheinend überall. Zu dumm, um mit wichtigen Geschäften betraut zu werden, aber bereits zu alt, um ihn einfach zu übergehen. Die Familie hatte alles versucht, um einen geeigneten Platz für ihn zu finden – vergeblich. Gerold war groß gewachsen wie sein Bruder, besaß blondes Haar und sah blendend aus – aber das war auch schon alles. Er hatte zwei linke Hände und wurde mit untrüglicher Sicherheit von jedem Fettnäpfchen in seiner Nähe angezogen.

Nichts konnte er richtig machen, doch am schlimmsten war, daß alle es wußten, außer ihm. Man hatte den alten Feldglöck sagen hören – und nur halb im Scherz! –, daß man Gerold am besten einer Familie schenken sollte, auf die man richtig sauer war.

»Jetzt versuch wenigstens, ein fröhliches Gesicht zu machen!« sagte William gerade zum jungen Robert. »Immerhin ist das eine Hochzeit und kein Besuch beim Zahnarzt!«

»Richtig«, stimmte Gerold zu. »Beim Zahnarzt holt man dir etwas raus, und bei der Hochzeit steckst du etwas rein. Wenn du weißt, was ich meine, eh?«

Robert lächelte höflich, aber verkrampft. Er erweckte den Eindruck eines kleinen Tiers, das auf der Straße von den Scheinwerfern eines heranrasenden Autos erfaßt worden war und nicht wußte, wohin es fliehen sollte. Er zerrte an seinem Frack, um die Falten zu glätten, und fummelte anschließend an seiner Krawatte herum. Sein Kammerdiener hatte ihm versichert, daß er sowohl modisch als auch würdevoll in seiner Garderobe aussah, doch Robert wußte nicht, ob er den Worten des Dieners Glauben schenken sollte. Der junge Bräutigam verspürte das dringende Bedürfnis, einen harten Drink zu kippen – oder besser mehrere –, aber William ließ ihn nicht. Valentin hatte ihm eine ›kleine Kleinigkeit zur Beruhigung‹ angeboten, Robert lehnte jedoch ab. Er hatte das Gefühl, noch nicht reif zu sein für Valentins ›kleine Kleinigkeiten‹. Wahrscheinlich war außer Valentin selbst niemand reif genug dazu.

»Du hast doch die Probe bereits mitgemacht«, sagte William beruhigend. »Nichts, weshalb du dich aufregen müßtest.

Sag einfach die Worte, küß die Braut, und alles ist vorbei, bevor du es merkst. Denk dran, zuerst den Schleier zu heben.

Du würdest staunen, wenn du wüßtest, wie viele Leute das vergessen. Manchmal denke ich, das sind die Auswirkungen der Inzucht. Reiß dich zusammen, es dauert nicht mehr lange.«

»Und dann kannst du dir deine Braut erst mal in aller Ruhe ansehen«, sagte Gerold. »Freust du dich nicht darauf, eh? Eh?«

»Gerold«, sagte William. »Geh und hol Robert einen Drink.«

»Aber eben hast du noch gesagt, daß er nichts trinken darf!«

»Dann geh und hol mir einen Drink.«

»Aber du trinkst doch gar keinen Alkohol?«

»Dann geh und hol dir selbst einen verdammten Drink, und komm ja nicht wieder, bevor du ihn geleert hast!«

Gerold schluckte einige Male, dann drehte er sich wortlos um und stapfte in Richtung der Punschbowle davon. Er schien ein wenig verwirrt. Wie immer. William sah zu Robert und zuckte die Schultern.

»Nimm’s deinem Onkel Gerold nicht übel, Junge. Er meint es gut, aber er ist als Baby einmal zu oft auf den Kopf gefallen. Es ist nicht allein seine Schuld, daß er genauso nützlich ist wie ein einbeiniger Invalide beim Elfmeterschießen. Gibt es… gibt es noch etwas, das du mich vor Beginn der Zeremonie fragen möchtest? Ich meine, ich… ich bin schließlich ein verheirateter Mann, und…«

»Ach das«, sagte Robert schnell. »Nein, das geht schon in Ordnung. Wenn du wüßtest, wie viele Leute bereits mit mir darüber gesprochen haben. Alle gaben mir freizügig Rat, aber was mich als einziges wirklich interessiert ist, wie ich diesem Schlammassel entkommen kann.«

William lächelte und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Junge, aber das steht nicht zur Debatte. Die Pflicht ruft. Der Feldglöck erteilt die Befehle, und wir haben ihm zu gehorchen. Wo kämen wir sonst hin? In ein einziges verdammtes Chaos, und all die anderen Familien würden sich wie Haie auf uns stürzen, die Blut gerochen haben. Oder geschmeckt? Das kann ich mir nie merken! Aber egal. Wenn es dir ein wenig hilft – ich habe mich vor meiner eigenen Hochzeit genauso gefühlt wie du jetzt. Und ich schätze, ich habe noch Glück gehabt.«

»Mach nur weiter so, und wir müssen eine Bullenpeitsche benutzen, um ihn vor den Altar treiben«, ertönte eine wohlbekannte, schrille Stimme.

Robert und William Feldglöck wandten de Köpfe um und sahen sich Adrienne Feldglöck gegenüber, lebensgroß und doppelt so penetrant. William zuckte merklich zusammen, und er dachte noch über die richtigen Worte nach, um Robert und Finlays Frau einander vorzustellen, als Adrienne schon einen Schritt vortrat, ihn zur Seite schob und Robert anlächelte.

»Hallo, Robert. Ich bin Adrienne, Finlays Frau. Ich bin diejenige, vor der dich wahrscheinlich jeder schon einmal gewarnt hat, und du tust gut daran, jedes einzelne Wort zu glauben. Meist versuchen sie, mich von öffentlichen Auftritten abzuhalten, weil ich sie immer wieder in peinliche Verlegenheit bringe. Ich muß schon sagen. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie peinlich oder verlegen gefühlt! Aber zu deinem großen Glück konnten sie mich nicht von einer so wichtigen Hochzeit fernhalten. Los, du kommst mit mir, mein Lieber. Da ist jemand, den ich dir unbedingt vorstellen möchte.«

»Äh…«, sagte Robert.

Adrienne rauschte los, und Robert hielt sich zögernd einen Schritt hinter ihr. »Wolltest du etwas sagen, mein Lieber?

Nein? Dachte ich mir’s doch. Los, komm schon, wir haben nicht viel Zeit.«

Adrienne nahm ihr Opfer mit einem Griff wie ein Schraubstock an der Hand und zog es hinter sich her durch das Gedränge. Robert blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, jedenfalls schien es ihm das sicherste, wenn er seine Hand unbeschädigt zurück haben wollte. Sie erreichten den Rand der Versammlung, und überall folgte ihnen empörtes Getuschel. Dann zog Adrienne ihn durch eine Seitentür in einen ruhigen Wohnraum, der mit ziemlich alten und unvorstellbar häßlichen Antiquitäten vollgestopft war. Und dort saß, wie eine vereinzelte Blume in einem Garten voller Gestrüpp, Letitia Shreck, seine zukünftige Braut. Sie sprang auf, als Adrienne mit ihrem Opfer durch die Tür gestürmt kam, und blieb dann mit züchtig niedergeschlagenen Augen ruhig stehen. Sie war sechzehn Jahre alt und mehr als hübsch. Vieles deutete darauf hin, daß sie zu einer wunderschönen Frau heranwachsen würde. Das lange Brautkleid ließ sie sehr zerbrechlich erscheinen, beinahe wie eine Porzellanfigur, die ganz alleine auf einem breiten Regal stand. Robert blickte erst zu ihr und dann zu Adrienne, und auf seinem Gesicht stand sein Erschrecken geschrieben.

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Adrienne barsch. »Es ist nicht üblich, daß Brautleute sich vor der Zeremonie zu sehen bekommen. Aber sie werden diesmal darüber hinwegsehen, weil sie Angst haben, ich könnte ihnen vor allen Leuten eine Szene machen. Ich kann sehr gut sein, wenn es um eine Szene geht.