Egal. Ich habe euch beide zusammengebracht, damit ihr reden könnt, also fangt an. Ich werde an der Tür Wache stehen. Ihr habt ungefähr zwanzig Minuten, bevor sie kommen und euch vor den Altar zerren, also macht das Beste daraus… ach was, redet einfach miteinander. Ihr werdet überrascht sein, wie viele Gemeinsamkeiten ihr habt.«
Mit diesen Worten rauschte Adrienne Feldglöck aus der Tür hinaus und zog sie mit festem Griff hinter sich ins Schloß.
Robert und Letitia blieben allein zurück und starrten sich wortlos an. Es war plötzlich sehr still im Zimmer. Sie konnten das Gemurmel erhobener Stimmen aus dem Ballsaal durch die verschlossene Tür hindurch hören, aber es hätte ebensogut von einer anderen Welt stammen können. Einen Augenblick lang schien die Zeit selbst stillzustehen, und keiner von beiden rührte sich. Dann räusperte sich Robert verlegen.
»Möchtest du dich nicht setzen, Letitia?« fragte er.
»Ja, danke.«
Sie nahmen einander gegenüber Platz, wobei sie peinlich darauf achteten, genügend Distanz zwischen sich zu bewahren. Robert überlegte krampfhaft, was er sagen könnte, um nicht als kompletter Idiot dazustehen.
»Letitia…?«
»Titz.«
»Verzeihung?«
»Ich… ich möchte, daß du mich Titz nennst. Wenn es dir nichts ausmacht.«
»Oh? Ja, ja natürlich. Du kannst Bobby zu mir sagen. Wenn du möchtest.« Sie blickten sich zum ersten Mal in die Augen, und plötzlich lächelte Robert. »Sag mal, Titz, fühlst du dich in deinem Kleid genauso unwohl wie ich mich in diesem Frack?«
Sie lachte laut auf und schlug erschreckt die Hände vor den Mund. Vorsichtig blickte sie zu Robert, um zu sehen, ob er nicht schockiert war. Beruhigt durch sein freundliches Lächeln, senkte sie die Hände wieder und lächelte zurück.
»Ich hasse dieses Kleid. Wenn es auch nur einen Millimeter enger wäre, dann hätte ich es unter der Haut. Ich wage es nicht, etwas zu essen oder zu trinken. Ich glaube nicht, daß in diesem Kleid dafür Platz ist. Und jedesmal, wenn ich auf die Toilette muß, benötige ich zwei Dienerinnen, die alle Schnüre und Schnallen öffnen. Und ich war schon ziemlich oft auf der Toilette. Ich glaube, das ist die Aufregung. Aber wenn ich etwas sage oder mich gar beschwere, dann kriege ich als Antwort nur, daß die Tradition es so verlangt. Als ob das irgendein Problem lösen würde.«
»Ja, du hast recht«, sagte Robert, als Letitia eine kurze Pause machte, um Luft zu schöpfen. »Wenn ich noch ein einziges Mal das Wort Tradition zu hören bekomme, muß ich schreien.
Ich hab’ erst vor sechs Stunden erfahren, daß ich heiraten muß. Und du?«
»Genauso. Sie dachten wahrscheinlich, wenn sie uns mehr Zeit geben, suchen wir das Weite oder so etwas.«
»Weit daneben lagen sie damit nicht. Jedenfalls bei mir«, gestand Robert trocken. »Das hier ist nicht im entferntesten das, was ich vorhatte, als ich heute morgen aufgestanden bin.
Wenn ich gewußt hätte, was auf mich zukommt, wäre ich so schnell davongerannt, daß sich in ihren Köpfen alles gedreht hätte, und ich hätte erst am Horizont wieder angehalten. Aber das war, bevor ich dich getroffen habe. Ich meine… ich dachte… Also ich weiß nicht mehr, was ich dachte, aber du… du bist in Ordnung.«
»Danke«, erwiderte Letitia. »Du weißt wirklich, wie man einer Dame ein Kompliment macht, was?«
Robert grinste. »Nein, eigentlich nicht. Ich war die meiste Zeit meines Lebens in der Kadettenanstalt. Man erwartet es von jungen Aristokraten, die kein Erbe antreten werden. Beim Militär trifft man nicht viele Frauen. Und wie steht es mit dir? Gab es schon einmal jemand… Besonderen in deinem Leben?«
»Es gab da jemanden, ja. Aber… es ist vorbei. Sie sind dahintergekommen und haben uns jeden weiteren Kontakt unmöglich gemacht.« Letitia lächelte schief. »Er war einer meiner Leibwächter. Aber ich durfte auch so nicht besonders häufig ausgehen. Nicht mehr, seit die Imperatorin damit begonnen hat, ihre Dienerinnen aus den Familien zu entführen. Ich kannte die arme Lindsay, weißt du, die Nichte des alten Shreck, die verschwand. Sie war so fröhlich und lustig. Seither werden wir schwer bewacht. Ich schätze, es ist nur zu verständlich, aber es macht das Leben auch sehr… ruhig.«
Robert nickte zustimmend. »Und jetzt sind wir hier und kurz davor zu heiraten. Es ist irgendwie eigenartig, daß ich jemanden zur Frau nehmen soll, der aus einem lebenslang verfeindeten Clan stammt.«
»Finde ich auch«, stimmte Letitia ihm zu. Dann klatschte sie unvermittelt in die Hände und grinste verschlagen. »Eßt ihr Feldglöcks wirklich kleine Kinder zum Frühstück?«
»Oh, jeden Tag. Schmeckt viel besser als diese blöden Frühstücksflocken.«
»Vielleicht bringen wir unsere Familien ja wirklich näher zusammen, wie es geplant ist. Man hat schon Pferde vor der Apotheke… du weißt schon. Bobby…?«
»Ja, Titz?«
»Wenn ich schon heiraten muß, dann bin ich froh, daß es wenigstens jemand wie du ist.«
»Danke gleichfalls, Titz. Danke gleichfalls.«
Sie streckte ihre Hand aus, und er ergriff sie zaghaft und umschloß ihre schlanken Finger mit den seinen. Dann saßen sie eine Weile nur schweigend da und lächelten sich an. Wieder schien die Zeit stillzustehen, bis Adrienne hereingeplatzt kam.
»Du lieber Gott, jetzt habt ihr soviel Zeit gehabt und seid noch immer beim Händchenhalten? Ich weiß wirklich nicht, was mit euch jungen Leuten heutzutage los ist. Wenn ich du wäre, dann hätte ich ihn inzwischen schon längst an die Wand gedrückt und… Aber die Zeit ist um, fürchte ich. Finlay hat mich geschickt, um dich zu holen, Robert. Dringende Familienangelegenheiten, und deine Anwesenheit ist erforderlich.«
Robert drückte Letitias Hand ein letztes Mal und erhob sich.
»Familienangelegenheiten sind immer dringend. Ganz besonders dann, wenn es einem ungelegen kommt. Ich bin sehr froh, daß wir diese Gelegenheit hatten, miteinander zu reden, Titz. Wir sehen uns dann.«
»Bis später«, erwiderte Letitia und warf ihm einen Kuß zu.
Robert fing ihn mitten aus der Luft und steckte ihn in die Brusttasche über seinem Herzen, bevor er Adrienne erlaubte, ihn herauszuführen.
Die dringenden Familienangelegenheiten stellten sich als Vollversammlung heraus. Alle waren in einem Nebenraum zusammengedrängt, und vor der Tür hatte man Leibwächter postiert, um sicherzustellen, daß niemand stören würde. Finlay stand in seinem atemberaubend geckenhaften Kostüm im Eingang und musterte Adrienne durch seinen Kneifer hindurch, als wäre sie eine Fremde. William und Gerald stritten sich leise, aber heftig, und unterbrachen ihre Diskussion nur kurz, um Robert bei seinem Eintreten zuzunicken. Er schloß die Tür hinter sich. Ringsum erblickte er nur ernste Gesichter, und seine Stimmung sank. Irgend etwas lag in der Luft. Er konnte es förmlich spüren. Finlay räusperte sich laut, und alle drehten die Köpfe zum Feldglöck-Erben.
»Der Feldglöck kann nicht persönlich anwesend sein«, begann Finlay tonlos. »Er hat eine Nachricht von unseren Verbündeten auf Shub übersandt. Sie kam über eine ganze Reihe von Espern hier an, also können wir ziemlich sicher sein, daß niemand sie abgefangen hat. Wie es scheint, hat eines der anderen Häuser unsere Verbindungen zu Shub entdeckt.«
»Halt, halt! Einen Augenblick mal!« unterbrach ihn Robert.
»Habe ich das richtig verstanden? Was ist das für ein Gerede von wegen Shub? Welche Verbündeten haben wir auf dieser Höllenwelt?«
»Du hast ein Recht, es zu erfahren«, erwiderte Finlay. Seine Stimme besaß einen überraschend ernsten Tonfall, zum ersten Mal, seit Robert ihn kannte. »Du wirst schließlich in Zukunft eine zentrale Rolle bei den Geschäften der Familie spielen.
Aber du darfst mit niemandem außerhalb der Familie darüber sprechen, nicht einmal mit deiner Frau. Niemand darf etwas davon erfahren. Unsere Existenz als eines der Häuser des Imperiums steht auf dem Spiel. Wir intrigieren nun schon seit einiger Zeit gemeinsam mit den KIs von Shub gegen die Politik des Imperiums. Die Feinde der Menschheit haben uns