Viele der anwesenden Gäste bewegten sich unruhig. Die ESP-Blocker waren für diesen Augenblick abgeschaltet worden, so daß nun wirklich die Gefahr eines psionischen Angriffs von außen bestand, aber die meisten machten sich viel mehr Sorgen wegen der kleinen Geheimnisse, die sie mit sich herumschleppten und die der Kirchenesper vielleicht entdecken mochte. Zu verbergen hatte mehr oder weniger jeder etwas. Und zwar eher mehr.
Doch die Sorgen waren unbegründet. Der Esper wußte genau, daß er nicht riskieren durfte, seine Gedanken in Richtung der Gäste abschweifen zu lassen. Nur zur Erinnerung stand neben ihm ein Gardist der Kirche und hielt den Disruptor auf ihn gerichtet. Also konzentrierte er sich auf die Braut und den Bräutigam vor sich, und jede Unterhaltung verstummte. Bis sein Kopf plötzlich hochruckte und er überrascht einen Schritt zurückwich. Kassar funkelte ihn wütend an.
»Was gibt’s? Ist die Identität eines der beiden fragwürdig?«
»Nein, Hochwürden«, erwiderte der Esper rasch. »Die beiden sind genau die, die sie zu sein behaupten. Es ist nur… ich habe nicht zwei, sondern drei Egos gespürt. Die Lady Letitia ist schwanger. Und der Vater ist nicht der Bräutigam.«
Für einen Augenblick herrschte schockiertes Schweigen, bevor ein Aufstand unter den anwesenden Hochzeitsgästen ausbrach. Robert starrte mit offenem Mund auf Letitia, und Letitia starrte wie betäubt zu ihm zurück. Gab es schon einmal jemand… Besonderen in deinem Leben, hatte er sie gefragt, und sie hatte mit Ja geantwortet. Kassar riß die goldene Schnur von ihren Handgelenken und warf sie in die Ecke. Es schien, daß jeder jeden anschrie und brüllte, so groß war der Lärm, und dann fuhren Schwerter aus der Scheide. Rasch bildete sich ein freier Raum um die befleckte Braut, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Adrienne versuchte sich zu ihr vorzudrängen, doch diesmal bot die Menge selbst für sie kein Durchkommen. Eine befleckte Braut zu einer Hochzeit zwischen verfeindeten Clans zu bringen, würde den Shrecks den Bann der Imperatorin einbringen. Es war die allergrößte Beleidigung.
Die Shrecks schrien und beteuerten ihre Unschuld und daß sie nichts davon gewußt hätten, aber niemand hörte ihnen zu.
Robert machte einen tröstenden Schritt zu Letitia hin, obwohl er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte. Und dann brach plötzlich Gregor Shreck durch die tobende Menge, in der Hand die goldene Kordel, das Gesicht rot vor rasender Wut.
Letitia wich ängstlich vor ihm zurück. Bevor noch jemand wußte, was der alte Shreck vorhatte, warf er die goldene Schnur um den Hals seiner Nichte und zog sie zu. Ihre Augen quollen hervor, als sie verzweifelt um Luft kämpfte, und sie umklammerte hilflos die Handgelenke des alten Shreck. Er wirbelte sie herum, stemmte das Knie in ihren Rücken und verstärkte seinen Griff noch. Die Muskeln in seinen Armen traten deutlich hervor. Robert stürzte vor, um ihn aufzuhalten, aber William und Gerald hielten ihn mit kalten, leidenschaftslosen Gesichtern gepackt, so sehr er auch gegen sie kämpfte und sich wehrte.
Letitias Gesicht wurde entsetzlich rot, und die Zunge hing aus dem Mund. In der Menge wurden Rufe und Schreie laut, doch niemand machte Anstalten, ihr zu Hilfe zu kommen.
Robert kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung gegen seine beiden Onkel, aber William und Gerald hatten ihn im Griff.
Er schrie Letitias Namen. Ihm war nicht bewußt, daß er weinte. Letitia sank zu Boden, nur noch durch das strangulierende Seil in den Händen des alten Shreck gehalten. Dann, als ihr Ende nahte, wurde es im Ballsaal plötzlich ganz still. Nur noch der stoßweise Atem des Shreck, das letzte panische Röcheln Letitias und Roberts gequältes Schluchzen waren zu vernehmen. Schließlich verdrehte Letitia die Augen nach oben. Ihr Körper wurde schlaff, und Gregor Shreck lockerte beinahe zögernd seinen Griff. Leblos sank die Braut zu Boden und rührte sich nicht mehr.
Gregor wandte sich an Finlay, das Gesicht von der Anstrengung noch immer hochrot, sein Atem stoßweise hechelnd.
»Ich bitte um Verzeihung für mich und meinen Clan und präsentiere Euch diesen Tod als Sühne. Darf ich hoffen, daß Ihr uns vergebt?«
»Wir vergeben Euch«, erwiderte Finlay Feldglöck. »Der Ehre ist Genüge getan. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt über eine andere Braut beraten, so daß die Heirat dennoch stattfinden kann. Diese Zeremonie soll vergessen sein und niemals wieder erwähnt werden.«
Er nickte William und Gerald zu, und sie ließen Robert los.
Der junge Bräutigam stolperte vor und kniete neben Letitias Leichnam nieder. Finlay blickte über seine Familie und dirigierte sie mit den Augen aus dem Saal. Die Shrecks folgten ihnen, dann die Wolfs, und schließlich der Vikar James Kassar mit seinen Leuten, bis nur noch Robert Feldglöck übrig war. Noch immer kniete er neben seiner toten Braut, und noch immer hielt er ihre blasse Hand in der seinen.
Draußen, auf dem Gang, musterte der alte Shreck schweigend seine Lieblingstochter Evangeline. Es soll ihr eine Lehre sein, dachte er. Er würde auch sie töten, wenn es sein mußte.
Er hatte es schon früher getan. Bei dem Gedanken stahl sich ein kaltes Lächeln auf sein Mondgesicht. Er hatte seine wirkliche Tochter Evangeline getötet, weil sie ihn nicht so hatte lieben wollen wie er sie.
Wie eine Frau einen Mann.
Er war der Shreck, und man hatte ihm zu gehorchen.
KAPITEL ACHT
IM UNTERGRUND
Das schwierige mit Untergrundbewegungen ist, daß sie ihren Namen meist zu wörtlich nehmen, dachte Valentin bissig. Er kämpfte sich durch den engen Wartungstunnel voran, die Schultern nach vorn gebeugt und den Kopf eingezogen, um nicht ständig gegen die niedrige Decke zu stoßen. Der Tunnel erstreckte sich endlos vor ihm, eng und düster und uneingeschränkt deprimierend. Schwach brennende Lampen hingen in regelmäßigen Abständen an der Wand. Sie verbreiteten eben genug Licht, um ihn mit schmerzenden Augen in die vor ihm liegende Dunkelheit schielen zu lassen. Ein unentwirrbares Durcheinander von Kabeln erstreckte sich an den Wänden und der Decke, in farbigen Kodierungen, die wahrscheinlich einen Sinn ergaben, wenn man sich damit auskannte. Für Valentin waren es nur schrille, bunte Farben, weiter nichts. Einige Kabel waren durchgescheuert und hingen lose herab wie Ranken, und er mußte sich seinen Weg bahnen, indem er die Enden mit dem Arm zur Seite schlug. Überall lag Dreck und Staub. Offensichtlich war der Tunnel schon lange nicht mehr benutzt worden, aber Valentin hatte vollstes Verständnis dafür. Die Aussicht war in höchstem Maße monoton, und der Geruch war entsetzlich.
Er befand sich tief in den Eingeweiden der Welt, in ihrer verborgenen Unterseite: dem Labyrinth aus Abwasserkanälen und Wartungstunneln, das die verschiedenen, selbsterhaltenden Welten miteinander verband, die im Innern von Golgatha existierten. Obwohl das komplizierte Labyrinth für die Überlebensfähigkeit der inneren Welten unabdingbar war, dachten nur wenige Leute je darüber nach. Nur Wartungspersonal war hier unten erlaubt; auf der anderen Seite war Valentin daran gewöhnt, sich an Orten aufzuhalten, zu denen er eigentlich keinen Zutritt hatte. Seine Lippen kräuselten sich angeekelt, als der Schlamm, durch den er bereits seit einiger Zeit watete, stetig tiefer wurde. Mittlerweile reichte er schon bis an die Knöchel seiner modischen, engen Lederstiefel, und er tat dem teuren Schuhwerk gewiß alles andere als gut. Valentin hatte keine Ahnung, aus was der Schlamm bestand; jedoch verspürte er nicht de geringste Lust, seine Zusammensetzung näher zu analysieren. Er hatte das starke Gefühl, daß es besser war, wenn er es nicht wußte. Das Zeug sah verdächtig organisch aus, und es war sicher besser, so wenig wie möglich darin herumzurühren. Valentin stapfte durch den Tunnel, eine Hand stets in der Nähe des Kolbens seiner Pistole, und versuchte ohne rechten Erfolg, die schmerzenden Muskeln seines krummen Rückens zu entspannen.