Außer den Kriminalbeamten waren auch drei Personen von der Spurensicherung anwesend, die mit getarnten Kameras Fotos von Anwesenden und ihren Autokennzeichen machten.
Als die Kriminalbeamten am späten Nachmittag wieder an ihren Schreibtischen saßen, tauchte ein uniformierter Beamter der Einwanderungsbehörde auf, der zu Garcia wollte.
Sie schüttelten sich die Hand. »Ich wollte Ihnen das hier gleich vorbeibringen«, sagte der Mann von der Einwanderungsbehörde. Er übergab dem Kriminalbeamten einen Umschlag. »Das sind die gewünschten Fingerabdrücke. Sie sind vorhin als E-Mail aus London gekommen.«
»Wunderbar, vielen Dank!« sagte Garcia überschwenglich wie immer. Nachdem sie sich kurz unterhalten hatten, begleitete er den Besucher hinaus.
Detective Garcia wartete darauf, daß Ainslie ein Telefongespräch beendete, gab dann auf und ging zur Spurensicherung hinüber, um mit Julio Verona zu sprechen.
Zehn Minuten später kam Garcia sichtlich aufgeregt zurück. »Hey, Sergeant!« rief er schon von der Tür aus. »Ich hab' was für Sie - eine heiße Spur.«
Ainslie drehte sich auf seinem Drehstuhl um.
»Es geht um Holdsworth, diesen Hundesohn von einem Butler. Ich hab' gleich gewußt, daß er lügt! Die blutigen Fingerabdrücke auf der kleinen Schreibtischuhr sind seine -hundertprozentig. Und das Laborergebnis liegt inzwischen auch vor. Das auf der Rückseite der Uhr gefundene Blut ist mit dem des Ermordeten identisch.«
»Gut gemacht, Pop...« Ainslie wurde unterbrochen, als jemand von einem anderen Schreibtisch aus rief: »Anruf auf Leitung sieben für Sergeant Ainslie!«
Er machte Garcia ein Zeichen, einen Augenblick zu warten, nahm den Telefonhörer ab und meldete sich. »Hier ist Karina Vazquez, Sergeant«, sagte eine Frauenstimme. »Mr. Wilhelm ist wach und gern bereit, Sie zu empfangen. Er weiß etwas, glaube ich. Aber kommen Sie bitte schnell! Er kann jeden Augenblick wieder einschlafen.«
Ainslie seufzte, als er den Hörer auflegte. »Eine interessante Neuigkeit, Jose; damit müssen wir uns näher befassen. Aber ich muß mich erst um etwas anderes kümmern.«
Im zweiten Stock der Villa der Davanals führte Mrs. Vazquez Ainslie in ein geräumiges Schlafzimmer mit heller Eichenholztäfelung und großen Fenstern mit herrlicher Aussicht auf die Biscayne Bay. In einem großen Himmelbett mit Blick aufs Wasser ruhte eine von Kissen gestützte schmächtige, ausgezehrte Gestalt - Wilhelm Davanal.
»Das ist Mr. Ainslie«, meldete Mrs. Vazquez den Besucher an. »Er ist der Polizeibeamte, den Sie empfangen wollten, Mr. Wilhelm.« Dabei rückte sie einen Sessel neben sein Bett.
Der Greis nickte, deutete auf den Sessel und sagte leise: »Bitte nehmen Sie Platz.«
»Danke, Sir.« Als Ainslie sich setzte, fragte Vazquez hinter ihm: »Stört es Sie, wenn ich bleibe?«
»Nein, das ist mir nur recht.« Falls sich etwas Wichtiges ergab, konnte eine Zeugin nützlich sein.
Ainslie betrachtete den Siebenundneunzigjährigen.
Trotz seines hohen Alters und seiner Gebrechlichkeit war Wilhelm Davanal eine Patriziergestalt mit markanten, schmalen Gesichtszügen. Sein schlohweißes Haar war schütter, aber ordentlich gescheitelt. Nur die losen Hautfalten an Wangen und Hals, seine wäßrigen Augen und die zitternden Hände verrieten, wie abgenutzt sein Körper nach fast einem Jahrhundert war.
»Schade um Byron.« Der Alte sprach so leise, daß Ainslie sich anstrengen mußte, um ihn zu verstehen. »Hat nicht viel Rückgrat und überhaupt kein Geschäftstalent besessen, aber ich habe ihn immer gern gemocht. Hat mich oft besucht; die anderen tun das selten, sind zu beschäftigt. Byron hat mir manchmal vorgelesen. Wissen Sie schon, wer ihn ermordet hat?«
Ainslie entschied sich dafür, offen zu antworten. »Möglicherweise niemand, Sir. Wir halten einen Selbstmord für denkbar.«
Der Gesichtsausdruck des Alten veränderte sich nicht. Er schien zu überlegen, dann sagte er: »Wundert mich nicht. Hat mir mal erzählt, sein Leben sei leer.«
Während Ainslie sich rasch Notizen machte, flüsterte Vazquez ihm zu: »Vergeuden Sie keine Zeit, Sergeant. Beeilen Sie sich, falls Sie Fragen stellen wollen.«
Ainslie nickte. »Mr. Davanal, haben Sie in der Nacht zum letzten Dienstag oder früh am Dienstagmorgen ein Geräusch gehört, das ein Schuß hätte sein können?«
Diesmal klang die Greisenstimme kräftiger. »Habe den Schuß gehört. Laut. Habe genau gewußt, was das war. Habe mir auch die Zeit gemerkt.«
»Wann ist das gewesen, Sir?«
»Kurz nach halb sechs. Habe hier einen Radio wecker.« Der Alte deutete mit zitternder Hand auf seinen Nachttisch.
»Haben Sie nach dem Schuß noch irgend etwas gehört, Mr. Davanal?«
»Ja. Meine Fenster waren offen. Nach ein paar Minuten sind unten weitere Geräusche zu hören gewesen. Auch auf der Veranda. Stimmen.«
»Haben Sie erkannt, wer gesprochen hat?«
»Holdsworth. Er ist unser...«
Die Stimme des Alten wurde noch leiser. Ainslie warf hastig ein: »Ja, ich weiß, daß er der Butler ist. Haben Sie noch jemanden erkannt?«
»Ich glaube... ich glaube, das ist...« Als seine Stimme versagte, flüsterte er: »Wasser, bitte.« Vazquez brachte ihm ein Glas und stützte ihn, als er einige kleine Schlucke nahm. Dann fielen ihm die Augen zu, während sein Kopf nach hinten sank. Seine Pflegerin bettete ihn in die Kissen, bevor sie sich an Ainslie wandte.
»Das war's für heute, Sergeant. Mr. Wilhelm schläft jetzt wahrscheinlich sieben bis acht Stunden lang. Ich habe Sie gewarnt!« Sie beugte sich über den Alten, um dafür zu sorgen, daß er bequem ruhte, und richtete sich dann wieder auf. »Ich begleite Sie hinaus.«
Aber Ainslie blieb vor der Schlafzimmertür stehen. »Danke, Mrs. Vazquez, ich finde selbst hinaus. Jetzt möchte ich Sie bitten, mir einen wichtigeren Gefallen zu tun.«
Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu. »Welchen denn?«
»Unter Umständen muß ich Sie später um eine eidesstattliche Erklärung bitten, welche Fragen und Antworten Sie eben gehört haben. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich hinsetzen und alles aufschreiben würden, was Mr. Davanal und ich Ihrer Erinnerung nach gesagt haben.«
»Wird gemacht«, versprach Karina Vazquez ihm. »Sagen Sie mir nur, wann Sie mich brauchen.«
Als Ainslie ins Präsidium zurückfuhr, fragte er sich, ob der Name, den Wilhelm Davanal beinahe genannt hatte, Felicia gewesen war.
»Ich möchte einen Haftbefehl gegen Humphrey Holdsworth wegen Mordes an Byron Maddox-Davanal«, erklärte Ainslie Lieutenant Newbold.
Malcolm Ainslie, Jorge Rodriguez und Jose Garcia saßen im Büro ihres Chefs. Ainslie, der die Punkte aus seinen Notizen vorlas, hatte eben die Verdachtsmomente gegen Holdsworth aufgezählt.
»Seine Fingerabdrücke sind als einzige auf der Uhr gefunden worden, an der Blut des Ermordeten klebt. Folglich muß Holdsworth sie aufgehoben und auf den Schreibtisch zurückgestellt haben.
Holdsworth hat bei seiner Befragung durch Detective Garcia gelogen, als er behauptete, er habe von Byron Maddox-Davanals Tod erst erfahren, als Felicia Maddox-Davanal ihn davon unterrichtet habe, nachdem sie neuneinseins angerufen hatte, was sie um 7.32 Uhr getan hat.
Im Gegensatz zu seiner Aussage hat Wilhelm Davanal ausgesagt, er habe am Mordtag gegen halb sechs Uhr morgens einen lauten Schuß und wenig später die Stimme des Butlers gehört. Er kennt Holdsworth gut und ist sich sicher, ihn gehört zu haben. Mr. Davanal hat bei offenem Fenster geschlafen, und die Stimme ist von der Veranda gekommen, die unmittelbar vor dem Tatort liegt.«
»Haltet ihr alle Holdsworth für den Mörder?« fragte Newbold seine Kriminalbeamten.
»Im Vertrauen gesagt, Sir, nein«, gab Ainslie zu. »Aber wir haben genug in der Hand, um ihn zu verhaften, ihm Angst einzujagen und ihn zum Reden zu bringen. Er weiß genau, was am Tatort passiert ist; darüber sind wir uns einig.« Er sah zu den beiden anderen hinüber.