Gustavs jüngerer Bruder Zachary hatte seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgegeben, wie es viele reiche Amerikaner taten, um nicht länger prohibitiv hohe Steuern zahlen zu müssen. Zachary lebte jetzt abwechselnd auf den Caymans und den Bahamas - beides angenehme, sonnige Steueroasen. Cynthias Bankkonto auf den Cayman Islands wurde von Zachary eingerichtet, der immer wieder größere Beträge darauf einzahlte, die jeweils als steuerfreies »Geschenk« deklariert wurden. Nach jeder Einzahlung erhielt Cynthia ein Schreiben ihres Onkels, der ihr dieses neuerliche Geschenk ankündigte.
Cynthia wußte recht gut, daß dieses Geld in Wirklichkeit von ihrem Vater stammte, der eng mit seinem Bruder zusammenarbeitete, was Steuerumgehung betraf - oder war das Steuerhinterziehung? Das kümmerte Cynthia nicht weiter, obwohl sie sich darüber im klaren war, daß Steuerumgehung legal und Steuerhinterziehung illegal war.
Um sich persönlich als Steuerzahlerin legal zu verhalten, hob Cynthia die unbeantworteten Briefe ihres Onkels auf und legte sie ihrem Steuerberater vor.
»Die Briefe sind in Ordnung«, erklärte er ihr. »Bewahren Sie sie für den Fall auf, daß Sie nachweisen müssen, daß die Einzahlungen steuerfreie Geschenke gewesen sind. Ihr Bankkonto auf den Cayman Islands und die dort eingegangenen Geldgeschenke sind völlig legal. Aber Sie müssen das Konto auf jeder Steuererklärung angeben und die Zinsen als Einkommen versteuern. Dann kann Ihnen nichts passieren.«
Als die Steuerbehörde später eine Steuererklärung Cynthias nachprüfte und ohne Einwände akzeptierte, war dies die Bestätigung für den Ratschlag ihres Steuerberaters, so daß sie nie befürchten mußte, sich illegal zu verhalten. Trotzdem hielt sie ihr Millionenvermögen auf den Caymans vor jedermann außer ihrem Steuerberater und dem U.S. Internal Revenue Service geheim. Sie hatte auch nicht vor, Patrick Jensen davon zu erzählen.
Er hatte einige Minuten lang schweigend nachgedacht.
»Reichlich Geld kann nicht schaden«, sagte er jetzt. »Deinen Plan so umzusetzen, daß die Morde nie aufgeklärt werden und alle Beteiligten dichthalten... das kostet einen Haufen Geld, vielleicht zweihunderttausend oder eine Viertelmillion Dollar.«
»Das kann ich zahlen«, stellte Cynthia fest.
»Wie?«
»Bar.«
»Okay. Welchen Zeitplan hast du?«
»Es gibt keinen - noch nicht. Laß dir bei der Suche nach dem richtigen Mann ruhig Zeit. Hauptsache, du findest einen, der clever, hart, brutal, verschwiegen und absolut zuverlässig ist.«
»Das wird nicht leicht sein.«
»Darum gebe ich dir reichlich Zeit.« Ich werde die Wartezeit in dem Bewußtsein genießen, sagte Cynthia sich, daß meine lange geplante Rache vielleicht schon bald in die Tat umgesetzt werden wird.
»Wenn du schon dabei bist«, sagte Patrick, »kannst du auch für mich einen Haufen Geld einplanen.«
»Den bekommst du vor allem dafür, daß du meinen Namen aus dieser Sache raushältst. Der Mann, den du anheuerst, darf ihn unter keinen Umständen erfahren. Niemand darf jemals auch nur andeutungsweise erfahren, daß ich die eigentliche Auftraggeberin bin. Und je weniger Einzelheiten ich weiß, desto besser - aber ich muß das Datum mindestens zwei Wochen im voraus wissen.«
»Damit du dir ein Alibi verschaffen kannst?«
Cynthia nickte. »Damit ich dreitausend Meilen weit entfernt sein kann.«
3
»Laß dir bei der Suche nach dem richtigen Mann ruhig Zeit«, hatte Cynthia zu Patrick Jensen gesagt. Aber es dauerte fast vier Jahre - weit länger, als Cynthia beabsichtigt hatte -, bevor unwiderrufliche Maßnahmen ergriffen wurden.
Die Zeit bis dorthin verging jedoch rasch, vor allem für Cynthia, die im Miami Police Department ungewöhnlich schnell Karriere machte. Aber weder Cynthias Erfolg noch der Lauf der Jahre milderte den Haß, den sie für ihre Eltern empfand. Und ihr Bedürfnis nach Rache blieb unverändert stark. Sie erinnerte Jensen regelmäßig an seine Verpflichtung, die er anerkannte, während er ihr zugleich versicherte, er sei noch auf der Suche nach dem richtigen Mann, der einfallsreich, skrupellos, brutal und zuverlässig sein müsse. Bisher sei er noch nicht aufgetaucht.
Jensen erschien das ganze Vorhaben oft unheimlich und unwirklich. Als Schriftsteller hatte er häufig über Verbrecher geschrieben, aber die Beschäftigung war immer abstrakt geblieben - Wörter und Zeilen auf einem Bildschirm. Er hatte immer geglaubt, die düstere Welt des Verbrechens gehöre zu anderen Leuten, denen er ganz unähnlich sei. Aber jetzt war er einer von ihnen geworden. In blinder Wut hatte er ein Schwerverbrechen verübt, das mit einem Schlag sein bis dahin gesetzestreues Leben beendete. Gerieten auch andere ähnlich überstürzt und unabsichtlich in die Unterwelt? Er vermutete, daß es viele waren.
Während die Monate verstrichen, fragte er sich manchmaclass="underline"
Was ist nur aus dir geworden, Patrick Jensen? Und er antwortete objektiv: Egal, du bist schon zu weit gegangen, es gibt kein Zurück mehr... Anständigkeit ist ein Luxus, den du dir nicht mehr leisten kannst... Ein Gewissen hast du früher haben können, aber jetzt nicht mehr... Kommt jemals heraus, was du getan hast, wird nichts - nicht die geringste Kleinigkeit – vergeben oder vergessen... Also geht's ums nackte Überleben... Überleben um jeden Preis... selbst um den Preis anderer Menschenleben...
Zugleich litt Jensen weiter unter dem Gefühl, etwas ganz Irreales zu erleben.
Im Gegensatz zu ihm hatte Cynthia bestimmt keine solchen Vorstellungen. Ihre hartnäckige Unbeirrbarkeit ließ sie niemals ein Ziel aufgeben. Da er wußte, wie dieser Charakterzug sich auswirken konnte, war ihm klar, daß er seinem Auftrag, einen Mörder für Cynthia Ernsts Eltern zu finden, nicht entgehen konnte. Versagte er dabei, würde sie ihre Drohung wahrmachen und ihn vernichten.
Im Grunde genommen, das erkannte Jensen, war er nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Er war zu einem egoistischen, skrupellosen Fremden geworden.
Während die Verwirklichung ihres Hauptziels sich verzögerte, hatte Cynthia ein Nebenziel erreicht, als sie durch Ausnützung ihres höheren Dienstgrads und eine bösartig akribische Auswertung alter Unterlagen verhindert hatte, daß Malcolm Ainslie zum Lieutenant befördert wurde. Was sie dazu trieb, war selbst Cynthia nur allzu bewußt. Nach einer Kindheit, die einer äußersten Zurückweisung gleichgekommen war, stand ihr Entschluß fest, sich niemals mehr in eine solche Situation bringen zu lassen. Aber Malcolm hatte sie zurückgewiesen, und das würde sie ihm nie verzeihen.
Nachdem ihre endgültige Abrechnung mit Gustav und Eleanor Ernst sich lange hinausgezögert hatte, fand Cynthia schließlich, sie habe lange genug gewartet. Das teilte sie Patrick während eines Wochenendes in Nassau auf den Bahamas mit, wo sie wieder in verschiedenen Hotels wohnten - Cynthia in dem luxuriösen Paradise Island Ocean Club.
Nach einem langen, befriedigenden Vormittag im Bett setzte Cynthia sich plötzlich auf. »Hör zu, du hast überreichlich Zeit gehabt. Ich will bald Action sehen, sonst unternehme ich etwas.« Sie beugte sich zu Patrick hinüber und küßte ihn auf die Stirn.
»Und glaub mir, Sweetheart, woran ich denke, würde dir nicht gefallen.«
»Ja, ich weiß.« Jensen, der schon länger ein Ultimatum dieser Art erwartet hatte, fragte: »Wie lange habe ich Zeit?«
»Drei Monate.«
»Sagen wir sechs.«
»Vier - ab morgen.«
Er seufzte, denn er wußte, daß das ihr Ernst war. Und er war sich aus Gründen, die bei ihm lagen, darüber im klaren, daß die Zeit gekommen war.
Jensen hatte ein weiteres Buch geschrieben, das wie die beiden vorhergehenden im Vergleich zu seinen früheren Bestsellern ein Reinfall war. Deshalb wurden die Vorschüsse, die Patrick für die drei Romane erhalten und längst ausgegeben hatte, nicht verdient, und er hatte keine Tantiemen zu erwarten. Der nächste Schritt war vorauszusehen gewesen. Sein amerikanischer Verlag, der ihm früher hohe Vorschüsse für noch nicht geschriebene Bücher gezahlt hatte, verweigerte sie jetzt und wollte nur noch Verträge über komplett vorgelegte und für gut befundene Manuskripte abschließen.