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Der junge Mönch war empört.

»Aber das habe ich nicht getan! Ich kannte das Mädchen nur flüchtig, und zwischen uns ist nichts vorgefallen. Nun …, nun, das Mädchen ist außerdem verlobt, soviel ich weiß, mit jemandem aus dem Dorf. Sein Name fällt mir im Augenblick nicht ein. Ich versichere dir, dass zwischen dem Mädchen und mir nichts war.«

Fidelma nickte bedächtig und stand auf.

»Fein, Bruder Fergal. Wenn du mir sonst nichts zu sagen hast …?«

Der junge Mann schaute mit großen, flehenden Augen zu ihr auf.

»Was wird nun aus mir werden?«

»Ich übernehme deine Verteidigung«, erklärte sie ihm. »Aber bisher habe ich nicht viel, was ich vorbringen kann.«

»Dann wird man mich für schuldig befinden?«

»Du kennst die Gesetze des Landes. Wenn man dich des Mordes für schuldig befindet, musst du ihrem nächsten Verwandten den Brautpreis für das Mädchen zahlen. Barrdub war wohl, wie ich gehört habe, eine Freie, die Tochter eines Mitglieds der Clan-Versammlung. Die Strafe ist auf fünfundvierzig Milchkühe plus vier Milchkühe als Gebühr an den Brehon festgelegt.«

»Aber ich besitze keine Reichtümer. Ich habe alles aufgegeben, als ich mich entschloss, in den Dienst des Herren einzutreten, und mein Armutsgelübde ablegte.«

»Du weißt sicherlich auch, dass deine Familie für die Strafe zuständig ist.«

»Aber meine einzige Familie ist die Abtei, unser Orden von Brüdern und Schwestern in Christus.«

Fidelma blickte ihn an.

»Sicherlich. Die Äbtissin muss entscheiden, ob unser Orden deine Strafe bezahlt. Bei der wichtigeren Anhörung, bei der es um deine unsterbliche Seele geht, wird sie dem Gericht vorsitzen. Solltest du des Mordes an Barrdub schuldig gesprochen werden, dann musst du nicht nur vor dem Zivilgericht deine Wiedergutmachung leisten, sondern auch vor Gott büßen.«

»Was ist, wenn die Äbtissin sich weigert, die Strafe zu zahlen?«, fragte Fergal, und sein Atem ging schwer.

»Es wäre sehr ungewöhnlich, das zu verweigern«, versicherte ihm Fidelma. »Unter außergewöhnlichen Umständen könnte sie das tun. Die Äbtissin hat das Recht, dich zu verstoßen, wenn deine Tat so frevelhaft war. Du kannst aus der Klostergemeinschaft ausgeschlossen werden. In diesem Fall kann dich der Brehon der Familie des Opfers übergeben. Die darf dann mit dir verfahren, wie sie will – dich als Sklaven halten oder auf irgendeine ihr angemessen scheinende Art bestrafen. So bestimmt es das Gesetz. Aber so weit wird es nicht kommen. Die Äbtissin will nicht glauben, dass du dieses Mädchen getötet hast.«

»Bei Gott, ich bin unschuldig«, schluchzte der junge Mann.

Fidelma ging mit dem Brehon zu der geschützten Nische an der Flanke des Cnoc-gorm, wo Fergal sich die alte Hütte wieder aufgebaut hatte. Die Klause war ohne Mörtel aus Feldsteinen zusammengefügt.

»Hier hast du Bruder Fergal und das tote Mädchen gefunden?«, fragte Fidelma, als sie vor der Tür stehen blieben.

»Ja«, antwortete der Brehon. »Allerdings wurde der Leichnam des Mädchens inzwischen fortgebracht. Ich verstehe nicht, wozu es gut sein soll, dass du dir die Hütte ansiehst.«

Fidelma lächelte einfach nur, duckte sich unter dem Türsturz und trat ein.

Der Innenraum war klein und dunkel; er ähnelte der Zelle, in der sie gerade mit Fergal gesprochen hatte, außer dass es hier trocken und in der Gefängniszelle feucht war. Fidelma sah ein Holzbett, einen Tisch mit Stuhl, ein Kruzifix und einige andere Gegenstände. Sie schnupperte und bemerkte einen bittersüßen Geruch, der von der kleinen Feuerstelle ausging. Es roch nach verbrannten Blättern des Krautes stramóiniam.

Der Brehon war hinter ihr eingetreten.

»Wurde außer dem Leichnam des Mädchens und Bruder Fergal noch etwas von hier entfernt?«, fragte Fidelma, während ihr Auge auf ein Holzschälchen fiel, das auf dem Tisch stand.

»Wie du siehst, wurde nichts angerührt. Bruder Fergal lag im Bett da drüben, das Mädchen beim Kamin. Wir haben nur die Leiche und Bruder Fergal mitgenommen. Sonst nichts, da uns nichts wichtig erschien.«

»Keine anderen Gegenstände?«

»Keine.«

Fidelma trat zum Tisch, nahm das Schälchen hoch und roch daran. Es war noch ein wenig Flüssigkeit darin, und sie tauchte den Finger hinein, hielt ihn sich unter die Nase und führte ihn an die Lippen. Sie verzog das Gesicht.

»Wie erklärst du dir als Brehon die Tatsache, dass Bruder Fergal, wenn er schuldig ist, Barrdub ermordet haben muss, dann ins Bett gegangen ist, ihre Leiche hier liegen ließ und friedlich bis zum nächsten Morgen schlief? Jemand, der einen Mord begangen hat, würde doch sicherlich erst alles Mögliche unternehmen, um die Leiche zu verbergen und alle Spuren des Verbrechens zu beseitigen, falls jemand käme und es entdeckte?«

Der rundgesichtige Brehon nickte und lächelte.

»Darauf bin ich auch schon gekommen, Schwester Fidelma. Aber ich bin ein einfacher Richter. Ich habe mich mit dem zu beschäftigen, was augenfällig ist, mich um die Indizien zu kümmern. In meiner Ausbildung hat man mir nicht beigebracht, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, warum ein Mann sich so verhält, wie er es tut. Ich interessiere mich nur dafür, ob er sich so verhalten hat.«

Fidelma seufzte, stellte das Schälchen wieder ab und blickte sich noch einmal um, ehe sie die Klause verließ.

Draußen bemerkte sie einen dunklen Fleck an einem der vertikalen Steinpfeiler, die die Tür einrahmten. Er war ein wenig über Schulterhöhe.

»Barrdubs Blut, nehme ich an?«

»Das ist vielleicht dorthin gelangt, als meine Leute die Leiche heraustrugen«, stellte der Brehon gleichgültig fest.

Fidelma betrachtete den Fleck eine Weile, ehe sie sich umwandte, um sich auch die Umgebung der Hütte genauer anzuschauen. Zu beiden Seiten wurde des Gebäude von Baumreihen geschützt, die sich im Wind bogen, der über die Bergflanke peitschte. Ringsum wuchs dichtes Farngestrüpp. Der Hauptpfad von der Hütte zum Dorf hinunter war schmal und ausgetreten. Ein weiterer, noch schmalerer Pfad ging hinter dem Gebäude weiter den Berg hinauf, während ein dritter sich nach rechts an der Bergflanke entlangschlängelte. Alle wurden sichtlich häufiger, als nur gelegentlich benutzt.

»Wo führen sie hin?«

Der Brehon war ein wenig überrascht über diese Frage.

»Auf dem Pfad den Berg hinauf kommt man zur Hütte des Einsiedlers Erca. Der am Hang entlang ist einer von den vielen Wegen, die einen überall hinführen können. Man gelangt so auch ins Dorf.«

»Ich möchte Erca gern sehen«, sagte Fidelma.

Der Brehon wollte etwas erwidern, zuckte dann aber nur mit den Achseln.

Erca war genau so, wie Fidelma ihn sich vorgestellt hatte: ein dünner, schmutziger Mann, der in ein fadenscheiniges Gewand gekleidet war. Sein Haar war zerzaust und verfilzt, und er hatte Glubschaugen. Kaum näherten sie sich seinem rauchenden Feuer, ließ er Beleidigungen auf sie herabregnen.

»Verdammte Christen!«, keifte er. »Geht mir aus den Augen mit eurem ausländischen Gott! Was fällt euch ein, diesen Boden zu entheiligen, der Dagda, dem Vater aller Götter, geweiht ist?«

Der Brehon verzog wütend das Gesicht, aber Fidelma lächelte und ging unverdrossen weiter auf den Einsiedler zu.

»Friede mit dir, Bruder.«

»Ich bin nicht dein Bruder!«, knurrte der Mann.

»Erca, wir sind alle Brüder und Schwestern unter dem einen Gott, der über uns allen ist, bei welchem Namen wir ihn auch immer anrufen. Ich will dir nichts Böses.«

»Nichts Böses, ja? Ach, würden sich doch alle Götter der Dé Danaan aus dem sidhe erheben und alle Anhänger des fremden Gottes aus unserem Land vertreiben, wie sie es seinerzeit in den Zeiten der großen Nebel mit den bösen Formorii gemacht haben.«

»Du hasst also die Christen?«

»Ich hasse die Christen.«

»Du hasst Bruder Fergal?«

»Dieses Land kann meinem Hass auf alle Christen keine Grenzen setzen.«