»Und die arme Muirenn sah nur irgendeinen Mönch, der davonrannte. Und du ließest es zu, dass man sie für die Mörderin hielt.«
»Das wollte ich nicht. Ich habe seither Höllenqualen gelitten.«
»Und doch hast du geschwiegen, als Bruder Aedo behauptete, sie sei die Mörderin. Und du hast noch mehr Schuld auf dich geladen, indem du sie eingesperrt und um einen Brehon gebeten hast, der über sie zu Gericht sitzen sollte.«
»Ich bin auch nur ein Mensch«, rief Pater Allán aus. »Ich bin nicht erhaben über die Sünde, falls denn der Drang nach Selbsterhaltung überhaupt eine Sünde ist.«
Fidelma spitzte nachdenklich die Lippen und schaute ihn an. »Dein Versuch, den Verdacht auf Unschuldige zu lenken, und dann mit anzusehen, wie diese Unschuldigen litten, das ist eine Sünde.«
»Aber ich habe nichts Böses getan. Ich habe die Welt von dem Bösen befreit, das ich einmal in der irrtümlichen Ansicht genährt hatte, es sei das Gute.« Pater Allán hatte die Fassung wiedergewonnen. Seine Züge zeigten Selbstgerechtigkeit, ja geradezu Stolz. »Ich war überzeugt, Muirenn würde ihre Unschuld schon beweisen können. Wenn sie sich als unschuldig erwies, würde der Verdacht nicht unbedingt auf mich fallen. Jemand hatte Nath den unklugen Rat gegeben, sich zu verstecken. Ihm würde man die Tat anlasten. Jeder wusste, wie sehr er Moenach hasste.«
Fidelma hatte plötzlich das Gefühl, dass irgendetwas an dieser Lösung des Falls nicht recht zusammenpasste. Ein Puzzelteil war noch nicht am richtigen Platz. Sie war davon überzeugt, dass Pater Allán Moenach erschlagen hatte. Weshalb hatte er, der bisher weder Bruder Nath geschweige denn jemand anderem abgenommen hatte, was sie über Moenach erzählten, plötzlich Nath geglaubt, als er wegen der Vergewaltigung zu ihm kam, und seinen Schützling unmittelbar danach umgebracht? Irgendetwas stimmte hier nicht.
Plötzlich trat ein spitzbübisches Lächeln auf Fidelmas Gesicht.
Eine Stunde später stand sie wieder vor Illands Hütte.
Ainder begrüßte sie.
»Ich werde dich nicht lange aufhalten, Ainder«, sagte Fidelma. »Ich möchte nur etwas klarstellen. Du hast mir gesagt, dass Nath dich liebt?«
Ainder nickte und sah sie neugierig an.
»Aber du hast seine Liebe nicht erwidert«, fuhr Fidelma leise fort. »Du hast ihn nie geliebt. Du hast ihn nur benutzt.«
Ainder warf Fidelma einen wütenden Blick zu. Sie sah den Augen der Nonne an, dass sie alles wusste.
»Pater Allán steht unter Arrest, denn man verdächtigt ihn des Mordes an Moenach. Muirenn ist wieder frei, und Nath ist ebenfalls unschuldig. Sein einziges Vergehen war, dass er sich leicht hinters Licht führen ließ.«
Eine ganze Weile sagte Ainder nichts. Dann vermochte sie nicht länger zu schweigen.
»Nath ist schwach, hat keinerlei Begabung. Allán ist der Sohn eines Stammesfürsten, hat einen guten Ruf und eine gute Stellung im Leben. Ich, wir …«
Plötzlich begriff sie, was sie soeben zugegeben hatte. Sie ließ die Schultern hängen und fragte mit einer Kleinmädchenstimme: »Was geschieht nun mit mir?«
Fidelma verspürte keinerlei Mitgefühl mit dieser Kindfrau. Sie liebte Pater Allán offenbar genauso wenig, wie sie Nath geliebt hatte. Sie wollte ihn nur benutzen, um ihre Stellung in der Welt zu verbessern. Pater Allán dagegen war ganz vernarrt in das Mädchen. So sehr, dass er, nachdem er von der Vergewaltigung gehört und dies von ihr bestätigt bekommen hatte, Moenach aufgelauert und ihn umgebracht hatte. Die Wut, mit der er auf Naths Bericht reagiert hatte, war keine Wut, sondern Eifersucht gewesen.
Dann hatten sich Pater Allán und Ainder verschworen, die Tat zwei Unschuldigen anzuhängen. Muirenn hätte wahrscheinlich ihre Unschuld beweisen können. Aber Nath hatten sie zu einem Verhalten überredet, das ihn verdächtig machte. Sie hatten seine naive Zuneigung zu Ainder ausgenutzt und den verliebten jungen Mann zynisch betrogen.
»Du wirst der Mittäterschaft am Mord an Moenach angeklagt werden«, sagte Schwester Fidelma.
»Aber ich bin doch nur …«
»Ein junges Mädchen?«, ergänzte Fidelma trocken. »Nein. Wie du schon einmal gesagt hast, bist du erwachsen und kannst deine eigenen Entscheidungen treffen. Vor dem Gesetz giltst du als verantwortlich. Du wirst vor Gericht gestellt.«
Fidelma blickte in das hassverzerrte Gesicht des Mädchens. Sie dachte an den verliebten Bruder Nath und den liebeskranken Pater Allán. Gar is gráin – Liebe oder Hass, diese Wörter hatten im Irischen die gleiche Wurzel. Wie hatte doch der große Dichter Dallán Forgaill geschrieben? Liebe und Hass sind aus dem gleichen Ei geschlüpft.
SCHMÄHLICHER TOD EINES PFERDES
»Das beste Heilmittel für alle Übel der Menschheit ist ein Pferderennen. Es nimmt den Leuten die Streitlust und Habgier. Ohne Pferderennen wäre die Welt um ein Vieles grausamer.«
Der das sagte, war Abt Laisran von Durrow, ein kleiner, rundlicher Mann mit gerötetem Gesicht, der übersprudelte vor Humor und Lebenslust. Wo er ging und stand, strahlte er Fröhlichkeit aus; er war mit der seltenen Gabe gesegnet, stets die positive Seite der Dinge zu sehen. Für ihn war die Welt geschaffen, um ihren Bewohnern Freude zu bereiten.
Schwester Fidelma von Kildare, die neben ihm ging, hatte für seine philosophische Feststellung ein spitzbübisches Grinsen, das ihr als Mitglied der frommen Schwesternschaft von Kildare eigentlich nicht anstand.
»Ich könnte mir vorstellen, dass Erzbischof Ultan deiner Betrachtungsweise wenig abgewinnt, erwiderte sie und unternahm einen schwachen Versuch, sich vorwitzig hervordrängende rote Haarsträhnen zurückzuschieben.
Um den Mund des Abts zuckte es amüsiert, als er seinen einstigen Schützling ansah. Er war es gewesen, der seinerzeit Fidelma zum Studium der Rechtswissenschaft unter dem weithin gerühmten Brehon Morann von Tara gedrängt hatte. Auch später, als sie es bis zum Rang eines anruth gebracht hatte, war sie seinem Rat gefolgt und ins Kloster der heiligen Brigid eingetreten.
»Dafür würde Bischof Bressal mit mir übereinstimmen«, sagte er vergnügt. »Er hat zwei Pferde, die er regelmäßig ins Rennen schickt, und er hat auch nichts dagegen, dass man Wetten auf sie abschließt.«
Fidelma war bekannt, dass Bressal, Bischof am Hof von Fáelán der Uí Dúnlainge, dem König von Laighin, ein glühender Verfechter des Pferdesports war. Im Grunde genommen gab es nur wenige in den fünf Königreichen von Éireann, die das nicht waren. Selbst das alte Wort für ein bekanntes Fest in Éireann, aenach, bedeutete »Wettstreit der Pferde«; da strömten die Menschen zusammen, debattierten über gewichtige Dinge, ließen ihre Pferde rennen, schlossen Wetten auf sie ab, schmausten, freuten sich ihres Lebens und feierten nach Herzenslust. Erst in jüngster Zeit hatte der Erzbischof und Primas Ultan von Armagh begonnen, die beliebten Volksfeste als dem Glauben abträglich zu verurteilen, sie als Gotteslästerung und heidnische Verderbtheit hinzustellen. Er erreichte mit seinen Anprangerungen nicht viel; die meisten, selbst sein eigener Klerus, setzten sich darüber hinweg. Die alten Sitten und Bräuche waren zu tief in den Menschen verwurzelt, als dass die Vorurteile eines einzigen Mannes sie hätten ändern, geschweige denn ausmerzen können.
Auch Abt Laisran und Schwester Fidelma rührten seine Vorhaltungen wenig, mischten sie sich doch unter die Menge, die zum Aenach Lifé, dem jährlichen Fest strebte, das auf der großen Ebene abgehalten wurde. Seit alten Zeiten, seit dem Hochkönig Conaire Mór, hieß die Rennbahn Curragh Lifé, so benannt nach dem mächtigen Fluss, der sich in unmittelbarer Nähe vorbei an den Wällen der Hügelfestung Dún Aillin seinen Weg bahnte. Die Legende wollte es, dass schon die heilige Brigid, die Begründerin des Ordens in dem nahen Kildare, dem auch Fidelma angehörte, ihre Pferde auf ebendieser Ebene ins Rennen geschickt hatte. Jetzt war der Curragh die in allen fünf Königreichen beliebteste Rennstrecke, und zum Aenach Lifé strömten die Menschen aus allen Ecken Irlands. Jedes Jahr war der König von Laighin höchstpersönlich anwesend, eröffnete das Fest und hatte auch selbst die unbestritten besten Rösser aus den königlichen Stallungen im Einsatz.