Fast unmerklich zuckte Fáelán ob ihrer formlosen Art zusammen und erklärte dann: »Er ist heute nicht anwesend. Es bedarf aber eines Brehons, weil nur er darüber befinden kann, ob es gerechtfertigt ist, den Bischof in Haft zu nehmen und vor Gericht zu stellen. Und da es sich in diesem Fall um einen hohen geistlichen Würdenträger handelt, ist es ein glücklicher Zufall, dass ich mit deiner Person eine dálaigh habe, die gleichzeitig Mitglied eines frommen Ordens ist.«
»Lass mich also die Fakten hören. Wer hat die Leiche deines Rennreiters entdeckt?«
»Ich.«
Die Antwort kam von Dagháin. Fidelma wandte sich ihr zu und hatte so die Möglichkeit, sie etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Sie war blond, hatte eigentlich nichts Besonderes an sich, und auch ihre Gesichtszüge sprühten nicht gerade vor Lebhaftigkeit. Mit ihren grauen und kalten Augen sah sie Fidelma unerschütterlich an.
»Erzähl den Hergang der Geschichte.«
Dagháin vergewisserte sich mit einem fragenden Blick beim König, und als der ihr billigend zunickte, schaute sie wieder Fidelma an.
»Es ist eine Stunde her. Ich war gerade angekommen, wegen der Rennen. Ich bin in Illans Zelt gegangen und fand ihn dort auf der Erde liegen. Er war tot. Dann bin ich zu meinem Mann gelaufen, der beim König war, und habe ihnen berichtet, was ich gesehen hatte.«
Ihre Stimme war sachlich und ohne Arg.
»Vielleicht könnten wir das noch einmal ausführlicher durchgehen«, ermunterte Fidelma sie freundlich. »Du warst gerade angekommen, woher?«
»Meine Frau und ich haben auf der Festung Dún Ailinn übernachtet«, antwortete Énna an ihrer statt. »Hierher gekommen bin ich heute früh, um mich mit Fáelán zu treffen.«
Fidelma nickte.
»Was führte dich unmittelbar in Illans Zelt, dass du nicht erst Ausschau nach deinem Mann gehalten hast?«
Errötete Dagháin ein wenig? Geriet sie ins Zögern?
»Ganz einfach, ich wollte nach Aonbharr, dem Pferd, sehen. Es ist in den Stallungen meines Mannes großgeworden und ging erst später an den König. Ich sah sofort, dass dem Tier etwas fehlte, und eilte zu Illan, um ihm das zu sagen.«
»Und da hast du ihn tot vorgefunden?«
»Ja. Ich war furchtbar erschrocken. Ich wusste mir keinen Rat und rannte hierher.«
»Bist du in der Eile gestürzt?«
»Ja«, gab sie überrascht zu.
»Könnte das erklären, warum deine Kleidung etwas in Unordnung geraten ist?« Es war mehr eine rhetorische Frage, doch die Frau nickte, erleichtert, einer Antwort enthoben zu sein.
»Hast du an Illan etwas erkennen können, das auf die Todesursache hindeutet? Wie lag er da?«
Dagháin überlegte. »Auf dem Rücken. An seiner Kleidung war Blut, mehr habe ich nicht gesehen. Ich wollte nur gleich meinen Mann holen.«
Ein Schluchzen schreckte Fidelma auf. Es kam von Muadnat, der Gattin des Königs. Mit einem Spitzentüchlein tupfte sie sich die Augen ab.
»Du musst schon entschuldigen«, griff der König sogleich ein. »Meine Frau nimmt sich jedwede Form von Gewalt sehr zu Herzen, und Illan gehörte zu unserem Hausstand. Hättest du etwas dagegen, wenn sie sich zurückzieht? Über die Vorgänge kann sie ohnehin keine Auskunft geben und folglich zu deinen Ermittlungen nichts beitragen.«
Fidelma bekundete ihr Einverständnis und nickte der Königin zu. Mit einem verkrampften Lächeln erhob sich Muadnat und verließ mit ihrer Kammerzofe das Zelt.
Jetzt galt Fidelmas Aufmerksamkeit Énna.
»Du hast gehört, was bisher gesagt wurde. Bist du damit einverstanden?«
»Es war, wie es meine Frau geschildert hat«, bestätigte er. »Sie kam reichlich aufgelöst in unser Zelt, wo ich im Gespräch mit Fáelán war, und berichtete uns genau das, was sie dir eben erzählt hat.«
»Und was hast du daraufhin getan?«
»Ich rief ein paar Wachmänner zusammen und ging zu Illans Zelt. Er lag tot auf der Erde, genau wie Dagháin es berichtet hat.«
»Er lag auf dem Rücken?«
»Auf dem Rücken, ja.«
»Fahr fort. Was geschah dann? Bist du der Todesursache nachgegangen?«
»So genau nicht. Allem Anschein nach hatte man ihm unterhalb der Brust einen Stich versetzt. Ich ließ einen Wachtposten bei ihm und ging mit einem zweiten zu dem Zelt, das als Stall diente, um nach Aonbharr zu schauen. Es war, wie Dagháin gesagt hatte. Das Pferd war in einem jammervollen Zustand. Es stand mit gespreizten Beinen da, der Kopf hing zwischen den Schultern, und es hatte Schaum vorm Maul. Ich verstehe genügend von Pferden und sah sofort, dass es offenbar vergiftet worden war. Ich rief Cellach, den Pferdedoktor, er sollte sein Bestmögliches tun, um dem Tier zu helfen. Ich selbst lief zurück zu Fáelán und setzte ihn von allem in Kenntnis.«
Ihre nächste Frage galt dem König.
»Bist auch du, Fáelán vom Stamm der Uí Dúnlainge, der Meinung, dass das bisher Gesagte die Vorgänge genau erfasst?«
»Dem, was Dagháin und Énna berichtet haben, kann ich nur voll und ganz zustimmen.«
»Wie ging es weiter? An welchem Punkt des Geschehens glaubtest du Bressal, deinen eigenen Bischof, als Täter sehen zu müssen?«
Fáelán lachte lauthals los.
»Das stand für mich von Anfang an fest. Das ganze Jahr über ist der Bischof geradezu besessen von dem Gedanken, mein Pferd Aonbharr zu schlagen. Er hat mächtig herumgeprahlt, ist hohe Wetten eingegangen und hat sich erheblich verschuldet. Für das Hauptrennen von heute wollte er mit einem bestimmten Pferd gegen Illan antreten. Ochain, so heißt sein Ross, ist ein gutes Rennpferd, aber gegen Aonbharr hätte es keine Chance gehabt. Man konnte bereits sehen, das Bressal es nicht ertragen würde, gegen mich zu verlieren. Wenn Illan und Aonbharr für das Rennen ausfallen, wird Ochain gewinnen. So einfach ist das. Zudem hat Bressal einen gewaltigen Zorn auf Illan, der früher mal sein Rennreiter war.«
»Als Verdacht ist das nachzuvollziehen, Fáelán.« Fidelma lächelte milde. »Aber für eine Schuldzuweisung und Festnahme braucht es Beweise. Wenn du nur aufgrund deiner Verdachtsmomente gehandelt hast, würde ich dir dringend raten, Bressal auf der Stelle freizulassen, ehe er sich auf Recht und Gesetz beruft und gegen dich vorgeht.«
»Da ist aber noch etwas«, sagte Énna in aller Ruhe und gab einem Krieger der Leibgarde, der am Zelteingang stand, einen Wink. Der Mann ging hinaus und rief jemand. Kurz darauf betrat ein großer, einfach gekleideter Mann mit einem gewaltigen Bart das Zelt und verneigte sich vor dem König und seinem tánaiste.
»Sage der Gerichtsanwältin hier, wie du heißt und was du machst«, forderte ihn Énna auf.
»Ich heiße Angaire und arbeite beim Bischof als Stallknecht.«
Fidelma hob eine Augenbraue, zeigte sonst aber keinerlei Verwunderung.
»Ein Mitglied von Bressals Kloster bist du nicht«, stellte sie sachlich fest.
»Nein, Schwester. Der Bischof hat mich wegen meiner Erfahrung im Umgang mit Pferden eingestellt. Ich reite sein Pferd Ochain zu. Mönch bin ich nicht.« Sein Auftreten war freundlich und selbstsicher.
»Erzähl Schwester Fidelma, was du uns berichtet hast«, verlangte Énna.
»Na ja, Bressal hat oft damit geprahlt, dass Ochain bei dem heutigen Rennen Aonbharr schlagen würde, und hat hohe Wetten auf den Ausgang des Rennens abgeschlossen.«
»Nun komm schon zur Hauptsache«, drängte Fáelán.
»Also heute Morgen machte ich Ochain fertig für …«
»Solltest du ihn heute reiten?«, unterbrach ihn Fidelma. »Ich dachte …«
Angaire schüttelte den Kopf.
»Bressals Rennreiter ist Murchad. Ich trainiere Ochain nur.«
Fidelma bedeutete ihm fortzufahren.
»Ich sagte Bressal, nachdem ich Aonbharr gestern im Probelauf hatte rennen sehen, dass es meiner Meinung nach für Ochain schwer werden würde, ihn auf der Zielgeraden zu überholen. Bressal geriet außer sich. Nie habe ich ihn so wütend gesehen. Er wollte kein Wort von mir hören, und ich ging. Eine halbe Stunde später kam ich an Illans Zelt vorbei …«