Als der Kasten schließlich hereingetragen wurde, stellte sich der Scheuch vor ihm und stieß aufgeregt die magischen Worte hervor:
„Birelija-turelija, buridakl-furidakl, es röte sich der Himmel, es grüne das GrasKasten, Kästchen, bitte zeig mir den Eisernen Holzfäller!"
Als die Mattscheibe aufleuchtete, schlugen der Scheuch und Din Gior die Hände über den Köpfen zusammen, und die Krähe stieß einen Schrei des Entsetzens aus, denn was sie auf dem Bildschirm sahen, war der große Saal des Violetten Palastes, in dem Urfin Juice auf dem Thron saß, während der Eiserne Holzfäller gefesselt vor ihm stand. „O weh!" rief der Scheuch. „Der Holzfäller gefangen! Jetzt weiß ich, warum Stella mir geboten hat, auf Urfin, diesen Schuft, aufzupassen. Pst! Hört einmal zu!" Aus dem Fernseher drang die Stimme Urfins:
„Ihr weigert Euch also zum fünftenmal, mir im Violetten Land zu dienen?"
„Zum fünften Male sage ich Euch: Nein, abscheulicher Landräuber, und ich werde es zum hundertsten und zum tausendsten Male sagen!"
Dem Scheuch schwoll die Brust vor Stolz über den wackeren Freund, während die Krähe zornig aufschrie: „Urfin, du Lump!" Urfin befahl eben den Wachen:
„Führt den Verhafteten ab und sperrt ihn in den tiefsten Keller des Palastes!" Der Scheuch zitterte vor Wut. Oh, wie gern wollte er jetzt an der Seite seines Freundes stehen! Selbst wenn er ihm nicht helfen konnte, würde er zumindest sein Schicksal teilen. Kaggi-Karr stieß zornig ihren Schnabel in das verhaßte Gesicht Urfins auf dem Bildschirm. Nur gut, daß das Glas nicht zerbrach. Wahrscheinlich hatten die Leute, die es hergestellt hatten, mit solchen Vorfällen gerechnet. „Nicht so stürmisch!" rief der Scheuch.
Empört beobachteten die Zuschauer, wie die Marranen den Holzfäller durch halbdunkle Gänge abführten. Dann erlosch der Bildschirm, weil es im finsteren Keller keinen Lichtstrahl gab, den er hätte auffangen können. „Was fangen wir jetzt bloß an?" fragte Kaggi-Karr aufgeregt.
„Ich will es mir überlegen", antwortete der Herrscher der Smaragdeninsel und versank in tiefes Nachdenken.
Wie immer in solchen Fällen, schwoll ihm der Kopf und blähte sich auf, und die Nadeln und Stecknadeln des Gehirns kamen zum Vorschein.
„Tut es weh?" fragte die Krähe voller Mitgefühl. „Schweig, bitte", brummte der Scheuch, „wenn du mich störst, kann ich mich nicht sammeln." Eine geschlagene Stunde brütete der Scheuch vor sich hin und sagte schließlich mit blitzenden Augen:
„Ich hab's! Du mußt zur Truppe Urfins fliegen!" „Wozu?" fragte die Krähe verwundert, „soll ich es vielleicht mit einer ganzen Armee aufnehmen?"
„Das habe ich natürlich nicht gemeint", entgegnete der Scheuch, und fügte belehrend hinzu: „Du sollst nur mein Informator sein im Lager des Feindes." „Informator?" fragte Kaggi-Karr verdutzt. „Das verstehe ich nicht." „Siehst du, der Kasten wird uns wenig nutzen, solange der Holzfäller im finsteren Keller sitzt. Du aber wirst im Violetten Land überall spähen und horchen können und folglich über alles Bescheid wissen. Jeden Tag, Punkt zwölf auf der Sonnenuhr, werde ich den Kasten bitten, dich mir zu zeigen, und du wirst uns mitteilen, was du ausgekundschaftet hast."
Die Krähe war von diesem Einfall begeistert. „Ich soll also Aufklärerin sein im Lager Urfins?" „Genau!"
„Das hättest du doch gleich sagen können! Woher soll ich denn wissen, was Informator bedeutet? Wo nimmst du nur all die kniffligen Worte her?"
„Da, Mütterchen, da!" tippte sich der Scheuch auf den sägespänegefüllten Kopf, in den die Nadeln und Stecknadeln langsam zurückkrochen.
„Oh, nicht umsonst nennt man dich den Dreimalweisen", sagte die Krähe respektvoll. „Na, siehst du!" nickte der Scheuch geschmeichelt. Man durfte keine Zeit verlieren, denn ein Vogelflug nach dem Violetten Lande dauerte volle 24 Stunden. Vor dem Aufbruch sagte die Krähe:
„Falls ich etwas besonders Wichtiges erfahre, werde ich es über die Vogelstaffel weitergeben. Du aber halte die Fenster des Thronsaales Tag und Nacht offen." Der Hofuhrmacher erhielt Order, den Herrscher jeden Tag kurz vor 12 an die Sendezeit zu erinnern.
Am ersten Tag blieb die Sendung aus, weil die Krähe sich noch im Vorgelände des Violetten Landes befand.
Am folgenden Tag aber klappte es. Kaggi-Karr hatte offenbar die genaue Zeit erfahren, denn Punkt 12 sah der Scheuch sie auf dem Dach des Schlosses sitzen, die Augen der Smaragdeninsel zugewandt.
„Lieber Freund", sprach die Krähe langsam, so, daß jedes ihrer Worte deutlich zu verstehen war. „Die Lage ist schlimmer, als wir dachten. Urfin Juice hat sich zum Herrscher der Springer erhoben und eine große Armee aufgestellt. Wie er es geschafft hat, weiß ich nicht. Auch kann ich dir nicht sagen, wie viele Soldaten er hat, denn sie halten keine Minute still, rennen hin und her und springen wie toll herum, daß es unmöglich ist, sie zu zählen. Aber es sind gewiß viel mehr als tausend. Sie haben das ganze Violette Land erobert, die Zwinkerer ausgeplündert und ihnen alles Eßbare genommen. Die Einwohner hungern. Sie essen wilde Kräuter und sammeln die Getreidekörner ein, die nach der Ernte auf den Feldern geblieben sind. In ein paar Tagen will Urfin gegen die Smaragdeninsel ziehen. Vorerst exerziert er mit den Soldaten, die, das muß man sagen, recht dumm sind. Ich wollte den Eisernen Holzfäller aufsuchen, konnte aber nicht in sein Gefängnis eindringen. Ich fürchte, der Ärmste rostet ein. Dies wär's für heute. Bis morgen zur selben Stunde!" Die Krähe machte eine Verbeugung zu den unsichtbaren Zuhörern hin und flog in einen nahen Obstgarten, um etwas zu sich zu nehmen. Der Scheuch wunderte sich, wie klar Kaggi-Karr, trotz der Kürze ihres Berichts, die Vorgänge im Lager des Feindes geschildert hatte. Er hätte ihr gern sein Lob ausgesprochen, aber das war leider über den Fernseher nicht möglich.
Die Fernsehverbindung wurde wie verabredet jeden Tag um 12 Uhr hergestellt. Aber es gab nichts Neues zu melden. Der Holzfäller sitze nach wie vor im Keller, erzählte die Kundschafterin, aber nichtsdestoweniger sehe sie ihn jeden Tag. Er werde täglich Urfin vorgeführt, der ihn zu überreden versuche, sich ihm zu unterwerfen. Doch der eiserne Mann sei unerschütterlich. Nachdem er Kaggi-Karr im Fenster des Palastes gesehen und begriffen habe, daß der Scheuch gewarnt sei, habe sich sein Wille noch mehr gefestigt, und er ertrage jetzt die qualvolle Gefangenschaft leichter als früher.
Das Exerzieren der Marranen nahm seinen Fortgang. Die Rekruten lernten Marschieren in Reih und Glied, Ausschwärmen, Wendungen und ähnliche militärische Weisheiten. Urfin verbrachte alle Tage von früh bis spät bei seinen Soldaten. Vom Dienstpersonal des Violetten Palastes hatte er nur die Köchin Fregosa behalten, weil sie so gut kochte. Sie diente schon viele Jahre im Palast und wußte von Bastinda zu erzählen, die eine Schlemmerin gewesen war, aber alles Flüssige, z. B. Mus oder Kompott, verabscheute. Trotz aller Vorsicht war die Hexe durch eine Flüssigkeit umgekommen. Als Elli einen Eimer Wasser auf sie ausgoß, zerschmolz sie und war auf der Stelle tot.
Von allen Herrschaften, denen sie gedient hatte, liebte Fregosa den Holzfäller am meisten, weil er so anspruchslos war. Nun war der sanfte Mann vom grausamen Urfin abgelöst worden. Fregosa hatte sich viele Male vorgenommen, ein giftiges Kraut in die Suppe des Bösewichts zu schütten, gab es aber auf, weil Urfin zu jeder Mahlzeit den Oberpriester an den Tisch rief und ihn jedes Gericht zuerst probieren ließ. Fregosa beruhigte sich, als die Armee mit Urfin an der Spitze auszog, die Smaragdeninsel zu erobern. Im Violetten Lande ließ Urfin den Statthalter Bois zurück, der sich unter allen Mannschaftsführern als der aufgeweckteste erwiesen hatte. Die Garnison bestand aus einer halben Hundertschaft. Diese, dachte Urfin, reiche völlig, um die ängstlichen Zwinkerer in Botmäßigkeit zu halten.