Выбрать главу

Wie erstaunt aber war er, als durch das offene Fenster des Thronsaals seine alte Freundin und Zaubergehilfin, die Eule Guamokolatokint, hereinflatterte. „Guam!" rief Urfin aus.

„Guamoko!" korrigierte ihn streng die Eule. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, haben wir vereinbart, daß du mich zumindest beim halben Namen nennst." Urfin wunderte sich über den Starrsinn des Vogels, der trotz der vergangenen zehn Jahre nichts von seiner Gespreiztheit eingebüßt hatte.

„Meinetwegen, Guamoko!" sagte Urfin. „Jedenfalls freut es mich, dich wieder wohlauf zu sehen, alte Freundin!"

„Weißt du übrigens, daß ich gleich an dem Tag, an dem deine Armee die Insel belagerte, von deinem Eintreffen erfuhr?"

„Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen?" wollte Urfin wissen.

„Ich bin eben alt und nicht mehr so reisefreudig wie früher. Jeden Tag nahm ich mir

vor, dich zu besuchen, und schob es immer wieder auf."

In Wirklichkeit hatte die schlaue Eule nur abgewartet, wie die Belagerung ausgehen werde. Wäre Urfin zurückgeschlagen worden, hätte Guamoko ihn gewiß nicht besucht, jetzt aber, da er gesiegt hatte, beschloß sie, die alte Freundschaft wiederaufzunehmen. „Ich habe für dich ein nettes Geschenk", fuhr die Eule fort. „Weißt du, daß ich jetzt die Gebieterin aller Eulen und Uhus der Umgebung bin? Aus Achtung vor meinem Wissen und meiner Erfahrung füttern sie mich mit Mäusen und kleinen Vögeln..." „Na, sag schon, worauf du hinauswillst", unterbrach Urfin die Eule ungeduldig. „Laß mich doch ausreden. Einmal konnten meine Untergebenen die fällige Portion Mäuse nicht aufbringen und boten mir statt dessen Nüsse des Nuch-Nuch-Baums an. Süße Nüsse sind für unsereins natürlich kein Essen, wie du weißt, aber ich mußte mich eben zufriedengeben. Ich hatte nur eine Handvoll davon gegessen, und - stell dir vor? -einen ganzen Tag und eine ganze Nacht konnte ich dann kein Auge schließen." Urfins Gesicht hellte sich auf. „Nuch-Nuch-Nüsse, sagst du?" „Das wäre etwas für deine Wachen. Ich bin seit gestern in der Stadt und habe deine Posten mehrmals auf die Probe gestellt. Aufrichtig gesagt, habe ich solche Schlafmützen in meinem Leben noch nicht gesehen. Selbst, wenn du sie totschießt, wachen die nicht auf."

„Nüsse gegen Schlaf, das ist ja großartig", sagte Urfin. „Ich will sogleich ein Dutzend meiner Leute mit Körben in den Wald schicken. Zeige ihnen, liebe Guamokolatokint, den Nuch-Nuch-Baum, tu mir bitte den Gefallen. Im Lande der Käuer habe ich von einem solchen Baum nichts gehört." „Der wächst freilich nur in der Umgebung der Smaragdeninsel", sagte die Eule, der es schmeichelte, daß Urfin sie beim vollen Namen nannte.

„Falls es sich mit der Nuch-Nuch-Nuß wirklich so verhält, wie du sagst, will ich meinen Jägern befehlen, dir jeden Tag frisches Wild zu beschaffen", sagte Urfin großmütig. Wenige Stunden später waren die Nüsse im Palast. Urfin befahl, aus den Kernen einen kräftigen Likör mit Vanille und anderem Gewürz zu brauen und jedem Wachsoldaten am Abend eine Tasse voll zu geben.

Jetzt schliefen die Wachen in der Nacht nicht mehr, und der Thronräuber fühlte sich sicher. Allerdings erwiesen sich die Nüsse als nicht so unschädlich, wie er gedacht hatte. Die Springer, die den Sud tranken, sahen bei hellichtem Tag Gespenster, rollten die Augen, stotterten und fühlten sich elend. Dieser Zustand verging nicht eher, als bis sie eine neue Portion des Likörs getrunken hatten.

Da aus dem Violetten Lande keine Nachrichten eintrafen, meinte Urfin, seine Macht dort sei gesichert, und wollte nunmehr auch den Westen erobern. Zu diesem Zweck schickte er drei seiner besten Einheiten unter der Führung Harts, den er zum Obersten ernannt hatte, gegen die Käuer und Erzgräber aus. „In drei Wochen sollst du mir das Blaue Land erobern", befahl der König. Urfins Freude kannte jetzt keine Grenzen. Ihm schien, er habe alle seine Pläne mit bewundernswerter Schlauheit ausgeführt, ungeachtet dessen, daß der Riesenadler ihn verlassen hatte.

„Gut, daß Karfax gegangen ist", murmelte er, während die Kolonne unter der Führung Harts auf der gelben Backsteinstraße davonzog. „Es war eine Plage mit diesem Vogel, dem es die Ehrlichkeit angetan hatte. Er duldet keinen Betrug, ha, ha, ha! Wäre ich vielleicht ohne Betrug König und Gott geworden? Jetzt verheißt mir die Zukunft Sieg und Ruhm... "

DRITTER TEIL

Die wunderbaren Maultiere

ANNS UND TIMS WUNSCHTRÄUME

Als Elli von ihrer dritten Reise aus dem Zauberland nach Kansas zurückkehrte; fand sie zu Hause ein Schwesterchen vor. Man hatte es nach der Mutter auf den Namen Anna getauf, aber alle nannten es zärtlich Ann. Über die Freude an dem Kind, das ihr wie ein kleines, lebendiges Wunder vorkam, verblaßten Ellis Erinnerungen an ihre ungewöhnlichen Abenteuer.

Die ersten Märchen, die die kleine Ann von ihrer Schwester hörte, handelten von der Smaragdenstadt und dem falschen Zauberer Goodwin, vom Scheuch und dem Eisernen Holzfäller, vom Feigen Löwen und der Krähe Kaggi-Karr, von Urfin Juice, seinen Holzsoldaten und den sieben unterirdischen Königen. Elli wußte sehr spannend von den grusligen und drolligen Begebenheiten zu erzählen, die sie in dem wunderbaren Land erlebt hatte, das durch eine Sandwüste und hohe Berge von der übrigen Welt getrennt war. Anns bester Freund wurde Tim O'Kelli von der Nachbarfarm, die nur eine Viertelmeile vom Häuschen John Smiths lag. Tim war anderthalb Jahre älter als Ann, und seine Freundschaft zu ihr hatte etwas Gönnerhaftes. Es war drollig und rührend, wie der Knirps, der selbst noch nicht fest auf den Beinen stand, seine kleine Freundin vor kollernden Truthähnen und übermütigen Kälbern schützte. Die Kinder waren unzertrennlich. Die beiden Mütter, Frau Anna Smith und Frau Margaret O'Kelli, machten keinen Unterschied zwischen dem eigenen und dem Nachbarkind. Sie streichelten beide mit der gleichen Liebe, und auch Klapse gaben sie ihnen, wenn sie's verdienten, mit der gleichen Strenge, einerlei, ob es das eigene Kind oder dag der Nachbarin war. Der kleine Tim war immer dabei, wenn Elli dem Schwesterchen ihre wunderbaren Geschichten erzählte. Als Tim und Ann größer wurden, wünschten sie sich nichts so sehnlich, als das Zauberland und dessen liebe und fröhliche Einwohner kennenzulernen.

Ann und Tim wußten, daß der Anlaß der zweiten Reise Ellis die Botschaft Kaggi-Karrs gewesen war. Die Krähe hatte dem Mädchen die Bitte des Scheuchs und des Eisernen Holzfällers überbracht, sie aus der Gefangenschaft des tückischen Urfin Juice zu befreien. In Begleitung des einbeinigen Seemanns Charlie Black hatte Elli, die im Zauberland die Fee des Tötenden Häuschens genannt wurde, die gefährliche Reise angetreten und den bösen Urfin besiegt.

Jetzt hielten Ann und Tim jede Krähe im Umkreis für Kaggi-Karr. Würden sie eine Botschaft aus dem geheimnisvollen Lande erhalten, sie würden keinen Augenblick zögern, gegen die tückischen Zauberer und bösen Hexen in den Kampf zu ziehen! Leider erwiesen sich die Krähen, mit denen sie sich anzufreunden suchten, nur als einfache Vögel und nicht als Boten des Scheuchs.

Die Krähen nahmen die Bewirtungen Anns und Tims gerne an und verbreiteten in ganz Kansas das Gerücht von den zwei guten Kindern. Unzählige Krähenschwärme gingen auf die Dächer der Häuser und Schuppen nieder und stritten sich um jedes freie Plätzchen auf den Zweigen der umstehenden Bäume, um etwas von den Leckerbissen zu ergattern, die Tim und Ann für sie bereithielten...