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Das war den Farmern der Umgebung denn doch zuviel. Sie sahen das reife Korn auf ihren Feldern von den frechen Vögeln bedroht und beschlossen, sie zu vertreiben. Mit Steinen und Stöcken, Flinten und Pistolen zogen sie gegen die Schwärme los, und der alte Rolf hatte sogar aus seinem Schuppen die kleine Kanone geholt, die noch aus der Zeit des Bürgerkrieges stammte. Er füllte sie mit Pulver und Schrot und feuerte auf den größten Schwarm.

Zu seinem Entsetzen platzte aber die Kanone, und Großväterchen Rolf kam nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Allerdings erschraken auch die Krähen so sehr, daß sie nach allen Seiten auseinanderstoben.

„Vielleicht war Kaggi-Karr unter diesen Krähen?" seufzten die Kinder.

Zu ihrem siebenten Geburtstag bekam Ann von ihrer Schwester die Trillerpfeife geschenkt, die diese von Ramina, der Königin der Feldmäuse, bekommen hatte. Es tat Elli nicht leid, sich von diesem Andenken zu trennen, denn in Kansas, sagte sie, gäbe es doch keine Wunder. Ann war freilich anderer Meinung. Noch am selben Abend ging sie mit Tim hinter den Geflügelstall und blies dreimal in die Pfeife. Und siehe -das Wunder geschah!

Wie aus dem Boden gestampft, standen plötzlich unzählige Mäuse da! Beim Anblick der grauen Tierchen hätte manches andere Mädchen sicher zu schreien angefangen und wäre davongelaufen. Nicht aber Ann Smith. Sie stand ruhig da und betrachtete neugierig die winzigen Geschöpfe.

Den Mäusen gefiel die Beherztheit Anns. Sie rollten einen großen grauen Teppich auf, den eine große Maus, anscheinend die Königin, betrat. Sie richtete sich auf den Hinterpfoten auf, musterte mit ihren schwarzen Äuglein das Mädchen und piepste etwas, was die Kinder nicht verstanden. Leider haben Menschen und Tiere nur im Zauberland eine gemeinsame Sprache!

„Vielleicht überbringt uns die Königin Neuigkeiten aus dem Zauberland, oder sie will uns einen Rat geben, wie wir hingelangen könnten. Wie schade, daß wir ihre Sprache nicht verstehen!" sagte Ann zu Tim.

Dann winkte die Mäusekönigin zum Abschied dreimal mit den Vorderpfoten und verschwand mit ihren Untertanen. Das einzige, was von ihnen übrigblieb, waren die Spuren der kleinen Füße im Staub.

Ann und Tim trafen sich mehrmals mit den Mäusen, denn sie hofften, die Mäusekönigin werde einmal vielleicht doch eine menschliche Sprache sprechen. Das trat aber nicht ein.

Eines Morgens, als Ann und Tim sich in einem Winkel des Hofes erneut abmühten, aus der Sprache der Mäusekönigin klug zu werden, tauchte unerwartet Frau Anna auf. Sie war nicht so mutig wie ihre Tochter und stieß einen gellenden Schrei aus. Es fehlte nicht viel, und sie wäre in Ohnmacht gefallen, aber die Mäuse verschwanden, als hätte sie die Erde verschlungen.

„Oh, ihr schlimmen Kinder!" schrie Frau Anna zornig. „Nicht genug, daß ihr Schwärme gefräßiger Krähen auf die Farm gelockt habt, züchtet ihr jetzt noch eine Million Mäuse... Die werden uns noch eines Tages die Eier im Geflügelstall austrinken und das Korn in den Speichern aufessen." „Aber es sind ja viel weniger als eine Million, Mutti", entgegnete Ann. „Diese lieblichen Tierchen kommen nur, wenn man sie herbeipfeift. Sie rühren auf der Farm nichts an." „Genug!" schrie Frau Anna. „Gib die Pfeife her!" Ann mußte die Pfeife hergeben. Von diesem Tag an hörten die Begegnungen der Kinder mit den Mäusen auf.

Jetzt konnten Tim und Ann nicht mehr auf eine Begegnung mit Kaggi-Karr oder auf die Hilfe der Mäusekönigin hoffen. Da fiel ihnen der unterirdische Fluß ein, der einst Elli und ihren Cousin, Fred Cunning, in das Reich der Sieben Unterirdischen Könige geführt hatte. Eine solche Reise unter der Erde, meinten die Kinder, sei gewiß leicht zu verwirklichen.

,Wenn wir uns ein Boot verschaffen und viel Proviant, Kerzen, Fackeln und Streichhölzer mitnehmen, könnten wir in einigen Tagen das unterirdische Land erreichen. Dann wäre es ein leichtes, in das Zauberland hinaufzusteigen', überlegten die

Kinder. Sie dachten lange nach, ob sie Toto mitnehmen sollen. Das Hündchen wußte natürlich Bescheid im Zauberland und würde ihnen dort gewiß nützlich sein. Aber Hunde altern schnell, und Toto war jetzt nicht mehr so flink und unternehmungslustig wie einst. Außerdem hatte er auch schon Enkel. Ann und Tim beschlossen, einen dieser Enkel, das Hündchen Arto, mitzunehmen.

Arto sah jetzt fast genauso aus wie Toto, als der noch jung war: Dasselbe schwarze, seidige Fell, dieselben klugen Äuglein, dieselbe Treue und Bereitschaft, jederzeit das Leben für seinen Herrn hinzugeben.

Ann erzählte dem kleinen Arto, was sie beschlossen hatte. Verstand sie das Hündchen? Wahrscheinlich, denn es wedelte lustig mit dem Schwänzchen: Im Herbst wurden Ann Smith und Tim O'Kelli auf die Schule geschickt. Tim hätte eigentlich schon ein Jahr früher in die Schule gehen sollen, doch ohne Ann wollte er's nicht. Er schrie und heulte so lange, bis die Eltern ihm erlaubten, noch ein Jahr zu Hause zu bleiben.

Jetzt überragte er Ann und die anderen Abc-Schützen um einen ganzen Kopf. Rotbäckig, blond, breitschultrig und mit kräftigen Fäusten ausgestattet, konnte er jetzt Ann gegen jeden Buben schützen, der sie hätte kränken wollen. Selbstverständlich saßen Tim und Ann in einer Bank und machten auch die Hausaufgaben zusammen.

„Seht euch nur dieses unzertrennliche Pärchen an!" lachten die Erwachsenen. Schon in den ersten Schulferien fuhren Ann und Tim mit Erlaubnis der Eltern in den Staat Iowa zu Fred Cunning. Als John Smith seine jüngere Tochter ziehen ließ, konnte man an seinem Schmunzeln erkennen, daß er wohl wußte, was die beiden Kinder in die Ferne lockte. Er tat aber so, als merke er nichts, und wünschte ihnen angenehme Erholung. Fred Cunning, Student der Technischen Universität, empfing seine kleine Cousine und ihren Freund sehr herzlich.

Als Ann ihn aber schüchtern bat, er möchte sie, Tim und Arto zur Höhle mit dem unterirdischen Fluß führen, erwiderte er lachend:

„Hat dir denn Elli nicht gesagt, Kindchen, daß der Eingang zur Höhle eingestürzt ist? Deshalb mußten wir ja damals unsere abenteuerliche Reise unternehmen..." Ann entgegnete:

„Ich weiß, aber ich dachte, der Eingang zur Höhle sei mittlerweile freigelegt worden." „Wozu sollte man ihn freilegen?" fragte der Student. „Das ist doch leicht zu verstehen", erwiderte das Mädchen. „Damit ein jeder in das Zauberland reisen kann!" Fred bog sich vor Lachen.

„Du meine Güte! Du willst vielleicht, daß man hier ein Reisebüro eröffnet und Touristen haufenweise in das Zauberland strömen?"

„Ist denn das so schlimm?" fragte Tim O'Kelli. „Gewiß", sagte der Student ernst. „Das Zauberland ist gerade deshalb so reizend, weil es von der übrigen Welt völlig abgeschieden ist. Nur deshalb leben dort gute Zauberinnen wie Willina und Stella, sprechen die Tiere und herrscht ewiger Sommer in diesem Land. Stellt euch einmal vor, aus den Staaten kämen lärmende, freche Gentlemen und Ladies her. Das würde doch das Ende der braven Zwinkerer und Käuer bedeuten! Hier war schon einmal so ein unternehmungslustiger Geschäftsmann, der mir viele Dollar anbot, damit ich ihm den Zugang zur Höhle zeige. Ich nahm natürlich das Geld nicht an und zeigte ihm eine falsche Stelle. Zwei Wochen lang ließ er dort ein Dutzend Arbeiter graben und zog dann unverrichteterdinge fort.