An einem frühen Augustmorgen nahmen Ann und Tim Abschied von ihren Eltern. Ihre Reiseausrüstung war bis ins einzelne durchdacht, was sie vor allem Elli zu verdanken hatten. Der Proviant war in den ledernen Satteltaschen verstaut, die die Tiere trugen. In zwei Rucksäcken lagen für jedes Kind zwei Paar Unterwäsche, Seife, Zahnbürste und Zahnpulver, Messer, Löffel und was man sonst noch für eine lange Reise braucht. Ann trug an einem Schulterriemen das Fernrohr, das seinerzeit der einbeinige Seemann Charlie Black Elli geschenkt hatte. Am linken Handgelenk hatte jedes Kind einen Kompaß, am rechten eine Armbanduhr. In Tims Reisetasche lag ferner ein unaufgeblasener Volleyball. Der Junge hatte sich nämlich vorgenommen, die Käuer und Zwinkerer das schöne Spiel zu lehren. Tim selbst war ein ausgezeichneter Volleyballspieler, den sogar die größeren Jungen gern in ihre Mannschaft nahmen. Außerdem besaß er noch einen keulenartigen Knüppel, der an seinem Gürtel hing. Aus einem Anns Sattel angehängten Sack ragte die Schnauze Artos hervor, dessen schwarzen Äuglein erwartungsvoll glänzten. Die Reise gefiel ihm außerordentlich. Wenn ihm das Sitzen im Sack lästig wurde, kläffte er kurz, und Ann setzte ihn ab, damit er hinter den Maultieren laufen konnte. John Smith begleitete die Kinder auf seiner braunen Stute Mary. Obwohl Hannibal und Cäsar auf den langsamsten Gang geschaltet waren, konnte das Stütlein mit den sonnenenergiegeladenen Maultieren kaum Schritt halten.
„Prächtige Rappen", brummte John zufrieden. „Vor einen Pflug gespannt, würden sie Gott weiß wie viele Acker täglich bearbeiten."
Als verstünden sie die Worte des Farmers, wackelten die Maultiere über dieses Ansinnen ärgerlich mit den langen Ohren.
Beim Abschied umarmte der Farmer Ann und Tim, wünschte ihnen eine glückliche Reise und ermahnte sie, vorsichtig zu sein. „Ihr sollt euch nicht allzu lange im Zauberland aufhalten", sagte er. „Denkt daran, daß eure Eltern euch sehnsuchtsvoll zurück erwarten werden."
Tim und Ann schalteten auf Galopp, worauf die Hufen der Maultiere hochschnellten und eine mächtige Staubwolke aufwirbelten. Fünf Minuten später waren von ihnen nur noch zwei Pünktchen am Horizont zu sehen.
„Donnerwetter", murmelte John, „das nenne ich Galopp! Bei diesem Tempo wird ihnen kein Feind etwas anhaben können... "
Auf dem Heimweg dachte der Farmer über die wunderlichen Begebenheiten nach, die seine Familie von dem denkwürdigen Tag an erlebte, da die Hexe Gingema das schreckliche Gewitter über Kansas heraufbeschworen hatte.
Ann und Tim freuten sich über den schnellen Ritt. Felder und Flüsse und Fuhren mit Getreide flogen an ihnen vorbei, und die seltenen Fußgänger sprangen entsetzt zur Seite und blickten ihnen entgeistert nach.
Am Abend hatten unsere Reisenden viele Meilen hinter sich gebracht. Sie beschlossen, in einem Wäldchen, fern von jeder Behausung, zu übernachten. Ann nahm aus ihrem Sack das Zaubertuch Charlie Blacks heraus, das sich auf Wunsch des Besitzers in ein Boot oder ein Zelt verwandeln konnte. Jetzt diente es den Kindern als Zelt, in dem sie unter der Obhut des treuen Arto ruhig die Nacht verbrachten. Die Tage vergingen schnell. Ann und Tim hielten Kurs auf Nordost und mieden die bewohnten Stätten. An den Bächen, an denen sie vorbeikamen, füllten sie ihre dickbäuchigen Flaschen mit Wasser nach. Die Maultiere brauchten sie nicht zu tränken und auch nicht in die Sonne zu stellen, denn das Wetter war sonnig, so daß Cäsar und Hannibal sich im Lauf mit Energie aufluden.
Am ersten breiten Fluß mußten die Reisenden haltmachen. Ann wollte das Zaubertuch zu einem Floß aufblasen, aber Tim meinte, die Tiere würden darauf ausgleiten, weil es kein Geländer habe, und ins Wasser fallen.
„Ich schlage vor, den Fluß reitend zu überqueren!" sagte der Junge.
Die Kinder stellten die Stifte auf „Langsam" und lenkten die Tiere beherzt ins Wasser.
Und siehe, Cäsar und Hannibal schwammen, als hätten sie es seit eh und je getan! In ihren Bäuchen war genügend Hohlraum, und sie hielten sich prächtig auf dem Wasser. Ihre muskulösen Beine ruderten so schnell, daß sie in wenigen Augenblicken das andere Ufer erreichten.
„Hurra!" frohlockte Tim. „Mit solchen Rappen können wir auch über ein Meer schwimmen!"
Eine große Gefahr erwartete die Kinder in der Steppe, in der es unzählige Wölfe gab. Zu einem Rudel zusammengerottet, versperrten sie den Reisenden den Weg. Ann und Tim wollten umkehren, aber da erblickten sie auch in ihrem Rücken viele Wölfe. „Vorwärts! Galopp!" kommandierte Tim. Die Maultiere stürmten wie im Sturm dahin. Mehrere Wölfe stürzten mit eingeschlagenen Köpfen und zerbrochenen Rippen zu Boden. Ein großer Wolf, anscheinend der Anführer des Rudels, wollte Tim aus dem Sattel reißen, aber der mutige Junge versetzte ihm mit seiner Keule einen solch wuchtigen Hieb, daß der Räuber zurückflog und sich rücklings überschlug. Eine Minute später waren die Reiter in Sicherheit. Tim strahlte vor Freude. „Hast du gesehen, wie ich's ihm gegeben hab!" rief er. „Mein Schlag hat ihn bestimmt erledigt!"
Da Ann daran zweifelte, schlug Tim vor, umzukehren und nachzusehen. Das Mädchen verspürte aber keine Lust auf ein Wiedersehen mit den Wölfen und beeilte sich, dem Jungen zuzustimmen. Tim spitzte die Lippen und begann einen Marsch zu pfeifen. Erst jetzt wagte es Arto, seinen Kopf, den er beim Anblick der grimmigen Wölfe in den Sack eingezogen hatte, wieder zu zeigen. Das Hündchen war zwar mutig, hatte aber auch Verstand genug, sich nicht in einen ungleichen Kampf einzulassen. Ein Wolf hätte ihm ja mit Leichtigkeit das Rückgrat zerbrechen oder den Bauch aufreißen können! Als jetzt, da die Gefahr vorbei war, Arto ein verächtliches Gebell anstimmte, sagte Ann zu ihm neckend: „Großartig, du Maulheld!"
Mit Hilfe der Kompasse hielten unsere Reisenden den richtigen Kurs ein, obwohl die auch ohne Kompaß den Weg nicht verfehlt hätten. Ann hatte von ihrer Schwester so oft die Geschichte der Reise mit dem einbeinigen Seemann gehört, daß ihr jetzt schien, als sei sie selbst schon einmal hier gewesen, habe selbst den heißen Atem des Windes gespürt, der aus der Wüste blies, und die garstigen Köpfe der Echsen gesehen, die sich in den Dünen verbargen. Da war auch schon der Wald, hinter dem die große Wüste lag.
„Guten Tag, alter Freund!" rief Ann freudig. „Aus deinen Bäumen hat Onkel Charlie einst das Wüstenschiff gebaut, das noch jetzt irgendwo am Waldessaum steht. Aber wir wollen es nicht suchen, nicht wahr, Tim?"
„Wozu auch?" erwiderte der Junge. „Cäsar und Hannibal sind bestimmt besser als jedes Schiff, mag es ein Wüsten- oder Meeresschiff sein." Tim und Ann bereiteten sich gründlich, auf die riskante Wüstenreise vor. Sie beschlossen, schon in der Dämmerung aufzubrechen, solange es noch kühl war. Zunächst füllten sie ihre Flaschen an einer Quelle. und tranken so viel Wasser, wie sie konnten. Dann begossen sie sich und das Hündchen von Kopf bis Fuß und setzten dunkle Netzbrillen auf, um ihre Augen gegen den Flugsand zu schützen. Arto, dem es bange wurde, kauerte sich tief in seinen Sack, was seine Herrin sehr vernünftig fand. Natürlich trank sich auch das Hündchen vor der Reise ausgiebig satt.
Die Stimmung der beiden Kinder war sehr ernst. Scherz und Mutwillen waren verflogen, und ihre Herzen schlugen laut. Die bisherigen Erlebnisse kamen ihnen jetzt unbedeutend vor im Vergleich zu dem, was ihrer harrte.
Groß und unheimlich lag die Wüste in ihrer feierlichen Stille da.
„Nun aber los!" sagte Tim entschlossen. Wenn es sein muß, werde ich mein Leben ohne Zaudern für Ann hingeben', dachte er bei sich.