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„Du hast recht: Wer auf der Stelle tritt, kommt nicht vom Fleck', wie der Weise Scheuch sagte", erwiderte Ann, die von ihrer Schwester viele Aussprüche des dreimalweisen Herrschers der Smaragdenstadt gehört hatte. Die Kinder ritten im Trab. An Galopp war hier nicht zu denken, denn die Hufen der Maultiere würden tief im Sand versinken. Trotzdem konnte Ann, als sie sich eine halbe Stunde später umwandte, kaum noch den Saum des Waldes erkennen. Während die elektrisch geladenen Tiere Meile um Meile hinter sich brachten, dachte Ann nur an eins: Wie umgehen wir nur die schrecklichen schwarzen Steine Gingemas? Sie wußte nämlich von ihrer Schwester, daß die böse Hexe lange vor ihrem Tod das Zauberland mit Steinen umgeben hatte, die eine geheimnisvolle Anziehungskraft besaßen. An einem solchen Stein waren Elli und Charlie Black beinahe umgekommen, weil der Stein ihr Wüstenschiff festhielt und die Bewegungsfreiheit der Insassen auf hundert Schritt im Umkreis bannte. Zum Glück hatten die beiden damals die Krähe Kaggi-Karr ziehen lassen, die mit einer Weintraube im Schnabel zurückkehrte, welche den Zauber des Steins brach.

Die Zauberkraft der Steine konnte in den verflossenen Jahren zwar versiegt oder schwächer geworden sein, dennoch war es besser, nicht zu riskieren. Ann befolgte den Rat ihrer Schwester, stoppte alle halbe Stunde den Lauf ihres Cäsar und hielt mit dem Fernrohr Ausschau. Als die Kleider der Kinder schon längst trocken

waren (sie hatten unterdessen mindestens dreimal Wasser getrunken), erspähte Ann in der Ferne einen schwarzen Fleck.

„Der schwarze Stein Gingemas!" rief das Mädchen aufgeregt. „Wo siehst du ihn?" fragte Tim.

Das Fernrohr ans Auge setzend, gewahrte auch er den Stein.

Ein Plan gegen die böse Zauberkraft Gingemas war schon zu Hause ausgearbeitet worden. Die Idee stammte von Elli: Wenn zwei Menschen einen Gegenstand, zum Beispiel einen Tisch, in entgegengesetzte Richtungen ziehen, bleibt er auf der Stelle stehen, hatte Elli gesagt. Wenn man sich in gleicher Entfernung zwischen zwei schwarzen Steinen bewege, würde der eine die Reisenden nach rechts, der andere nach links ziehen, und die Kräfe würden sich gegenseitig aufheben.

Nach dem Auftauchen des ersten Steins schwenkten Ann und Tim seitwärts ab und ritten langsam, bis sie den zweiten erblickten. Jetzt, dachten sie, sei es ein leichtes, den Weg mitten zwischen die beiden Steine zu nehmen, und ließen die Zügel schießen. Die Maultiere sausten, Sandwolken aufwirbelnd, im gestreckten Galopp dahin.

Als sich die Reisenden zwischen den beiden Steinen befanden, fühlten sie sich nach links gezogen. Ob sie nun die Mitte falsch bestimmt hatten und dem linken Stein näher waren, oder ob die magische Kraft des letzteren größer war - das wußten Ann und Tim nicht. Sie fühlten nur, daß die Hexerei Gingemas sie aus den Satteln zerrte.

Anns Kräfte versagten, und sie fiel mit einem leisen Aufschrei aus dem Sattel. Zum Unglück kam sie auf die Beine zu stehen, und die böse Kraft, die von dem Stein ausging, zog sie unwiderstehlich an.

Das Maultier Tims, das kräftiger war als Anns, hatte die Gefahrenzone fast überwunden, als der Junge den Aufschrei des Mädchens hörte und Cäsar mit leerem Sattel hinter sich hertraben sah.

Tim war fast schon in Sicherheit, aber angesichts der Gefahr, in der Ann schwebte, schwankte er keinen Augenblick: Er riß seinen Hannibal herum, erreichte im Nu das Mädchen und zog es mit kräftigem Ruck zu sich hinauf.

Später konnten sich die Kinder an die Einzelheiten dieser schrecklichen Minuten, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkamen, nicht mehr erinnern. Sie entsannen sich nur, wie das Maultier unter der doppelten Last gekeucht und der Sand unter seinen Hufen gespritzt hatte.

Zoll um Zoll entrang sich Hannibal der unheimlichen Kraft, bis sie zu wirken aufhörte. Ein siegreiches Wiehern verkündete, daß der Bann gebrochen war, und frei stürmte das edle Tier dahin.

Bald war auch Cäsar eingefangen. Die völlig erschöpfte

Ann blieb aber, von ihrem Gefährten gestützt, noch lange im Sattel Hannibals sitzen. Als sie zu sich kam, dankte sie, Tränen in den Augen, dem tapferen Jungen. „Laß nur", wehrte Tim ab, „nicht mir, sondern Hannibal hast du deine Rettung zu verdanken."

Die schwarzen Steine Gingemas lagen jetzt weit hinter ihnen, und die Maultiere trabten schnell dahin. Tiere aus Fleisch und Blut wären längst ermattet, die mechanischen Rappen aber schienen genau so frisch wie zu Beginn der Reise. In der Ferne tauchten die schneebedeckten Gipfel der Weltumspannenden Berge auf. Jetzt, da sie nicht mehr zu eilen brauchten, beschlossen die Reisenden, Rast zu machen. Von der überstandenen Gefahr noch ganz benommen, konnten Tim und Ann aber keinen Bissen herunterbringen, nur ihr Durst war schier unstillbar, und sie tranken sehr viel Wasser.

DURCH DIE BERGE

Die beiden Kinder wollten in das Tal mit den wunderbaren Weintrauben gelangen, in dem einst Elli und Charlie Black nach ihrer Wüstenreise ausgeruht hatten. Wegen der schwarzen Steine waren aber Tim und Ann vom Kurs abgekommen und erreichten die Berge an einer anderen Stelle. Allerdings sprudelte auch dort ein Bach, an dem Obstbäume standen, aber Reben waren da nicht zu sehen. Kaum hatten Ann und Tim auf einer kleinen Wiese ein Lager aufgeschlagen, da begannen auch schon die Wunder. Den Anfang machte Arto. Als Ann ihn aus dem Sack nahm, gähnte er, holte tief Atem und sagte mit klarer Stimme: „Uh, war das eine Qual in dem stickigen Loch! Endlich kann ich mir die Pfoten vertreten!"

Obwohl die Kinder längst wußten, daß im Zauberland auch die Tiere sprechen, blickten sie ihren vierbeinigen Gefährten voller Staunen an. Wie steigerte sich aber erst ihre Verwunderung, als das Hündchen um die Maultiere zu hüpfen begann und Anstalten machte, sie in die Beine zu beißen, und plötzlich Cäsar mit angenehmer Baritonstimme sagte:

„Nicht so übermütig, Freundchen, oder du bekommst meine Hufe zu spüren!" Hannibal fügte in tiefem Baß hinzu:

„Würde ihm nur recht geschehen! Diese Hündchen sind ja unausstehlich..."' „Wieso, Freunde, auch ihr habt das Sprechen erlernt?" rief Ann verdutzt. „Warum denn nicht?" erwiderte Cäsar.

In der Tat: Warum sollten sich Maultiere im Zauberland nicht wie lebende Wesen verhalten und nicht sprechen, wo doch eine Vogelscheuche aus Stroh und ein Mann aus Eisen hier lebten und sprachen?!

Cäsar war anscheinend neugieriger als sein Gefährte, denn er fragte: „Sag, bitte, Ann, was bedeuten unsere Namen? Warum heißen wir eigentlich Cäsar und Hannibal und nicht anders?" Ann und Tim wußten zunächst nichts zu antworten. Sie hatten ja erst die erste Klasse abgeschlossen, in der es noch keinen Geschichtsunterricht gab. Allerdings hatte Elli, als sie den Tieren die Namen gab, dem Schwesterchen ihre Bedeutung erklärt, und Ann hatte einiges behalten.

„Wie soll ich's euch erklären?" sagte das Mädchen, die Brauen zusammenziehend. „Hannibal und Cäsar waren im Altertum berühmte Leute. Ich weiß nicht mehr, ob Präsidenten oder Generale, aber jedenfalls etwas in dieser Art..."' Mit dieser Erklärung gaben sich die Tiere zufrieden und sagten, daß sie gern auf ihre Namen hören wollten.

Nach dem Abendbrot schliefen Ann, Tim und Arto sofort ein, während die Rappen unter einem Baum standen und ruhig auf den Sonnenaufgang warteten. In der Sonne würden sie sich wieder mit Energie aufladen, denn die Sonne ersetzte ihnen Speise und Trank.

Am Morgen nahm Tim aus seinem Sack die Hufeisen, die er mitführte, und schraubte sie Cäsar und Hannibal an die Füße. Im Sand hätten die Eisen den Lauf der Tiere nur gehemmt, auf den steinigen Bergpfaden aber waren sie unentbehrlich. An diesem Morgen ging unseren Reisenden der Proviant aus. Es war erstaunlich, wie genau Elli den Vorrat berechnet hatte. Die Kinder pflückten Obst von den Bäumen und stopften es in die Reisetaschen, füllten die Feldflaschen mit Wasser und zogen weiter.