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Der Weg war jetzt sehr mühselig. Er führte über schwindelerregende Hänge, über schmale Felsvorsprünge, unter denen Abgründe gähnten, über Geröll, das schreckliche Lawinen entfesseln konnte, und über tiefe Schluchten. Manchmal brauchte die kleine Schar Stunden, um nur hundert Fuß hinter sich zu bringen. Erst jetzt wurde es Ann und Tim bewußt, welch unschätzbare Dienste ihnen Cäsar und Hannibal leisteten. Natürlich waren die mechanischen Maultiere nicht mit den Steinböcken zu vergleichen, die über die Felsen fegten, aber auch sie vollbrachten wahre Wunder an Geschicklichkeit.

Unermüdlich, furchtlos und flink wie Katzen kletterten sie die steilen Hänge hinan, die Reiter ermahnend, sie sollen sich fest in den Satteln halten. Wenn es zu Tal ging, zogen sie die Hinterbeine an und rutschten fast auf den Bäuchen hinab, und beim Aufstieg nützten sie jeden Felsvorsprung, der etwas Halt bot. Über Felsspalten setzten sie, die sehnigen Hinterbeine gestreckt, in schönem Sprung hinweg, während die Reiter die Hälse der edlen Tiere umklammerten, um nicht aus den Satteln zu fliegen.

Nach einiger Zeit tauchte eine breite Schlucht auf, die selbst das beste Pferd der Welt nicht hätte überspringen können. Aus dem Abgrund stiegen Nebel und das Rauschen eines Wildbachs auf.

An ein Umreiten des Hindernisses war nicht zu denken, denn rechts und links türmten sich mächtige Felsen, die selbst für Cäsar und Hannibal unüberwindlich waren. Bestürzt blickten sich die Kinder an. Um hier herauszukommen, hätten sie umkehren und einen Steg im Labyrinth der Berge suchen müssen.

Plötzlich hörten sie Flügelschläge über ihren Köpfen und sahen einen riesigen Schatten auf sich zukommen. Aufblickend gewahrten sie einen ungeheuren Adler. Ann stieß einen Schrei des Entsetzens aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen, während Tim drohend seinen Knüppel schwang, obwohl ihm klar war, daß er mit dieser Waffe gegen den Vogel nichts ausrichten werde.

Der Adler (es war Karfax) ging vor den Reisenden nieder und sagte mit angenehmer Stimme: „Keine Angst, Kinder! Schwachen und Hilflosen tue ich nichts zuleide!" Tim runzelte beleidigt die Brauen, während Ann die Hände vom Gesicht nahm und den Vogel anblickte. Karfax sah so edel und gutmütig aus, daß das Mädchen sofort Vertrauen zu ihm faßte.

„Ich sehe, Kinder, daß ihr aus der großen Welt kommt und ins Zauberland wollt", fuhr der Adler fort. „Ihr habt einen weiten und gefährlichen Weg zurückgelegt, aber dieses Hindernis übersteigt eure Kräfte."

„Ja, Herr Adler", sagte Ann, „diesen Abgrund können unsere Maultiere nicht überspringen. Seid doch so gütig, und tragt uns hinüber."

„Das läßt sich machen", sagte der Adler sanft. „Halt dich am Sattel fest, Mädchen..." Während Ann sich an den ' Sattel klammerte, faßte Karfax mit seinen mächtigen Krallen behutsam Cäsar unter, und noch ehe das Mädchen erschrecken konnte, schwebte es schon über dem rauchenden Abgrund. Einen Augenblick später wurde Ann mit dem munter wiehernden Maultier auf der anderen Seite abgesetzt, und noch bevor sie den Kopf wenden konnte, standen auch Hannibal und Tim an ihrer Seite. „Von hier ist der Weg nicht mehr gefährlich, und ihr werdet meiner Dienste wohl nicht bedürfen", sagte der Adler und schwang sich in die Lüfe.

„Schönen Dar k, lieber Freund!" riefen die Kinder dem in einer Wolke entschwindenden Vogel nach. Wie war Karfax am Leben geblieben? Wir wissen doch, daß er Urfin verlassen und in die Heimat geflogen war, wo ihn der sichere Tod erwartete. Wie kam es, daß Arraches, der Anführer der Adlerschar, und seine Anhänger ihn nicht getötet hatten?

Das kam so:

Drei Tage vor der Rückkehr Karfax' war Arraches im Kampf mit dem Schlangenkönig gefallen, den er aus über mäßigem Ehrgeiz zum Streit herausgefordert hatte. Karfax wurde von den Adlern zum Anführer erwählt und fand bald eine neue Lebensgefährtin, mit der er nun glücklich lebte.

Hätten Tim und Ann gewußt, was sich erst kürzlich im Zauberlande zugetragen hatte, hätten sie gewußt, daß dieser selbe Adler, ohne es zu wollen, dem bösen Urfin geholfen ,selbe die Macht über die Springer zu erringen, sie hätten Karfax gewiß gebeten, das Übel, das er ungewollt so vielen Menschen zugefügt hatte, wiedergutzumachen! Ann und Tim wußten aber das alles nicht. Karfax mied jetzt die Menschen, besonders, nachdem der tückische Urfin ihn so bitter enttäuscht hatte. Ohne zu ahnen, welch mächtigen Bundesgenossen sie in Karfax hatten, blickten die Kinder lange auf die Wolke, die den Vogel verschlungen hatte. Als erster faßte sich Tim:

„Das nenne ich ein Abenteuer!" rief er. „Dergleichen hat selbst Elli nicht erlebt!" „Ja", sagte Ann, „sie hat nicht einmal gehört, daß es im Zauberland solche Adler gibt."'

„Das nenne ich Glück", sagte der Junge. „Wer weiß, wie lange wir in den Bergen umhergeirrt wären, wenn nicht dieser Vogel uns geholfen hätte."' Der schwerste Teil der Reise war jetzt zu Ende. Am leichtesten hatte sie Arto überstanden, der in seinem Sack gekauert und nur die Schnauze herausgesteckt hatte. Wenn es brenzlig wurde, hatte er sie eingezogen und die Augen zugedrückt, denn er glaubte, eine Gefahr sei weniger schrecklich, wenn man sie nicht sehe. Die Nacht überraschte die Wanderer auf einem Gletscher hoch in den Bergen. Das Zelt konnten sie da nicht aufschlagen, und die Kälte drang ihnen durch alle Kleider. Cäsar hatte einen guten Einfall. Auf seinen Rat hin falteten die Kinder das Zelt zu einem Rechteck zusammen und breiteten es auf dem Eis aus. Ann und Tim legten sich zwischen die Maultiere, deren Körper die Wärme ausstrahlten, die sie am Tag aufgespeichert hatten. Auf diese Weise verbrachten die Kinder und Arto, den sie in die Mitte genommen hatten, die Nacht ganz erträglich. Am folgenden Tag wurde der Weg besser. Die Auf- und Abstiege waren jetzt weniger steil, an den Hängen zeigte sich Gras und dann tauchten auch Sträucher und Bäume auf.

Die Weltumspannenden Berge lagen jetzt weit zurück. Ann sagte feierlich: „Das ist das Land der Käuer!"

SEINE FUCHSMAJESTÄT, KÖNIG NASEFEIN XVI.

Ann hatte sich aber geirrt, als sie das sagte. Die Kinder waren in der großen Wüste von dem Weg abgekommen, den Elli und der einbeinige Seemann einst gegangen waren, und hatten die Weltumspannenden Berge an einer anderen Stelle überquert. Das Land der Käuer lag jetzt rechts von ihnen. Die beiden Kinder sahen, daß der Steg, der durch den Wald führte, nicht von Menschenfüßen, sondern von den Füßen wilder Tiere herrührte.

Der Steg wurde breiter, doch kein Mensch war weit und breit zu sehen. Nur die geschwätzigen Elstern auf den Bäumen unterhielten sich laut über die Kleider und das Aussehen der Wanderer.

Nach zwei strapazenreichen Tagen fühlten sich Ann und Tim völlig erschöpft. Da das Wetter schön war, schlugen sie nicht das Zelt auf, sondern legten sich unter einen Strauch ins weiche Gras. Tim schlief augenblicklich ein. Auch Ann fielen die Augen zu, als plötzlich ein vielstimmiges Geheul und zwischendurch ein Schmerzensschrei: „Helft mir! Ach, helft mir doch! Ich sterbe...", an ihr Ohr drang. Ann versuchte, Tim zu wecken, doch da ihr das nicht gelang, beschloß sie, allein nachzusehen, was los war. Als sie aus den Büschen trat, bot sich ihr folgender Anblick: Mitten in einer Lichtung lag, eine Pfote in einem Fangeisen eingeklemmt, ein großer, brauner Fuchs und wimmerte. Um ihn standen mehrere kleine Füchse, die aus Mitleid mit ihm gleichfalls wimmerten und heulten.