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Beim Auftauchen Anns verstummte das Konzert, und die Füchse verkrochen sich im Dickicht. Nur der Gefangene schaute das Mädchen aus flehenden Augen an. Ann verspürte Mitleid mit dem unglücklichen Fuchs, trat näher und fragte ihn sanft: „Wie bist du in diese Falle geraten, du Ärmster?" Noch bevor das braune Tier etwas erwidern konnte, sprang aus den Büschen eine Silberfüchsin und rief: „Wie wagst du es, Mädchen, so unhöflich mit dem Herrscher dieses Landes zu sprechen? Weißt du, wen du vor dir hast? Seine Fuchsmajestät Nasefein XVI., den König des Fuchslandes."

„Oh, bitte um Verzeihung, Eure Fuchsmajestät!" wandte sich Ann an den König. „Ich komme aus einem fernen Lande und wußte nicht, daß Ihr ein so hohes Amt bekleidet." König Nasefein XVI. nickte gnädig und erzählte, wie er in diese schlimme Lage geraten war. Er war einem Hasen nachgejagt und hatte die Falle nicht gesehen, die ein Jäger aus dem Nachbarland der Käuer vor langer Zeit hier aufgestellt hatte. Das Fangeisen hatte ihm die Pfote eingeklemmt. Das geschah vor einer Woche, und in dieser Zeit hatte sich kein Mensch auf der Wiese gezeigt. Hätten Ihre Fuchsmajestät, die Königin Schnellfuß, mit ihren Höflingen und Hofdamen ihn nicht gefunden, er wäre vor Hunger und Durst gestorben. Nasefein sagte, er habe schon ernsthaft nachgedacht, ob er sich nicht die Pfote abbeißen solle, um die Freiheit wiederzuerlangen. Aber dann hätte er seinen Thron verloren, denn nach den Gesetzen des Landes durfte ein Krüppel nicht König sein. Das Mädchen aus dem fernen Lande sei gerade noch rechtzeitig gekommen: Wenn sie ihn befreie, werde sie ihm mehr als das Leben retten - sie werde ihm die königliche Macht erhalten.

Ann wollte dem König helfen, aber ihre Kräfte reichten nicht, das Fangeisen wegzudrücken, das die Pfote festhielt. Da entschied sie, Tim herbeizuholen, doch als sie einen Schritt in Richtung der Büsche tat, begannen die Füchse so jämmerlich zu heulen, daß sie stehenblieb.

,Warum bin ich nur so unbeholfen', dachte das Mädchen mißmutig. Elli hätte an meiner Stelle bestimmt einen Ausweg gefunden. Da erblickte sie einen starken Ast, den ein Sturm vom Baum gerissen hatte. „Oh, das brauche ich gerade!" rief sie freudig.

Sie steckte das Astende zwischen die Zähne des Fangeisens und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Durch die Hebelwirkung öffnete sich das Eisen, und der Fuchs zog die Pfote heraus. Als die umstehenden Füchse das sahen, brachen sie in ein Lobgeheul auf die Befreierin ihres Königs aus. Nasefeins Pfote war geschwollen und blutete. Hilfe tat not. Mit großer Anstrengung hob Ann den Fuchs auf und trug ihn zu der Stelle, wo Tim schlief. Die anderen Füchse folgten ihr ehrerbietig.

Beim Anblick des Rudels erhob Arto ein ohrenbetäubendes Gebell, worüber Tim aufwachte. Er war sehr verwundert, Ann in solch ungewöhnlicher Gesellschaft zu sehen. Als sie ihm erzählte, was vorgefallen war, billigte er ihre Tat und lobte sie. Ann nahm die Reiseapotheke aus dem Rucksack, strich Jod auf die Wunde und legte einen Verband an. Dem König wurde es sofort besser, doch gehen konnte er nicht.

„Wohin befehlen Eure Fuchsmajestät, Euch zu tragen?" fragte das Mädchen. „Nach Fuchsstadt - in meinen Palast", erwiderte der König mit schwacher Stimme. Als Ann und Tim den Fuchs auf Cäsars Rücken setzten, streckte Arto den Kopf aus dem Sack und begann wütend zu bellen. Ein Nasenstüber Tims belehrte ihn jedoch, daß man seine Gefühle nicht immer so laut hinausschreien dürfe. Der Hund zog den Kopf wieder ein und knurrte nur leise:

„Warum machen sie nur so viel Aufhebens von diesem Knallprotz? König hin, König her - ein anständiger Hund hat die Pflicht, so einen zu jagen und zu hetzen... "

Die Maultiere setzten sich in Trab, das Gefolge lief hinterher. Die Königin hatte der beflissene Tim neben sich auf Hannibals Rücken gesetzt. Nasefein XVI. wies den Weg durch den dichten Wald.

„Wie viele Untertanen besitzen Eure Fuchsmajestät?" fragte Ann den König. „Oh, viele Tausende. Allerdings wurden sie das letztemal vor fünf Jahren gezählt, und jetzt weiß ich nicht mehr genau, wie viele es sind."'

„Und wo nehmt Ihr das Essen für sie her?" fragte Ann. „Ihr braucht wahrscheinlich sehr viele Hasen und Kaninchen, um eine solche Menge Esser satt zu machen!" „Dafür hat die Natur gesorgt", sagte der König. „Wir pflanzen Bäume, deren Früchte so groß sind wie ausgewachsene Kaninchen und deren Fleisch ebenso schmackhaft ist wie das der Kaninchen. Wir nennen sie Kaninchenbäume." ,Wie viele Wunder gibt es doch im Zauberland!' dachte Ann. Selbst Elli hat von den riesigen Adlern, dem Königreich der Füchse und den Kaninchenbäumen nichts gehört, obwohl sie doch dreimal hier war.' „Warum seid Ihr denn auf die Jagd gegangen, wo in Eurem Lande doch so herrliche Bäume wachsen?" wollte das Mädchen wissen.

„Ihre Früchte sind schmackhaft", erwiderte Nasefein, „aber wir überlassen sie dem einfachen Volk. Soll ich etwa dasselbe essen, was der Ackerbauer und Tagelöhner ißt? Pfui!" Der König verzog angewidert das Gesicht. „Und die Lust, einen Hasen zu zerfleischen!" Nasefeins Augen glänzten gierig. „Bei uns darf nur die königliche Familie jagen. Den einfachen Leuten ist die Jagd unter Todesstrafe verboten."' Jetzt bereute Ann fast, daß. sie den König aus dem Fangeisen befreit hatte. Aber,' dachte sie, wenn er umgekommen wäre, hätte sein Nachfolger. die Regierung des Landes übernommen, und im Königreich der Füchse hätte sich nichts geändert.' Eine Frage des Königs lenkte Ann von ihren Gedanken ab: „Was sind das für Tiere, auf denen wir reiten? Ich war in vielen Teilen unseres Landes, aber solche Tiere habe ich nirgends gesehen."

„Die gibt es sogar auf der anderen Seite der Berge nicht", sagte Ann.

Sie versuchte, dem König zu erklären, wie die mechanischen Maultiere funktionierten, aber da sie es selbst nicht genau wußte, blieben ihre Erklärungen unverstanden. Der König.begriff nur eins: daß die sogenannten Maultiere sich von Sonnenstrahlen ernähren. Und das wunderte ihn nicht sehr.

,Ein jeder ißt, was er kann', dachte er bei sich. Unser gemeines Volk ißt die Früchte des Kaninchenbaums, unsre Adligen ernähren sich von Kaninchen und Hasen, die mechanischen Maultiere - von Sonnenstrahlen. Aber Hasenfleisch schmeckt doch am besten!'

EIN KOSTBARER TALISMAN

Das Land der Füchse war sehr groß, und die Maultiere brauchten gut zwei Stunden, bis sie die Hauptstadt erreichten.

Fuchsstadt bestand aus zahllosen Hügeln, die eine breite Straße säumten. Es war leicht zu erkennen, daß es künstliche Baue waren, doch wer sie geschaffen hatte - ob Füchse in alten Zeiten oder sonst jemand -,das konnte selbst König Nasefein nicht sagen. In jedem Hügel waren viele Öffnungen zu sehen. Sie bildeten die Eingänge zu den Fuchsbauen. Davor tummelten sich braune und silbergraue kleine Füchse. König Nasefein erklärte:

„Unser Volk besteht aus zwei Stämmen, einem mit braunem und einem mit silbergrauem Pelz. In alten Zeiten lebten diese Stämme getrennt und befehdeten sich. Aber vor hundert Jahren schlossen sie sich zusammen und siedelten in diese Gegend über, wo sie die Hügel vorfanden, die für Baue wie geschaffen waren. Von jener Zeit rührt der Brauch her, daß ein König aus dem braunen Stamm seine Gattin unbedingt aus dem Stamm der Silberfüchse nimmt. Und umgekehrt: Wenn der König ein Silberfuchs ist, muß die Königin eine braune Füchsin sein."