Выбрать главу

Die Kinder hörten nur zerstreut zu, denn ihre Aufmerksamkeit -galt dem Treiben in Fuchsstadt, wo es wirklich viel Merkwürdiges gab. Hinter den Hügeln zogen sich Plantagen mit den Bäumen hin, von denen Nasefein erzählt hatte. An den Zweigen hingen große längliche Früchte mit dicker Schale. Da und dort löste sich eine reife Frucht und fiel zu Boden. Beim Aufschlag platzte die Schale, und das appetitliche rosa Fleisch kam zum Vorschein.

Den abgefallenen Früchten näherten sich auf den Hinterbeinen Füchse, die sie mit den Vorderpfoten aufhoben und in Vorratslager trugen.

Alle Plantagenarbeiter gingen auf den Hinterbeinen. Die einen lockerten mit spitzen Stöcken den Boden zwischen den Bäumen auf, andere trugen in großen Nußschalen Wasser zum Gießen, dritte klaubten schädliche Insekten und Larven aus den Ritzen der Rinde heraus. Auf allen vieren liefen nur die jungen Füchse, die Handlangerdienste versahen.

Unseren Reisenden fiel eine seltsame Prozession auf. Vier Füchse trugen eine mit Seide ausgeschlagene schmucke Sänfte, in der eine Silberfüchsin saß. Die Füchsin und der König tauschten Verbeugungen aus.

„Das ist meine Tante, Prinzessin Spitzohr. Sie macht gerade ihre Besuchsrunde", sagte der König zu Tim. Ann fragte:

„Fertigen Eure Handwerker so schöne Dinge an?" „Leider nicht", erwiderte Nasefein. „Unsere Ahnen haben solche Luxusgegenstände für Früchte der Kaninchenbäume bei den Menschen erworben."' „Treibt ihr auch heute Handel?"

„O nein", erwiderte der König unwillig mit einer verneinenden Bewegung seiner gesunden Vorderpfote. „Fragt nicht, warum der Handel aufgehört hat, ich werde es Euch ein andermal sagen."' Ann schwieg betroffen.

Auf der Straße schob eine braune Füchsin einen Kinderwagen mit drei Jungen vor sich her, die sich übermütig balgten und nicht auf die Amme hörten, die ihnen ruhig zu liegen befahl und sie mit Klapsen traktierte.

Der Palast König Nasefeins XVI. sah genau so aus wie die anderen -Fuchsbaue, nur war der Eingang so hoch, daß Tim und Ann sich beim Eintreten nicht zu bücken brauchten. Staunend gewahrten die Kinder, daß der Innenraum hell erleuchtet war. Das Licht strahlten Kugeln aus, die an der Decke hingen. Aus den Berichten ihrer Schwester wußte Ann, daß die Leuchten im unterirdischen Land mit dem Saft von Sechsfüßerfellen aus dem Reich der Erzgräber getränkt waren. Anscheinend hatten die Füchse auch diese Lampen bei den Menschen erworben. Den König danach zu fragen, wagte das Mädchen jedoch nicht, nachdem sie den Unmut Nasefeins bei ihrer letzten Frage bemerkt hatte.

An der Rückwand der Höhle standen zwei Throne, von denen einer etwas höher war als der andere. Würdevoll nahmen der König und die Königin auf den Thronen Platz, während die Höflinge sich auf den Hinterbeinen an den Wänden reihten. ,Genau wie bei den Menschen', dachte Ann.

König Nasefein hielt eine Rede. Er erzählte kurz von dem Unglück, das ihn heimgesucht hatte, und sprach Ann seinen tiefen Dank für die Rettung aus. „Ihr sollt nicht meinen, daß ich Euch meine Erkenntlichkeit lediglich in Worten bezeigen will", fuhr er, zu Ann gewandt, fort. „Ich will Euch etwas schenken, das Euch in unserem Lande von großem Nutzen sein wird." Dann rief er in den Saal hinein: „Minister Langschwanz!"

Ein Silberfuchs mit einem herrlichen flauschigen Schwanz trat bedächtig auf den Thron zu. Der Minister schien auf diesen Schwanz sehr stolz zu sein, denn er war sorgfältig gekämmt und gebürstet und roch nach Parfüm. „Was befehlen Eure Fuchsmajestät?" fragte der Würdenträger. „Geh in unsere königliche Schatzkammer und hole den Silberreif!" befahl der König. Diese Worte schlugen wie ein Blitz unter die Höflinge ein. Die einen stöhnten, während andere flehend die Pfoten erhoben. Der Reif, von dem der König sprach, mußte sehr kostbar sein. Doch niemand wagte zu widersprechen, denn seine Majestät Nasefein XVI. verstand keinen Spaß. Nach wenigen Minuten kehrte Langschwanz mit einem breiten, rubinbesetzten Silberreif zurück, der ungewöhnlich schön war. Ann erschauerte bei dem Gedanken, daß es ihr zuge- dacht sein konnte. Da sie sehr bescheiden war, meinte sie, es gezieme sich nicht, ein teures Geschenk für eine gute Tat anzunehmen, und sei es auch für die Rettung eines Lebens. Sie sagte:

„Eure Fuchsmajestät überschätzen meine Verdienste um Eure Rettung."' „Wieso?" wunderte sich der König. „Habt Ihr mir nicht den Thron erhalten?" „Den hättet Ihr auch ohne meine Hilfe bewahren können."' „Auf welche Weise?"'

„Ihr hättet einen Boten in das Land der Käuer schicken können, dann wären Menschen gekommen und hätten Euch geholfen, wie es Eurer königlichen Würde gebührt." Der König lachte bitter.

„Unterschätzet nicht unseren Verstand, Mädchen! Wir haben drei Boten nacheinander zu den Käuern geschickt, und alle sind für ihren Monarchen gefallen!" „Gefallen, warum?"

„Auf dem einzigen Weg, der von uns in das Land der Käuer führt, hat sich ein wilder, ewig hungriger Säbelzahntiger niedergelassen, der jeden Fuchs, der ihm in die Pranken fällt, zerreißt und auffrißt. Aus diesem Grunde hat auch der Handel zwischen uns und den Menschen vor acht Jahren aufgehört." Ann fragte betroffen:

„Ein Säbelzahntiger, sagt Ihr? Hat denn der Weise Scheuch den Holzköpfen nicht befohlen, alle diese Tiger auszurotten?"

Jetzt war es Nasefein, der staunte. Er erhob sich von seinem Thron und sagte feierlich: „Ihr kennt den Scheuch, die Holzköpfe und die Säbelzahntiger? Und Ihr kommt von der anderen Seite der Berge? Dann will ich Euch sagen, wer Ihr seid! Ihr seid Durchlaucht Elli, die Fee des Tötenden Häuschens. Wir heißen Euch willkommen in Fuchsstadt, liebe Fee!"

Nach diesen Worten setzte er das verwirrte Mädchen auf den Thron und verbeugte sich tief. Das gleiche taten die Königin und alle Höflinge. Nur Tim stand aufrecht und verstand nicht, warum man seiner Freundin solche Ehren bezeigte. Arto, den er auf dem Arm hielt, begann beim Anblick der vielen katzbuckelnden Füchse zu knurren. Ann aber stieg vom Thron hinab und sagte:

„Eure Fuchsmajestät irren. Nehmt wieder den Platz ein, der Euch zu Recht gebührt, und höret mich an. Elli ist meine ältere Schwester. Sie war wirklich mehrmals im Zauberland und hat hier viel Rühmliches vollbracht. Ich aber heiße Ann Smith, bin kaum zwei Tage in diesem wunderbaren Land und habe nichts getan, was des Lobes wert wäre." Der König entgegnete:

„Eure Verdienste sind sehr groß. Ihr habt das Land vor einem Dynastiewechsel bewahrt, vielleicht sogar vor einem Bürgerkrieg. Euch gebührt dieser silberne Reif, dessen Zauberkraft ich Euch sogleich vorführen will."

König Nasefein stieg wieder auf den Thron, setzte den Reif auf und berührte mit der Pfote den größten Rubin des Geschmeides. Im nächsten Augenblick verschwand er mitsamt dem massiven Thron. Ann und Tim standen mit weitaufgerissenen Augen da, während Arto laut zu bellen anfing, worüber die Füchse nicht wenig erschraken. Eine Minute später tauchte der Thron mit dem König wieder auf. Beim Anblick der vor Staunen erstarrten Ann brach Nasefein in ein schallendes Gelächter aus. „Wie Ihr seht, Durchlaucht, macht dieser Reif seinen Träger unsichtbar, wenn er diesen Rubin da" - der König wies auf den größten Stein - „berührt. Dabei werden auch alle Dinge, mit denen der Träger des Reifs in Berührung ist, unsichtbar. Außerdem paßt der Reif aufjeden Kopf, denn er dehnt sich nach der Größe des Kopfes aus oder zieht sich zusammen."