Ann zauderte, das kostbare Geschenk anzunehmen, aber der König drückte ihr den Reif fast gewaltsam in die Hand und schien die heißen Dankesworte des Mädchens gar nicht zu hören.
„Ihr könnt ihn ruhig annehmen", sagte er zu Ann, „ich brauche ihn nicht. Wenn ich mich allzu oft unsichtbar mache, werden meine Untertanen bald vergessen, wie ich aussehe, was einem König bestimmt nicht nützen kann, ha, ha, ha!"
Ann setzte schüchtern den Reif auf, der genau auf ihren Kopf paßte, als hätte ihn ein geschickter Goldschmied angefertigt.
„Er steht dir großartig, Ann!" rief Tim strahlend. „Einfach wunderbar! Und jetzt verschwinde mal!"
Das Mädchen berührte den großen Rubin, wie der Fuchskönig es getan hatte, und war im Nu verschwunden. Tim staunte nicht wenig, als der Platz, wo sie gestanden hatte, völlig durchsichtig wurde. Arto aber bat:
„Laß diese Späße, Ann, darüber muß ja jeder anständige Hund erschrecken!"
Von dem Platz.. 'wo Ann gestanden hatte, erklang ein lautes Lachen, dem die Worte folgten:
„He, Tim, fang mich mal!"
Tim lief auf die Stimme zu, aber kaum hatte er Anns Arm berührt, entschlüpfte sie ihm auch schon, und ihre Stimme erklang aus einer anderen Ecke der Höhle. Nach mehreren vergeblichen Versuchen sagte der Junge ärgerlich:
„Jetzt hab ich's aber satt! Das ist hundertmal schlimmer als Blindekuh spielen."' Da tauchte Ann wieder auf. König Nasefein sagte:
„Ich finde es nur gerecht, daß der Silberreif Eurer Durchlaucht gehören soll. Ihr seid die Schwester Ellis, der Fee, die Bastinda getötet hat, der dieser Zaubertalisman einmal gehört hat. Die böse Hexe hatte mich aus dem Mutterbau genommen, als ich noch ein kleines Füchslein war, und mich als Geschenk für ihre Schwester in den Violetten-Palast bringen lassen. Im Land der Zwinkerer gibt es keine Füchse, und alle starrten mich dort wie ein Wunder an. Bastinda hielt mich mehrere Jahre gefangen. Elli hat Euch gewiß erzählt, wie schwer es war, aus dem Palast der bösen Hexe zu fliehen. Mir aber ist es gelungen!" sagte Nasefein stolz. „Ich hatte herausbekommen, wie die Hexe den Reif benutzte, stahl ihn aus ihrer Schatzkammer und machte mich davon. Dieser Talisman hat mich auf dem Heimweg vor vielen Gefahren bewahrt. Er hat mir auch geholfen, die Macht im Reich der Füchse zu erringen. Aber jetzt trenne ich mich ohne Bedauern von ihm, weil..."-bei diesen Worten trat er ganz nahe an Ann heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich fürchte nämlich, daß der Silberfuchs Prinz, Krummbein mir den Reif entwendet. Er hat es auf meinen Thron abgesehen..."' Als Ann dieses Geständnis hörte, sagte sie sich, es sei wohl eine gute Tat, Nasefein von dem Talisman zu befreien. Mit reinem Gewissen werde sie Fuchsstadt verlassen, um sich mit ihren Gefährten in das Land der Käuer und von dort in die Smaragdenstadt zu begeben.
Vor dem Abschied gab König Nasefein XVI. zu Ehren Anns, Tims und Artos ein Festessen. Die Kaninchenbaumfrüchte, mit denen man sie bewirtete, schmeckten ausgezeichnet. Mehrere davon bekamen sie mit auf den Weg. Zum Dank schenkte Ann dem König ihren blauen Umhang. Nasefein war sehr stolz, als er ihn anzog, und sagte, von jetzt an solle dieser Umhang im Lande der Füchse als Königsgewand dienen.
Abgesandte des Königs Nasefein geleiteten Tim und A nn bis an die Grenze des Landes, wo der Steg begann, der in das Land der Käuer führte. Sie beschrieben den Kindern auch genau die Stelle, wo der letzte Säbelzahntiger auf der Lauer lag. Der Steg war gewunden und stellenweise von Gras überwuchert, so daß die Kinder ihre Maultiere zügeln mußten. Cäsar und Hannibal schnaubten unwillig, denn während der Rast in Fuchsstadt hatten sie sich mit Energie vollgeladen, die sie jetzt so schnell wie möglich loswerden wollten.
Als die Wanderer an einer Wegkrümmung das gestreifte Fell des Tigers erblickten, ließen sie die Zügel locker. Das Raubtier, das die Hufschläge schon aus der Ferne vernommen hatte, war aus den Büschen getreten und hatte sich zum Sprung geduckt, aber in diesem Augenblick schalteten Tim und Ann auf Höchstgeschwindigkeit, und die Maultiere sausten wie der Wind an dem Tiger vorbei.
„Ich werde wohl alt und schwerfällig", brummte der Säbelzahntiger, „da ich nicht einmal unterscheiden konnte, was so schnell an mir vorbeigesaust ist. Jedenfalls waren es keine Füchse."
Ann und Tim ritten mehrere Stunden, bis sich vor ihnen das herrliche Blaue Land auftat, das das Mädchen aus den Geschichten seiner Schwester so gut kannte. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich Anns: Ihr war, als habe sie diese wunderbare Landschaft mit dem smaragdgrünen Gras, diese Bäume mit den ungewöhnlichen Früchten und diese rauschenden Bäche mit den unzähligen Gold- und Silberfischlein schon einmal gesehen.
Hinter den Bäumen traten liebliche Menschlein mit breitkrempigen, silberschellenbehangenen Hüten hervor.
Sie hatten blaue Mäntel und enge Hosen an und bewegten ununterbrochen die Kiefern. Am Rande der Lichtung blieben sie stehen und betrachteten ängstlich den Jungen und das Mädchen auf den hohen Maultieren.
„Guten Tag, liebe Käuer!" sagte das Mädchen, das vom Maultier stieg und mehrere Schritte zu den Menschlein hin machte, während Tim mißtrauisch im Sattel blieb. „Guten Tag, mächtige Fee", erwiderte ein beherzter Käuer und verbeugte sich vor den Ankömmlingen. Seinem Beispiel folgten die anderen, wobei die Schellen auf ihren Hüten gar lieblich läuteten.
„Warum meint ihr, daß ich eine Fee bin?" fragte Ann lächelnd.
„Weil nur eine Fee einen solch schönen Silberreif auf dem Haupt trägt. Auch siehst du der Fee des Tötenden Häuschens sehr ähnlich, die uns von der bösen Gingema befreit und den tückischen Urfin Juice mit seinen Holzsoldaten besiegt hat."
Bei diesen Worten fingen die Käuer zu schluchzen an, und damit das Gebimmel der Schellen sie dabei nicht störe, nahmen sie die Hüte ab und legten sie auf die Erde.
„Warum weint ihr denn, liebe Freunde?" fragte Ann verwundert.
„Wir weinen, weil der böse Urfin das Zauberland erneut unterjocht und den Weisen Scheuch gefangengenommen hat", erwiderte ein Käuer.
Ann und Tim traten vor Staunen die Augen fast aus den Höhlen.
„Aber wie konnte das geschehen?" fragte das Mädchen. „Ich will es euch erzählen",
sagte eine kleine alte Frau, die aus der Menge hervortrat. Sie trug ein weißes, mit funkelnden Sternchen besetztes Gewand.
„Guten Tag, Frau Willina!" sagte das Mädchen. „Ihr kommt wohl aus dem Gelben Lande?" „Ja, mein Kind", erwiderte die Frau und umarmte Ann. „Seit mehreren Tagen verfolge
ich deine Abenteuer und freue mich sehr, daß du die Zeit nicht vertrödelst."'
Bei diesen Worten berührte Willina den Zauberreif des Mädchens.
„Das ist ein Geschenk des Königs der Füchse", sagte das Mädchen schüchtern.
„Ich weiß, meine Liebe, und gratuliere dir dazu. Dieser Talisman wird dir und deinem Freund im Kampf mit Urfin Juice helfen."'
„Werden auch wir mit dem grausamen Urfin kämpfen müssen?" fragte Ann erschrocken.
„Ja, das werdet ihr, mein Kind", erwiderte die Zauberin. „Deine Schwester Elli und ihre Freunde sind zu milde mit diesem tückischen Mann verfahren, und jetzt hat er wieder die Macht erobert, ein Heer der Springer auf die Beine gebracht und den Scheuch und den Eisernen Holzfäller gefangengenommen."' „Auch den Holzfäller?"