„Ja, auch ihn hat Urfin überrumpelt. Von den drei wackeren Freunden Ellis lebt nur noch der Tapfere Löwe frei in seinem fernen Wald. Siehst du, mein liebes Mädchen, ich darf mein Land nicht für lange Zeit verlassen und kann dir nur mit einem Rat behilflich sein, aber ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht."'
„Ich danke Euch, liebe Frau", sagte Ann. „Hat das Schicksal mich und Tim hergeführt, um den Scheuch und den Eisernen Holzfäller zu retten, so werden wir unsere Pflicht tun."
„Ich denke genau wie Ann", sagte Tim.
„Ich will mein Zauberbuch um Rat fragen", sagte Willina und zog aus den Falten ihres Gewandes ein winziges Büchlein hervor.
Sie legte es auf einen Stein, blies darauf und sprach ein paar Zauberworte, worauf es sich in ein dickes Buch verwandelte. Willina blätterte darin, bis sie das Wort „Gefangene" fand, erhob die Augen und sprach die Beschwörung: „Bambara-tschufara, skoriki-moriki, turabo-furabo, lorikijoriki..." Mit geschlossenen Augen wiederholten die schreckensbleichen Käuer: „Bambara-tschufara, loriki-joriki..."
Auf einem leeren Blatt des Buches traten Worte hervor, die Willina feierlich verlas:
„Das Mädchen Ann und ihr Gefährte, die rittlings auf wunderbaren Tieren, die von Sonnenstrahlen gespeist werden,- in unser Land gekommen sind, mögen auf dem gelben Backsteinweg in die Zauberstadt ziehen... "
„Seltsam", sagte die Zauberin, „vor zehn Jahren hat dieses Buch deine Schwester Elli auf diesen Weg geschickt, und siehe, jetzt ist die Reihe an dir... Aber laßt uns weiter lesen."
„Im ehemaligen Palast Goodwins sollen Ann und ihr Freund den Zauberkasten des Scheuchs, dessen sich Urfin bemächtigt hat, an sich nehmen. Dabei wird ihnen der Silberreif helfen. Der Zauberkasten wird das übrige tun..." „Hm, das Ende ist nicht klar. Aber das Buch will wohl nicht mehr aussagen", meinte die Zauberin. „Das Weitere wird sich an Ort und Stelle zeigen. Nun denn, macht euch auf den Weg, meine lieben Kinder, ich wünsche euch Erfolg, lebt wohl!..."' Das Buch schrumpfte wieder zusammen und verschwand in den Falten des Gewandes. Eine Sekunde später war auch die Zauberin verschwunden. Wo sie gestanden hatte, erhob sich ein Wirbel, der über die Wiese fegte und sich in der Ferne verlor. Verblüfft betrachteten die Käuer die Stelle, wo eben noch Willina gestanden hatte. Da kam Ann ein kecker Gedanke: Sie wollte diesen scheuen Menschlein zeigen, daß auch sie Wunder tun könne wie die Zauberin aus dem Gelben Lande. Sie berührte den großen Rubin auf dem Reif und war im nächsten Augenblick verschwunden. Zwei solcher Kunststücke hintereinander - das war mehr, als die ängstlichen Käuer vertragen konnten. Mit Schreien des Entsetzens stoben sie auseinander und verbargen sich in den Büschen. Ann, die nach wenigen Sekunden wieder auftauchte, und Tim, der ihren Scherz mißbilligte, mußten den Käuern lange zureden, bis sie sich ein Herz faßten und aus den Büschen hervortraten.
Als sie erfuhren, daß es der Silberreif war, der den Zauber bewirkt hatte, waren sie überzeugt, daß Ann eine noch mächtigere Fee sei als ihre Schwester.
Sie baten das Mädchen inständig, den grausamen Urfin und die Springer zu vertreiben und den guten Scheuch wieder als Herrscher einzusetzen. Dann schafften sie eine Menge Proviant für die Kinder herbei. Zum Dank gab Ann ihnen Früchte des Kaninchenbaums. Die kleinen Menschlein freuten sich sehr über das Geschenk und sagten:
„Wir haben diese herrlichen Früchte seit dem Tag nicht mehr gegessen, da der blutrünstige Tiger uns den Weg in das Königreich der Füchse verlegt hat." „Warum tötet ihr ihn denn nicht?" fragte Tim.
Über diese Frage waren die Käuer so verwundert, daß die Schellen an ihren Hüten von selbst zu bimmeln anfingen. „Wie sollen wir ihn töten, wo wir doch so klein und schwach sind?" riefen sie. Tim lächelte nachsichtig.
„Ich habe leider keine Zeit, euch zu zeigen, wie man das macht. Aber ihr werdet es wohl auch ohne mich schaffen, wenn ich es euch erkläre. Grabt 300 Fuß von der Höhle des Raubtiers entfernt eine tiefe Grube aus, bedeckt sie mit Zweigen und Laub und bindet davor an einen Pflock zwei Lämmer an. Diese werden durch ihr Blöcken den Tiger anlocken, der herbeieilen und sich auf sie stürzen wird. Dabei wird er in die Grube fallen, und dort wird er _ verrecken."
Über diese Worte gerieten die Käuer in Entzücken. Sie hüpften und tanzten so lange, bis sie erschöpft umfielen. Wenige Tage später taten die Einwohner des Blauen Landes, wie Tim ihnen geraten hatte, und wie erwartet fand der Tiger in der Grube seinen Tod. Die Käuer schlugen neben der Grube einen Pflock in die Erde, an den sie ein Täfelchen mit der Aufschrift anbrachten:
Hier sind die Überreste des letzten Tigers des Zauberlandes begraben. Wir haben ihm
den Garaus gemacht, wie der wunderbare Tim, ein Junge von der anderen Seite der Berge, es uns gelehrt hat. Wir loben und preisen ihn!
Auf dem Weg in die Smaragdenstadt, sagten die Käuer, würden die Kinder durch ein großes Dorf der Unterirdischen Erzgräber kommen. Es seien zwar viele Jahre vergangen, seitdem die Erzgräber ihre Höhle verlassen und sich in der oberen Welt angesiedelt hatten, aber aus Gewohnheit nenne man sie bis auf den heutigen Tag die Unterirdischen. „Werden sie uns nichts Böses antun?" fragte Arto. „O nein, das sind herzensgute Menschen", versicherten die Käuer. „Freilich haben sie die Gewohnheit, beim Sprechen zu Boden zu blicken, was nicht einem jeden gefällt. Aber sie können nicht anders, weil das grelle Tageslicht sie immer noch stört." Beim Abschied versprachen Tim und Ann, auf dem Heimweg wieder bei den Käuern einzukehren.
Cäsar und Hannibal waren froh über den Aufbruch, denn Bewegung war ihnen das liebste auf der Welt. - das lag eben in ihrer Natur.
An diesem Tag kamen die Kinder durch mehrere Käuerdörfer. Alles war dort blau: die Häuser mit den Spitzdächern, die Tore und Zäune, die Einfriedungen der Gärten und Felder und die Kleider der Einwohner. Unsere Reisenden wurden überall freundlich begrüßt. Auf eine geheimnisvolle Weise hatten die Leute erfahren, daß die kleine Schwester der Fee des Tötenden Häuschens eingetroffen sei und den Kampf mit dem grausamen Urfin Juice aufnehmen wolle.
Im letzten blauen Dorf zeigte man Tim und Ann die Richtung, die sie einschlagen mußten, um auf den gelben Backsteinweg zu gelangen. Bald erreichten die Kinder die Lichtung, in der die Hütte John Smith' nach der wunderbaren Luftreise gelandet war. Der Wohnwagen stand noch immer da, allerdings geschwärzt von Wind und Wetter. Auf der Tür war noch die halbverwischte Aufschrift zu lesen: „Ich bin nicht zu Hause", die Elli hingekritzelt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war.
Natürlich traten die Kinder in den Wagen ein.
Drinnen herrschte eine große Unordnung. Die Stühle waren umgefallen, und ein Teil des Geschirrs, das aus dem Küchenschrank gerutscht war, lag zerbrochen auf den Dielen. Ann nahm zum Andenken ein mit Blumen bemaltes Tellerchen mit, Tim stellte die Stühle um den Tisch auf und staubte sie ab.
Schweigend verließen die Kinder das Häuschen, das seit zehn Jahren keines Menschen Fuß betreten hatte.
„Da muß irdendwo in der Nähe die Höhle Gingemas sein", sagte Ann leise. „Mir ist so bange... "
„Hab keine Angst", beruhigte sie Tim. „Mit unseren Maultieren und dem Silberreif brauchen wir nichts zu fürchten... Außerdem bin ich ja auch noch da!" Bei diesen Worten richtete sich der Junge im Sattel auf und machte ein grimmiges Gesicht. „Prahlhans!" lächelte Ann. „Du vergißt anscheinend, daß wir noch sehr klein sind, lieber Tim."'