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VIERTER TEIL

Der Silberreif

BEI DEN ERZGRÄBERN

Bald kamen die Reisenden an eine Kreuzung, von der drei Wege abzweigten. Auf dem Wegweiser waren drei Schildchen angebracht. Eines trug die Aufschrift „WEG DORTHIN", das andere „WEG HIERHER", das dritte „GBP-WEG". „Das ist der richtige!" rief Ann. „Was bedeutet diese Aufschrift?" fragte Tim.

„Das ist doch leicht zu verstehen: Gelber Backsteinpflasterweg", erklärte das Mädchen. „Genauso habe ich ihn mir vorgestellt. Mir ist, als sehe ich Elli in ihren silbernen Zauberschuhen diesen Weg gehen, gefolgt vom treuen Toto..." „Gut, daß du es sagst", rief Arto aus dem Sack. „Es muß sehr angenehm sein, auf diesem glatten Weg zu laufen, mir sind vom Liegen die Pfoten schon ganz geschwollen."

Tim und Ann stiegen von den Maultieren und ließen den Hund aus dem Sack. Es war angenehm zu gehen auf den gelben Backsteinen, die von der Zeit schon abgewetzt waren. Die Maultiere folgten ihnen, während Arto in den Büschen schnüffelte und die Eichhörnchen anbellte, die von den Zweigen zurückschimpften. Mit einem sonderbaren Gefühl beschritt Ann den märchenhaften Weg, von dem sie geträumt hatte, als sie noch ganz klein war. Auf diesem Weg hatte Elli einst den Scheuch, den Eisernen Holzfäller und den Feigen Löwen kennengelernt... Ann erschauerte bei dem Gedanken, daß hinter den Büschen der schreckliche Menschenfresser lauern könnte, der einst ihre Schwester entführt hatte. Sie beruhigte sich jedoch bald, wußte sie doch, daß der Menschenfresser schon vor zehn Jahren vom Eisernen Holzfäller erschlagen worden war.

Am nächsten Tag, als die Sonne bereits hoch Himmel stand, tauchte in der Ferne das Dorf der Erzgräber auf. Der Weg hatte sich in eine breite Straße verwandelt, zu deren beiden Seiten Weizenfelder rauschten und Gärten blühten. Auf einem Stoppelfeld war ein Bauer mit einem Pflug zu sehen, den ein Sechsfüßer zog. Die Augen des Tieres waren verbunden - wahrscheinlich, weil es sich an das grelle Sonnenlicht noch immer nicht gewöhnt hatte.

Neugierig betrachteten Tim und Ann das seltsame Tier mit dem struppigen weißen Fell, dem großen runden Kopf und dem runden Körper, der sich auf sechs runden Füßen vorwärtsbewegte. Das Tier mußte sehr stark sein, denn es zog mit Leichtigkeit den großen Pflug, der breite Furchen in der schwarzen fetten Erde hinterließ. Der Bauer betrachtete verwundert die Ankömmlinge, die auf hochbeinigen Tieren ritten, wie man sie im Zauberlande nicht kannte.

Am Rande des Dorfes lag eine kleine Fabrik, aus der das Rattern von Maschinen und das Klopfen von Hämmern zu hören war. Die Erzgräber, die sich auf der Erdoberfläche angesiedelt hatten, fuhren fort, das Metall zu bearbeiten, das aus der Höhle kam. Tims und Anns Erscheinen rief im Dorf großes Aufsehen hervor. Aus den schönen hohen Häusern mit den roten Dächern kamen Kinder und Erwachsene gelaufen, die die kleine Schar neugierig umringten. Die Erzgräber hatten lange fahle Gesichter. Sie hoben ihre Augen nur für kurze Zeit zu den Reisenden empor und senkten sie sofort wieder. Ein hagerer alter Mann mit einem langen grauen Bart trat aus der Menge und sagte: „Ich heiße Ruschero und bin der Herrscher im Lande der Erzgräber." „Oh, meine Schwester hat mir viel über Euch erzählt", sagte Ann erfreut. „Ihr wart doch der letzte Hüter der Zeit im unterirdischen Lande, nicht wahr?" Ruschero schmunzelte:

„Ich wußte nicht, daß man sich jenseits der Berge noch meiner erinnert. Das habe ich wohl Elli zu verdanken?" „Wem sonst?" sagte Tim. „Bei uns kennen alle Kinder auf den Farmen die Namen der unterirdischen Könige. Euren natürlich auch", fügte er höflich hinzu.

Ruschero lud Ann und Tim zu sich ein. Die Maultiere wurden in die Sonne gestellt, damit sie sich aufluden, und Arto blieb bei ihnen als Wächter zurück.

Das Haus Ruscheros hatte viele, schön ausgestattete Zimmer, an deren Decken kleine Kugeln hingen, die, wie der Herrscher sagte, nachts das Haus beleuchteten. Der Anstrich der Wände und Möbel war überwiegend von einem grellen Grün, Hellblau und Orange.

Die Erzgräber mochten jetzt nicht mehr die blassen und trüben Farben, die sie in den Jahrhunderten ihres unterirdischen Lebens umgeben hatten.

Zu Ehren der Gäste gab Ruschero ein großes Festessen. Bevor man sich an die Tafel setzte, sagte er zu Ann und Tim:

„Die Reden einiger meiner Stammesgenossen werden euch vielleicht sonderbar vorkommen, aber ich bitte euch inständig, ernst zu bleiben, selbst wenn es euch schwerfallen sollte."'

In dem großen Saal nahmen an langen Tischen mehrere Dutzend Menschen Platz. In dem halbdunklen kühlen Raum fühlten sich die Erzgräber ungezwungen, und Ann bemerkte, daß sie kühne Augen und würdevolle Gesichter hatten.

Der Hausherr setzte das Mädchen zwischen zwei ältere Männer. Der Nachbar links, der beleibt und rothaarig war, stellte sich vor:

„Barbedo!"

Der andere, zur Rechten, ein Mann mit dichten Brauen, dem eine schwarze Haarsträhne in die Stirn fiel, sagte: „Mein Name ist Mentacho!"

Es waren zwei der letzten unterirdischen Könige. Ann hatte beinahe aufgelacht, aber der Bitte Ruscheros eingedenk, unterdrückte sie das Lachen.

Auf den Tischen standen viele Leckerbissen: Torten auf großen Tellern, Zuckergebäck, Kuchen, dampfende Schildkrötensuppe, Schalen mit herrlichem Obst, Pfannkuchen mit Honig und Limonade.

Die Tischnachbarn unterhielten Ann, wie sie nur konnten. Der ehemalige König Mentacho lobte eifrig seinen jetzigen Beruf, das Weben.

„Ich bin so stolz darauf, liebe Ann, daß ich Weber bin wie meine Vorfahren", sagte Mentacho. „Ich glaube, das Weben ist die allerwichtigste Beschäftigung auf der Welt. Stellt Euch einmal vor, es gäbe keine Weber. Dann würden die Menschen in Tierfellen umherlaufen, wie vor tausend Jahren, und ihr Verstand würde gewiß auf den Stand der Tiere herabsinken!"

„Oh, Mentacho", rief einer der Gäste fröhlich. „Du vergißt diejenigen, die Flachs bauen!"

Ein anderer sagte:

„Sag, Freundchen, was würden deine Stoffe nützen, wenn wir Schneider nicht wären?" Die Gäste lachten und scherzten ausgelassen.

Mit besonderer Aufmerksamkeit hörte Ann Barbedo zu. „Ich kann es nicht begreifen", sagte er erregt, „wie unsere Väter und Großväter die Macht der Könige so lange geduldet haben. Hätte ich damals gelebt, ich hätte mich sicher als erster gegen die Tyrannen erhoben!"

Die flammenden Reden Mentachos und Barbedos kamen Tim und Ann lächerlich vor. Jetzt verstanden sie, warum der Hausherr sie gebeten hatte, ernst zu bleiben. Am meisten staunten sie aber darüber, daß die vielen Tischgäste mit ernsten Mienen

den gestürzten Königen zuhörten. Nicht nur, daß niemand schmunzelte, man nickte sogar beifällig und machte ermunternde Zwischenrufe. Diese Menschen, die viele Jahrhunderte lang in ihrem unterirdischen Reich gedarbt hatten, besaßen reine und edle Herzen. Nachdem sie ihre ehemaligen Könige umerzogen und aus Schmarotzern und Gewalttätern in fleißige Handwerker umgewandelt hatten, wollten sie sie mit keinem Wort an die Vergangenheit erinnern, um sie nicht zu erniedrigen. Dieses feinfühlige Volk hatte alles verstanden und alles verziehen. Tim und Ann bewunderten den Edelmut der Erzgräber. Nach dem Essen, als der Hausherr die Gäste verabschiedet hatte, teilte Tim ihm mit, daß Urfin die Smaragdenstadt erneut erobert habe.

„Darüber haben mich die Käuer längst unterrichtet", sagte Ruschero. „Wir haben mit ihnen ein Bündnis über gegenseitigen Beistand geschlossen." „Wie gedenkt ihr, euch der Feinde zu erwehren?" fragte Ann besorgt. „Meine Schwester hat erzählt, die Springer seien ein sehr starkes und kriegerisches Volk." „Wir haben für sie etliche Überraschungen parat", erwiderte schmunzelnd Ruschero, „aber davon darf niemand etwas erfahren."