Tim und Ann waren bereits mehrere Stunden unterwegs, als aus einem Seitenweg eine sonderbare Gestalt hervortrat. Es war ein hölzernes Menschlein, das jedoch anders aussah als die Holzköpfe, die man den Kindern beschrieben hatte. Es hatte lange dürre Arme mit vielen Fingern, hohe Läuferbeine und eine lange spitze Nase, mit der es in einem fort schnupperte.
Ann begriff, daß es ein ehemaliger Polizist war, der nach Urfins Sturz das Amt eines Boten und Briefträgers versah.
„Halt!" rief sie laut und stellte sich dem Männchen in den Weg. Das blieb wie angewurzelt stehen. „Wer bist du?" fragte das Mädchen. „Ich heiße Rellem und bin der Eilbote des Herrschers der Smaragdenstadt, des Dreimalweisen Scheuchs."
„Also ist der Scheuch frei?" fragte Ann erfreut. „Hat er dir eine Botschaft aufgetragen?" „O nein, gnädige Frau, leider! Die Smaragdenstadt ist von Feinden besetzt, und unser Herrscher ist gefangen. Man hat die Einwohner aus ihren Häusern vertrieben, und jetzt irren sie, elend und hungrig, auf den Feldern umher." „Wohin eilst du?" fragte Tim.
„Zum ehrenwerten Prem Kokus, dem Herrscher der Käuer, und zum ehrenwerten Ruschero, dem Herrscher der Erzgräber. Ich soll sie vor der Gefahr warnen, hat mir Frau Kaggi-Karr aufgetragen, die zeitweilige Herrscherin der Smaragdeninsel. Natürlich werden die Käuer und die Erzgräber gegen die kriegerischen Springer nichts ausrichten, aber zumindest werden sie bis zu deren Ankunft ihr Hab und Gut und ihren Lebensmittelvorrat in Sicherheit bringen können."
„Ein guter Einfall von Kaggi-Karr", bemerkte Tim. „Oh, Frau Kaggi-Karr ist der klügste Vogel im Zauberland", sagte Ann. „Ich bin überzeugt, daß sie uns im Kampf mit Urfin Juice beistehen wird. Sag, Rellem, sind die Springer weit von hier?" wandte sie sich an den Boten. „Einen Tagesmarsch entfernt", antwortete das Holzmännchen. „Das ist allerdings nicht nahe, denn ihr müßt bedenken, ich laufe sehr schnell. In unserem Lande gehe ich aus jedem Wettlauf als Sieger hervor."
„Und was gibt es im Lande der Zwinkerer?" fragte Ann. „Hat der böse Urfin auch sie unterworfen?"
„Ja, aber nicht für lange", erwiderte das Männchen. „Kaggi-Karr hat mir von einer Begebenheit erzählt, über die die Vögel sie unterrichtet haben. Ich glaube, Urfin weiß noch nichts davon."
Rellem erzählte folgendes:
Nach dem Abzug der Hauptkräfte Urfins führen die Zwinkerer, ohne zu murren, alle Befehle Bois' aus, des Kommandanten der kleinen Marranengarnison. Aber Lestar, der Freund und oberste Berater des Eisernen Holzfällers, sei ein erfinderischer Kopf. Er hat die Holzkanone hergestellt, die durch einen einzigen Schuß Urfins Armee in die Flucht geschlagen habe. Dieser Lestar habe das Leben und Verhalten' der Marranen aufmerksam beobachtet und bald herausgefunden, daß sie nach dem Einschlafen völlig hilflos seien.
Aus Angst vor nächtlichen Überfällen schlafen die Marranen in Zimmern mit dicken Türen, die mit großen Schlössern und Riegeln versehen sind. Aber was bedeuten schon Schlösser für die tüchtigen Handwerker des Violetten Landes! Einmal seien die Springer mit gefesselten Armen und Beinen aufgewacht. Die Aufständischen hatten sie in einen Keller eingesperrt, wo sie reichlich Zeit hatten, die Torheit zu bereuen, daß sie den Versprechungen des Feuergottes geglaubt hatten. Lestar weiß natürlich, daß er mit diesem leichten Erfolg noch nicht gesiegt hat. Er sei sicher, daß Urfin ein großes Soldatenaufgebot ausschicken werde, und treffe Vorkehrungen. Vor allem habe er die Mobilisierung aller Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren verkündet, was eine Truppe von insgesamt 3000 Mann ergab. Die älteren Jahrgänge haben Schwerter und Dolche, Lanzen-und Pfeilspitzen angefertigt, und jetzt lägen in der großen Halle des Palastes ein Haufen von Waffen und Schilden bereit. Die Zwinkerer, die Din Gior seinerzeit militärisch ausgebildet hat, seien auf Befehl des jetzigen Oberkommandierenden, Lestar, zu Korporalen, Leutnanten und Hauptmännern befördert worden. Sie unterweisen die Jugend in der Handhabung der Waffen. Das Volk sei kämpferisch gestimmt, sagte der Bote, es rufe: „Sieg oder Tod!" Tim und Ann waren über Rellems Bericht sehr erfreut. Jetzt wußten sie, daß die Springer nicht so schrecklich wären, wie sie gedacht hatten, und daß man auch ihnen beikommen könne.
„Hab Dank für die gute Nachricht, Freund Rellem", sagte Tim. „Mach dich auf den Weg und bestelle den Käuern und Erzgräbern, daß sie ihr Hab und Gut und ihren Eßvorrat gut verbergen sollen. Noch besser wäre es, sie gingen in den Wald. Wenn die Eroberer leere Dörfer vorfinden, wird ihr Mut sinken. Prem Kokus hat von uns natürlich gehört. Bestelle ihm einen Gruß und sage ihm, daß Ann und Tim alles tun werden, um dem tückischen Urfin das Handwerk zu legen."' Rellem nahm Haltung an:
„Ich werde alle Eure Befehle genau ausführen, gnädiger Herr!" sagte er. ,Und noch eins: Am GBP-Weg stehen. feindliche Posten, und der Übergang über den Großen Fluß wird von einem Zug Springer bewacht, die nachts nicht schlafen, weil sie einen Likör aus Nuch-Nuch-Nüssen trinken."'
Der hölzerne Bote erklärte den Kindern, was das für Nüsse seien und wie sie wirkten. Nach diesen wertvollen Auskünften wandte sich der Abgesandte Kaggi-Karrs mit einem Ruck um, setzte sich in Trab und war im nächsten Augenblick verschwunden. Schlimme Vorahnungen bemächtigten sich Anns und Tims. Der Weg lag nach wie vor friedlich vor ihnen, aber die Nachricht, daß irgendwo Feinde lauerten, hatte ihre Stimmung verändert. Die Unruhe schärfte alle Sinne der Kinder, die jetzt wachsam in die Ferne blickten.
Nach einem langen Marsch übernachteten sie in einer Hütte, die einzustürzen drohte. Hier hatte einst der Eiserne Holzfäller gewohnt. Auf einem Wandbrett stand noch die verstaubte Kanne mit dem Öl, das er zum Schmieren seiner eisernen Gelenke benutzt hatte.
Am folgenden Tag setzten die Kinder den Weg mit großer Vorsicht fort. Wo er gerade war, hielten sie mit dem Fernrohr Ausschau, und an den Krümmungen schickten sie Arto voraus, der sich geräuschlos durch die Büsche pirschte und die Lage auskundschaftete.
Nach einem dieser Aufklärungsunternehmen kehrte Arto hechelnd und mit gesträubtem Fell zurück.
„Feinde!" meldete er kurz. „Ein volles Dutzend. Sie lagern am Straßenrand!" Es wurde sofort ein Kriegsrat abgehalten, an dem auch die Maultiere teilnahmen, weil Hannibal gesagt hatte: „Da wir die Namen berühmter Feldherren tragen, ist es nur gerecht, daß wir in militärischen Angelegenheiten mitreden", wogegen Tim und Ann nichts einzuwenden hatten.
„Wie sind die Springer bewaffnet?" fragte das Mädchen. „Sie haben Schleudern und schwere Keulen", erwiderte das Hündchen. Cäsar sagte:
„Hannibal und ich können an den Wachen so schnell vorbeisprengen, daß sie nicht dazukommen, die Waffen zu heben. Wollt ihr euch davon überzeugen?"
„Um einen Stein in den Rücken zu bekommen, ja? Danke schön!" sagte Ann.
„Außerdem darf Urfin nicht erfahren, daß wir im Zauberland sind, sonst wird er sich in acht nehmen und wir werden es viel schwerer haben, die Vorhersage des Zauberbuchs in Erfüllung gehen zu lassen."