Выбрать главу

„Wir könnten einen Bogen um den Feind machen", sagte Tim.

„Das geht nicht, weil der Wald zu dicht ist", entgegnete Arto.

Alle dachten angestrengt nach, dann rief Ann aus: „Ei, wie dumm wir doch sind! Wir haben den Reif völlig vergessen! Er kann uns ja unsichtbar machen!"

Damit die Marranen nichts hörten, zogen die Kinder ihre Schuhe aus und hüllten die Hufe der Maultiere in Blätter, die sie mit Lianen umwanden.

Um den Plan auszuprobieren, nahmen sich die Kinder bei den Händen und führten die Maultiere am Halfter hinter sich. Als sie sich Arto näherten, der den Beobachter spielte, berührte Ann den großen Rubin des Reifs.

„Nichts zu sehen und nichts zu hören!" rief Arto freudig. Hatte der Hund mit seinen scharfen Augen und der feinen Nase nichts gemerkt, so konnte die Vorhut der Springer erst recht nichts sehen oder hören. Die List hatte sich bewährt. Kurze Zeit später hörten Ann und Tim das Getrampel zahlreicher Füße und den Lärm vieler Stimmen. In der Ferne wurde der große Marranentrupp sichtbar, den Urfin gegen die Käuer und Zwinkerer ausgeschickt hatte. Der Weg war hier viel zu schmal, als daß die Kinder den Soldaten hätten ausweichen können. Zum Glück hatten sie etwa 50 Schritt vorher einen Pfad in den Wald abbiegen sehen. Auf diesen zogen sie sich nun zurück, und Ann berührte erneut den Rubin.

Drei Züge von Urfins Armee zogen lachend und schwätzend an der kleinen Schar vorbei, und keiner der Soldaten ahnte, daß sich in der Nähe Feinde verbargen. Am Abend des nächsten Tages erreichten die Kinder den Großen Fluß. Da die Überfahrt, wie sie von Rellem wußten, bewacht war, bogen sie vom Weg ab und ritten am Ufer entlang, bis sie eine Stelle fanden, die sie, ohne absteigen zu müssen, leicht überquerten.

Bis zur Smaragdeninsel waren es jetzt zwei Tagereisen zu Fuß, aber nur ein paar Stunden zu Pferd. In dieser dicht bevölkerten Gegend mußte man gut aufpassen, denn überall trieben sich Springer herum, denen unter die Augen zu kommen nicht ratsam war. Selbst die Einwohner des Smaragdenlandes würden, wenn sie einem Mädchen begegneten, das Elli wie aus dem Gesicht geschnitten war, überall davon erzählen, was Urfin zu Ohren kommen konnte. Deshalb beschlossen die Kinder, den Weg zu Fuß zurückzulegen, um die Zauberkraft des Reifs besser nutzen zu können. Sie überlegten, was sie mit den Maultieren anfangen sollten. Sie in die Sonne zu stellen war gefährlich, denn die Tiere würden sich so sehr aufladen, daß keine Fessel sie würde halten können.

Tim legte Cäsar und Hannibal ins schattige Dickicht, band ihnen auf alle Fälle die Beine zusammen und bedeckte sie mit Zweigen und Laub, damit kein Vorübergehender sie bemerke.

Dann legten die Kinder das Allernotwendigste in ihre Rucksäcke und baten die Tiere, so lange auf sie zu warten, bis sie zurückkehrten, selbst wenn das eine geraume Weile dauern sollte.

Nach dem Abschied von den treuen mechanischen Gefährten kehrten Ann und Tim auf die GBP-Straße zurück und nahmen, unsichtbar für die Umgebung, Kurs auf die Smaragdeninsel.

Hier war alles grün. In grünen Hainen standen Farmerhäuser mit grellgrünen Wänden und blaßgrünen Dächern. Die Einfriedungen der Gärten und Felder waren meergrün und die Wegweiser hatten einen dunkelgrünen Anstrich.

Von ihrer Schwester wußte Ann, daß auch in der Kleidung der Einwohner die grüne Farbe vorherrschte. Aber die wenigen Farmer, denen die Kinder begegneten, hatten nur Fetzen am Leibe, deren Farbe schwer zu erkennen war. Die Marranen hatten ihnen nicht nur Hab und Gut, sondern auch die letzten Kleider geraubt.

OICHOS KAMPFTATEN

Das von Urfin zur Eroberung des Blauen Landes ausgesandte Marranenregiment befehligte Oberst Chart, ein breitschultriger, gedrungener Kerl mit riesigen Fäusten. Die tiefe Furche in seiner Stirn verriet, daß er viele Jahre Sklave gewesen war -wahrscheinlich hatte er es mit dem Wetten zu weit getrieben.

Vor dem Erzgräberdorf stellten sich die Kolonnen auf. Chart schickte Kundschafter aus, die bald mit der Meldung zurückkehrten, daß sie niemandem begegnet seien. Nur habe ihnen eine Anlage, sagten sie, die sie sich nicht zu erklären wußten, den Weg versperrt. Das Regiment rückte gegen das Dorf vor, aber hinter einer Wegkrümmung stieß es auf eine Barrikade, die ihm Einhalt gebot. Die Erzgräber hatten in Erwartung des Feindes die Zeit nicht vertrödelt.

Am Dorfrand erhob sich ein Wall aus Baumstämmen, eisernen Pflügen, umgekippten scharfzähnigen Eggen, massiven Wandschränken und Gartenbänken.

Zu beiden Seiten des Walls klafften tiefe Gräben, aus deren Boden spitze Pfähle ragten.

Während Chart überlegte, was er unternehmen solle, erschien auf der Barrikade ein hagerer Mann mit wallendem weißem Bart. Es war Ruschero.

„Menschen aus fernem Lande, was sucht ihr hier?" fragte er laut.

Da trat Oberst Chart vor und rief

„Im Namen seiner Majestät Königs Urfin I. fordere ich euch auf, die Waffen zu strecken und euch zu ergeben!"

„Welchen Nutzen werden wir davon haben?' fragte Ruschero. „Na, welchen..." In diplomatischen Verhandlungen unerfahren, stockte Chart. „Ihr werdet dem Großen Urfin Steuern entrichten und dafür wird er euer Land vor Feinden schützen..."'

Ruschero lachte schallend:

„Wir leben seit acht Jahren hier, und es ist das erstemal, daß wir Feinde sehen. Diese Feinde seid ihr! Ihr werdet uns doch nicht vor euch selbst schützen wollen, wie?"

Der Oberst sah, daß er im Wortgefecht den kürzeren zog, und wurde wütend. „Halt den Mund!" brüllte er, und, zu den Soldaten gewandt, „schlagt ihn tot, Leute!"

Aber ehe die Soldaten die Waffen erheben konnten, verschwand Ruschero hinter der Barrikade, aus der plötzlich kalte Wasserstrahlen hervorschossen, die die verdutzten Marranen umwarfen und sie bis auf die Haut durchnäßten.

Das war die erste Überraschung der Erzgräber, die aus ihren Gärten Pumpen herbeigeschafft und Fässer mit Wasser bereitgestellt hatten, das jetzt den kriegerischen Eifer der Marranen abkühlte.

Die Soldaten glitten in den Pfützen aus, stolperten übereinander, fielen, erhoben sich wieder und wichen entsetzt zurück. Chart und seine Zugführer hatten Mühe, die Reihen ihrer Männer leidlich wieder in Ordnung zu bringen. Wütend schüttelte der Oberst die Fäuste.

„Das sollt ihr mir büßen!" drohte er den unsichtbaren Verteidigern.

Die heiße Sonne des Zauberlandes trocknete rasch die Kleider der Marranen, und die Truppe ging erneut zum Angriff über.

Der Wasservorrat der Erzgräber war verbraucht, und die dünnen Strahlen, die stellenweise noch hervorsickerten, konnten den Angreifern nichts anhaben. An Baumzweigen, Pfluggriffen und anderen Vorsprüngen kletterten die Marranen die Barrikade hinauf. Doch als sie sie fast erklettert hatten, setzte die zweite Überraschung Ruscheros ein.

Aus dem nahen Dickicht schoß mit gefletschten Zähnen ein riesiger Drache hervor, der sich auf den Feind stürzte. Der uralte Stamm der fliegenden Drachen war zu jener Zeit fast ausgestorben. Nur im feuchten Halbdunkel des unterirdischen Landes hatten sich einige Exemplare erhalten, die von den Erzgräbern noch unter der Regierung der Könige gezähmt und von den königlichen Wachen beim Patrouillendienst benutzt worden waren. Der zahmste und aufgeweckteste unter den Drachen war Oicho, der Elli nach ihrem dritten Besuch im Zauberland heimgeflogen hatte. Diesen Oicho hatten die Erzgräber nun aus der Höhle geholt und in den Kampf geschickt. Auf seinem Rücken saß Mentacho. Mentacho war jetzt zwar Weber, aber als Sproß eines Königsgeschlechts hatte er seinerzeit eine gute militärische Ausbildung erhalten. Als die Erzgräber in höchster Gefahr schwebten, traten seine alten militärischen Erfahrungen wieder zutage.