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„Sie wollen mir den Garaus machen", sagte der verwundete Adler. „Bitte, grabe ein Loch neben mir aus und tu so, als wolltest du mich begraben. Meine Feinde werden diesen Ort nicht eher verlassen, als bis sie sich überzeugt haben, daß ich verscharrt bin. In der Dunkelheit werde ich mich in die Büsche schleppen und mich dort verbergen, während du die Erde in die leere Grube schaufelst." Nachts wurde die List ausgeführt. Am Morgen kreisten die Riesenadler eine Zeitlang über dem leeren Grab, und als sich nichts darin regte, flogen sie in nördlicher Richtung fort.

DIE GESCHICHTE KARFAX'

Die Wunder des Zauberlandes sind so zahlreich, daß ein ganzes Menschenleben nicht ausreichen würde, sie alle zu erzählen.

In einem abgelegenen Tal der Weltumspannenden Berge, in ihrem Norden, lebte ein Stamm gigantischer Adler, zu dem Karfax, Urfins unerwarteter Gast, gehörte. Als er sich von seinen Wunden erholt hatte, erzählte Karfax

„Unser Stamm lebt in den Weltumspannenden Bergen seit unvordenklichen Zeiten. Wir sind nicht sehr zahlreich, denn wir ernähren uns nur von Wildziegen und Steinböcken, die die Hänge und Schluchten bevölkern. Die Ziegen könnten sich vermehren und ein sorgenfreies Leben führen, würden wir Adler sie nicht daran hindern. Mit unserem scharfen Blick, unserer Kraft und Geschwindigkeit könnten wir alle Ziegen und Steinböcke ausrotten. Doch wir tun es nicht, da wir wissen, daß wir dann Hungers sterben müßten. Ein altes Gesetz befiehlt, daß die Zahl unsrer Stammesgenossen 100 nicht überschreite." „Wie gelingt euch das?" fragte Urfin neugierig.

„Unser Gesetz ist in dieser Hinsicht sehr streng", erwiderte Karfax. „Eine Adlerfamilie darf nur dann ein Junges ausbrüten, wenn einer der alten Stammesangehörigen eines natürlichen Todes stirbt oder bei einem Unfall umkommt, zum Beispiel, wenn er durch Unvorsichtigkeit auf der Jagd an einem Felsen zerschellt." „Wer hat dann das Recht, den Ersatz für den Toten zu stellen?" „Dieses Recht haben in strenger Reihenfolge alle Familien, die das Adlertal bevölkern, Der Brauch, der viele Jahrhunderte lang genau befolgt wurde, ist aber unlängst verletzt worden, und das brachte viel Unheil über uns. Wir leben sehr lange, 150 bis 200 Jahre, und deshalb kommt in unserem Tal längst nicht jedes Jahr ein Junges zur Welt. Würdest du sehen, wie unsere Adlerfrauen das Junge hegen und pflegen, wie sie sich streiten, wer es füttern oder unter seinen Fittichen wärmen soll! Oft drängen sie sogar die eigene Mutter von dem Jungen ab. „Ja", seufzte Karfax, „die mütterlichen Gefühle unserer Frauen sind sehr stark, und das Glück, ein Junges ausbrüten zu dürfen, wird ihnen nur zwei - bis dreimal im Laufe ihres langen Lebens zuteil!"

,Bei uns Menschen ist das viel einfacher', dachte Urfin. ,Ein jeder darf so viel Kinder haben, wie er will, allerdings ist das keine geringe Bürde.' Karfax fuhr fort:

„Ich bin 80 Jahre alt, Bei uns Riesenadlern ist man in diesem Alter im Vollbesitz seiner Kräfte und Gesundheit. In diesem Jahr kamen meine Frau Araminta und ich zum erstenmal an die Reihe, ein Junges auszubrüten. Hoffnungsvoll warteten wir auf den Tag, da es meiner Frau vergönnt sein würde, ein Ei zu legen! Wir hatten in einer

Felsvertiefung ein warmes Nestchen aus dünnen Zweigen und Laub gebaut... Da brach der niederträchtige. Arraches, unser Stammesältester, das alte Gesetz und erklärte, daß jetzt seine Familie ein Junges ausbrüten werde! Er brauchte einen Erbfolger, denn, sein einziger Sohn war kurz vorher auf der Jagd umgekommen.,." Karfax bebte vor Zorn, als er das ehrlose Vorgehen des Stammesältesten schilderte. Urfin aber dachte spöttisch, daß er sich über eine solche Kleinigkeit gewiß nicht aufgeregt hätte. „Sag, durfte Arraches nach einem solchen Verstoß gegen den Brauch unserer Väter noch Stammesältester bleiben? Ich zumindest hielt es für eine Schande, ihm weiter zu gehorchen. Es fanden sich Artgenossen, die genauso dachten wie ich, und wir bereiteten einen Aufstand vor, um Arraches zu stürzen. Zum Unglück hatte sich ein Verräter in unsere Reihen eingeschlichen, der Arraches alles hinterbrachte und ihm die Namen der Verschwörer nannte. Eines Tages fielen Arraches und seine Anhänger über uns her. Ein jeder meiner Kameraden sah sich zwei bis drei Gegnern gegenüber. Araminta kam gleich in den ersten Minuten des Kampfes um. Auf mich stürzten sich Arraches und der Adler, der uns verraten hatte. Ich wollte mich durch Flucht retten, überquerte die Weltumspannenden Berge und flog tief in das Zauberland hinein. Die Feinde folgten mir.,, Das weitere ist dir bekannt", schloß Karfax müde seinen Bericht. Es trat ein langes Schweigen ein. Dann fuhr der Adler fort:

„Mein Leben liegt jetzt in deiner Hand, In die Berge kann ich nicht zurück. Selbst wenn ich mich in ihren entlegensten Winkel niederlasse, werden Arraches und seine Spione mich ausfindig machen und töten. In euren Wäldern kann ich nicht jagen. Du fütterst mich mit kleinen Tieren, die du Hasen und Kaninchen nennst. Sie sind schmackhaft, Aber kann ich sie im dichten Wald erspähen, geschweige denn mit den Krallen packen?"

Nach kurzem Nachdenken sagte Urfin:

„Meister Petz jagt Wild für dich, und er wird es solange tun, bis du wieder gesund bist. Das weitere wird sich finden, vielleicht fällt mir noch etwas ein," In Urfins finsterer Seele keimte ein Plan. ,Wie', dachte er, soll ich den Riesenvogel meinen Zielen dienstbar machen?' Bot sich ihm da vielleicht das langersehnte Mittel, aus seinem ruhmlosen Dasein wieder hervorzutreten und „das Schicksal an den Hörnern zu packen", wie er sich auszudrücken pflegte?

,Allerdings muß ich sehr vorsichtig sein', dachte Urfin. ,Dieser Vogel mit seiner seltsamen Auffassung von Gerechtigkeit wird mir gewiß nicht helfen wollen, wenn meine Handlungen ihm unehrlich vorkommen... Nun, ich will nichts überstürzen, ich habe noch Zeit genug, mir alles gründlich zu überlegen.'

DIE PLÄNE DES SCHLAUEN URFIN

Durch unauffällige Fragen überzeugte sich Urfin daß man im Adlertal von den Angelegenheiten der Menschen nichts wisse. Karfax hatte weder von dem schnellen Aufstieg Urfins noch von seinem schmählichen Sturz etwas gehört. Dem Bären verbot der Ausgestoßene, die Vergangenheit auch nur mit einem Wort zu erwähnen, und dem Clown befahl er, darauf zu. achten, daß der Vogel und der Bär, der gerne schwatzte, niemals allein blieben. Er selbst begann kühner vorzugehen. Während der langen Gespräche, die er mit dem genesenden Adler führte, sagte er einmal wie nebenbei, daß er von dem Wunsch beseelt sei, unter den Menschen Gutes zu stiften. „Warum lebst du dann im Wald, weit von der Schar deiner Stammesgenossen?" fragte Karfax verwundert. „Siehst du, ich möchte nicht nur einem Dorf helfen", erwiderte Urfin schlau. „Gelänge es mir, mich an die Spitze eines ganzen Volkes zu stellen, dann könnte ich alle meine Fähigkeiten entfalten und zeigen, was in mir steckt." „Wer hindert dich denn daran, Stammesältester zu werden?" fragte der vertrauensselige Adler. „Meine Mitbürger verstehen mich nicht", erwiderte Urfin listig. „Sie denken, ich begehre die Macht aus Ehrgeiz, und begreifen nicht, daß ich mir ein viel höheres und edleres Ziel gesteckt habe."

Schließlich glaubte der Adler, daß Urfin wirklich ein edler Mensch sei, und erklärte sich bereit, ihm zu helfen, eine hohe Stellung unter den Menschen einzunehmen, damit er recht viel Gutes tun könne.

,So, das wäre nun geschafft', dachte Urfin. Jetzt muß ich mir nur noch einfallen lassen, wie ich mit Hilfe des Riesenvogels die Macht zurückerobere.'

,Ein Krieg kommt nicht in Frage... Würde ich Karfax um meiner Erhöhung willen bitten, auch nur einen Menschen zu töten, dann wäre ihm meine Absicht sofort klar.