Das Ungeheuer hätte die Marranen haufenweise vernichten können, doch einen solchen Befehl hatte man ihm nicht gegeben. Der kluge Ruschero wußte, daß allein der ehrgeizige Urfin die Schuld an allem Unheil im Zauberland trug und die Springer lediglich seine betrogenen Opfer waren. Deshalb hatte der Herrscher der Erzgräber dem Drachen und seinem Reiter Befehl erteilt, unter den Scharen der Feinde Panik zu entfachen und sie in die Flucht zu schlagen.
Mentacho führte seinen Auftrag glänzend aus. Er begriff, daß die Angreifer vor allem ihrer Führung beraubt werden mußten. Mit seinem geübten Auge erspähte er im feindlichen Heerhaufen den Obersten, der seine Kolonnen wieder zu ordnen suchte. Auf Mentachos Befehl packte der Drache mit seinen mächtigen Tatzen den Obersten und setzte ihn auf dem Wipfel einer hohen Palme ab. Dasselbe tat er mit den Hauptleuten
und Zugführern. Da die Stämme der Palmen astlos waren, konnten die Unglücklichen nicht hinabklettern. Erst als die Soldaten sich verlaufen hatten, holten die Erzgräber den Obersten und seine Offiziere von den Bäumen herunter.
Oicho fegte über die Straße, auf der die Marranen entsetzt flohen. Wie ein Pfeil schoß er im Sturzflug auf den einen oder anderen Soldaten zu und tat so, als wolle er ihn zerreißen.
Dann traten aus den Büschen brüllende Sechsfüßer hervor, auf deren Rücken Männer saßen. Das war- die dritte und letzte Überraschung Ruscheros.
Die feindliche Truppe hatte eine vernichtende Niederlage erlitten. Hunderte Marranen warfen ihre Waffen fort und verkrochen sich in den Wäldern.
Noch lange Zeit später trieben sich halbnackte Gestalten auf den Straßen des Blauen Landes.herum. Manche klopfen an die Türen der Farmerhäuser und baten mit zitternder Stimme, man möge ihnen etwas zu essen und ein Obdach für die Nacht geben.
Nach der Schlacht schickte Ruschero einen Boten mit der Siegesnachricht zu Prem Kokus. Die Käuer, die ihre Häuser verlassen und im wilden Wald Zuflucht gefunden hatten, kehrten freudig wieder heim.
Versprengte Marranen schleppten sich auf dem GBP-Weg nach Osten in Richtung der Smaragdeninsel. Sie beeilten sich nicht, denn als geschlagene Krieger fürchteten sie, dem grimmigen Urfin unter die Augen zu treten.
Als Urfin die Smaragdenstadt zum erstenmal erobert hatte, fanden sich unter ihren Einwohnern Überläufer, die ihm zu dienen bereit waren. Der erste unter ihnen war Ruf Bilan, den Urfin in den Rang des obersten Zeremonienmeisters erhob. Nach Urfins Sturz floh Ruf Bilan in das unterirdische Land, wo er neue Verbrechen beging, für die er zu 10 Jahren Schlaf verurteilt wurde. Die Strafe wurde mit Hilfe des Zauberwassers vollstreckt.
In der Stadt verblieben jedoch Kabr Gwin, der ehemalige Statthalter des Blauen Landes, Enkin Fled, der in Urfins Namen die Zwinkerer regierte, und andere Verräter. Man hatte ihnen das Leben geschenkt und das Eigentum zurückgegeben, ja, der sanftmütige Scheuch duldete sie sogar bei Hofe, was gewiß ein großer Fehler war. Kaum hatte sich Urfin wieder der Smaragdenstadt bemächtigt, da traten die ehemaligen Minister und Räte vor ihn und sagten, sie seien über seine Rückkehr sehr erfreut. Urfin nahm sie alle wieder in seine Dienste und verlieh ihnen hohe Ämter. Der reiche Kaufmann Kabr Gwin wurde zum obersten Zeremonienmeister und Enkin Fled zum Chef der Polizei ernannt.
Als Urfin die Sachen des Scheuchs in Augenschein nahm, fiel ihm der schöne rosa Kasten mit der Mattscheibe auf. Er versuchte ihn zu öffnen, was ihm jedoch mißlang.
Während er sich damit abmühte, trat Kabr Gwin ins Zimmer.
„Dieser Kasten öffnet sich nicht, Majestät", sagte Gwin ehrerbietig. „Niemand weiß, was drinnen liegt, aber es ist ein magisches Ding."'
„Magisch, sagst du?"
Urfins Augen glänzten. „Ist das vielleicht ein neues Wunder, von dem ich nichts wußte, ein Zaubermittel, das mir nützen könnte?" fragte er.
„Ich habe mehrmals beobachtet", sagte Gwin, wie unser früherer Herrscher allerlei Worte murmelte, worauf sich verschiedene bewegliche Gestalten auf der Scheibe zeigten. Bald war es der Eiserne Holzfäller, bald der Tapfere Löwe, manchmal wart auch Ihr darauf..."' ,Ein Zauberspiegel!' ging es Urfin durch den Sinn. Jetzt verstehe ich, woher der
Scheuch wissen konnte, wo ich mich nach meiner Vertreibung aufhielt. Der Spiegel hat es ihm gesagt. Ich muß unbedingt hinter sein Geheimnis kommen!'
„Was für Worte hat der Scheuch gesprochen?" fragte Juice.
„Niemand hat sie gehört. Er flüsterte nur." „Holt den Scheuch!"
Eine Stunde später stand der ehemalige Herrscher der Insel wieder vor Urfin. Der Scheuch sah jämmerlich aus: seine Gesichtszüge waren verwaschen, und die Beine knickten unter dem aufgedunsenen Körper ein. Allein sein Wille war ungebrochen.
„Was wollt Ihr von mir?" fragte er heiser.
„Ich will, daß Ihr mir das Geheimnis des rosa Kastens verratet. Sagt die magischen Worte - und ich lasse Euch frei. Mehr noch: Ich werde auch Euren Freund, den Holzfäller, freilassen. Ich weiß, wie er unter der Gefangenschaft leidet." ,Ich werde ihm die Freiheit geben, aber er soll unter strenger Aufsicht bleiben', dachte Urfin bei sich.
„Und wenn ich mich weigere?"
„Dann lasse ich Euch verbrennen und die Asche in den Wind streuen!"
„Tut es doch, verbrennt mich! Vielleicht wird der Wind, der meine Asche zerweht,
Euch die magischen Worte verraten!"
Weder gütiges Zureden noch Drohungen konnten den Scheuch dazu bringen, das Geheimnis zu verraten.
In den Keller zurückgebracht, teilte er dem Holzfäller die magischen Worte mit, damit das Geheimnis des Zauberkastens nicht verlorengehe, falls der erboste Urfin ihn, den Scheuch, verbrennen sollte.
Urfin wollte aber das Geheimnis des Kastens um jeden Preis erfahren. Das war für ihn sehr wichtig, da der Strahlenglanz des Feuergottes, mit dem er sich umgeben hatte, in den Augen der Marranen allmählich verblaßte. Zwar konnte der große Urfin nach wie vor durch eine Handbewegung Feuer erzeugen, doch mittlerweile hatten die Marranen gesehen, daß auch die Einwohner des Violetten Landes und der Smaragdenstadt dieses Zaubers mächtig waren. Sie brauchten nur ein Holzstäbchen an die geschwärzte Seite eines kleinen Schächtelchens zu reiben, damit das Ende des Stäbchens zu brennen begann. Die Käuer nannten diese geheimnisvollen Stäbchen Streichhölzer. Sind denn die Untertanen des Holzfällers und des Scheuchs auch Feuergötter?' frugen sich die Marranen, unter denen es bereits einige beherzte Männer gab, die mit Streichhölzern gleichfalls Feuer zu erzeugen wußten.
Zwar ahnten die Marranen noch nicht, daß man sie betrogen hatte, aber dieser Gedanke keimte in ihnen bereits. Das konnte Urfin fast jeden Abend von seinem Hauptspion, dem Clown Eot Ling, hören. Es bestand aller Grund, eine Erhebung dieses mutigen Volkes zu befürchten.
Aller dieser Sorgen wäre Urfin enthoben, wüßte er das Geheimnis des rosa Kastens. Dann könnte er jedem seiner Untertanen sagen, was dieser, ganz gleich, zu welcher Stunde oder an welchem Ort, getan habe. Durch diese Allwissenheit würde er die Marranen in ihrem Glauben an seine Gottheit bestärken. Urfin verfiel auf den törichten Gedanken, er könnte das Geheimnis des Kastens ergründen, wenn er viele Worte in verschiedener Reihenfolge spreche. So setzte er sich denn vor den Fernseher und murmelte: