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„Hüte-Zelte, Morgenröte-Dämmerung, Pufiki-Mufiki, Zug-Ruck... Kasten, Liebchen, zeig mir ein Bildchen!... Kalamas-palamas, trala-la-lalala... Klötzchen-Klotz, rosarotes Holz, Kasten, Freundchen, zeige mir die Leutchen!..." Der Kasten blieb jedoch stumm und finster.

Urfin wollte nicht begreifen, daß er, selbst wenn er Millionen Jahre diese sinnlosen Worte murmelte, seinem Ziel genau so fern bleiben würde wie ein Wanderer, der es sich in den Kopf gesetzt hätte, auf Schusters Rappen ans Ende der Welt zu gelangen. Als alle Beschwörungen nichts fruchteten, warf Urfin den Kasten zu Boden und begann ihn mit den Füßen zu treten. Der Kasten blieb jedoch unversehrt. In blinder Wut nahm Urfin einen Hammer und schlug ihn mit aller Wucht gegen die Scheibe. Der Hammer aber prallte zurück und traf Urfin in die Stirn. „Man hole den Scheuch!" brüllte er.

Wieder versuchte Urfin, den ehemaligen Herrscher der Smaragdeninsel zu überreden. Er schmeichelte und drohte ihm-doch alles vergeblich.

Tapfer wahrte der Scheuch sein Geheimnis. Selbst das Angebot Urfins, sich mit ihm in der Herrschaft zu teilen, wies er zurück.

Wie einfach und leicht wäre es für Urfin, den Strohmann zu vernichten, aber auf diese Weise würde er das Geheimnis des Kastens niemals erfahren, und so mußte er denn den Scheuch verschonen.

Wieder und wieder stellte er sich vor die Mattscheibe, starrte sie aus seinen entzündeten Augen an und murmelte sinnlose Worte...

DIE BEGEGNUNG MIT KAGGI-KARR

Ann und Tim erreichten unversehrt die Smaragdeninsel. Durch den Zauberreif unsichtbar gemacht, gingen sie Hand in Hand und trugen abwechselnd das Hündchen. Unsichtbar für die Umgebung beobachteten sie aufmerksam alles, was ringsum geschah. Eine verlassene Farm, unweit des Kanals, bot ihnen Unterschlupf. Über die Verwandlung der Smaragdenstadt in eine Insel wunderten sich die Kinder nicht, denn sie waren von den Käuern darüber unterrichtet worden. Im Häuschen nahm Ann den Reif ab - sie konnte ihn ja jederzeit wieder aufsetzen, wenn sich ein Fremder in der Nähe zeigen sollte.

Die Kinder aßen das trockene Brot, das sie noch von den Erzgräbern hatten, und warfen die Krümmel zum Fenster hinaus - für die Vögel. Plötzlich hörten sie Flügel rauschen, und auf dem Fensterbrett zeigte sich eine große Krähe, die sie aus schwarzen Äuglein verschmitzt anblickte.

„Endlich seid ihr da!" rief sie. „Ich erwarte euch schon sehnsüchtig!"' „Ihr seid wohl Kaggi-Karr?" fragte das Mädchen.

Ann wagte es nicht, die Krähe zu duzen, denn diese trug doch den Titel eines Herrschers der Smaragdeninsel, wenn auch nur zeitweilig. Die Krähe nickte.

„Woher wußet Ihr, daß wir im Zauberland sind?" Kaggi-Karr lachte. „Meine liebe Ann! Du hast gar keine Ahnung, was für Kundschafter die Vögel sind! Als ihr am Lagerfeuer saßest und über eure Angelegenheiten spracht, trieb sich in der Nähe ein unscheinbarer Spatz herum. Ihr konntet natürlich nicht ahnen, daß dieser Spatz sich jedes eurer Worte einprägte. Dann flog das Vögelchen zum nächsten Posten und erzählte Wort für Wort, was es gehört hatte. So wurde die Nachricht auf schnellen Flügeln weitergetragen, und ehe der Tag um war, wußte ich als Leiterin der Vogelstaffel - heute bin ich stellvertretend auch zeitweilige Herrscherin der Smaragdeninsel-über alles Bescheid."' Ann und Tim waren starr vor Staunen.

„Hat dir deine Schwester denn nicht erzählt", führ die Krähe fort, „welche Dienste die Vogelstaffel ihr und dem

Riesen von der anderen Seite der Berge im Krieg mit Urfin Juice und seinen Holzköpfen erwiesen hat?"

„Ich kann mich nicht mehr erinnern", murmelte das Mädchen.

„Da habt ihr die menschliche Dankbarkeit!" sagte KaggiKarr vorwurfsvoll.

„Aber lassen wir das. Ich bin sehr froh, daß du, Ann, dein Freund Tim und das

Hündchen Arto endlich da seid. Nur eins kann ich nicht verstehen: Wie habt ihr in

Kansas erfahren, daß wir wieder in Not sind und Hilfe brauchen?"

Bei diesen Worten sprang Kaggi-Karr dem Mädchen auf den Schoß und schmiegte sich

an, als erwarte sie, liebkost zu werden. Ergriffen von dieser Zärtlichkeit, streichelte Ann

das glatte Gefieder des Vogels.

„Das kam zufällig", sagte sie. „Wir hatten keine Ahnung, daß der böse Urfin die Macht wieder an sich gerissen und den Scheuch und den Eisernen Holzfäller erneut gefangenhielt."

Ann erzählte ausführlich von ihrem Wunschtraum, das Zauberland zu besuchen, von den mechanischen Maultieren, die Fred Cunning angefertigt hatte, und davon, wie sie und Tim die schwarzen Steine Gingemas überlistet hatten... Zuletzt führte Ann der Krähe noch den Zauber des Silberreifs vor.

„Bei allen Segeln der Welt, hätte dein Onkel, der Riese von der anderen Seite der Berge, gesagt", rief die Krähe aus, als das niedliche Gesichtchen Anns wieder auftauchte. „Das ist die wunderbarste Geschichte, die ich jemals gehört habe! Vom Silberreif hatten die Vögel mir erzählt, aber eins ist es, zu hören, etwas ganz anderes aber, selbst zu sehen. Mit dem Reif werden wir den tückischen Landräuber bestimmt besiegen und unsere Freunde befreien! In der Nähe des Stadttores steht ein alter Turm, in dessen Keller der Eiserne Holzfäller und der Scheuch eingesperrt sind. Noch weiß ich nicht, wo sich Faramant und Din Gior befinden, aber mit Hilfe des Zauberkastens werden wir auch das herausbekommen."

In wenigen Worten unterrichtete Kaggi-Karr ihre neuen Freunde über den rosa Kasten und seine Eigenschaften. Man beschloß, daß die Krähe auskundschaften solle, wo sich der Fernseher befinde. Zu bedenken war freilich, daß Urfin die Krähe kannte und bei ihrem Anblick Verdacht schöpfen würde.

„Ihr könnt ja unsichtbar hinfliegen", sagte. Ann. Kaggi-Karr plusterte sich auf vor Stolz. Das Mädchen legte ihr den Silberreif auf, der sich sogleich zusammenzog und genau auf den Hals der Krähe paßte. Dann berührte Ann den Rubinstern, worauf der Vogel verschwand. Nur am Flügelschlag war zu erkennen, daß er fortflog. Eine geschlagene Stunde blieb Kaggi-Karr weg, und diese Stunde kam Ann und Tim schrecklich lange vor. Dann kündigte der bekannte Flügelschlag die Rückkehr der Kundschaferin an. Den Reif absetzend, erstattete Kaggi-Karr Bericht. Der Kasten, sagte sie, stehe in einer Wandnische des Thronsaales. Hätten ihre Kräfte ausgereicht, sie hätte ihn mitnehmen und herbringen können, denn der Thronsaal war völlig leer.

An diesem Tag war an einen erneuten Flug in den Palast nicht mehr zu denken, denn die Sonne ging bereits unter. Tim sagte, er wolle am nächsten Morgen selbst hingehen, nur müsse ihm Kaggi-Karr den Weg zeigen.

DIE KÖNIGIN DER FELDMÄUSE

Den Talisman auf dem Kopf und die Krähe auf der Schulter, machte sich Tim am nächsten Morgen auf den Weg. Ann blieb unter dem Schutz Artos zurück. Falls ihnen Gefahr drohen sollte, sagte Tim, sollten sie sich sofort im Keller verstecken. Früher war jeder, der in die Smaragdenstadt kam, verblüfft gewesen von ihrer Pracht: den schönen Häuserfassaden, den Springbrunnen, den wehenden Fahnen, den funkelnden Smaragden und dem wogenden Strom der Menschen in den bunten, schönen Kleidern...

Die Herrschaft Urfins hatte all dem ein Ende gemacht. Die Fahnen waren eingezogen, die Springbrunnen versiegt, die Smaragden waren aus den Fassaden herausgebrochen und in der königlichen Abstellkammer versteckt, die Einwohner aus der Stadt vertrieben worden. In den Straßen konnte man lediglich Marranen mit ihren großen Köpfen sehen. Tim paßte auf, daß es zu keiner unerwünschten Begegnung kam. Er hatte mit der Krähe ausgemacht, daß sie mit dem Schnabel sein rechtes oder linkes Ohr berühre, wenn er nach rechts oder links einschwenken solle. Das war ein guter Einfall, den die krächzende Stimme der Krähe, die beim besten Willen nicht leise sprechen konnte, wäre der Umgebung bestimmt aufgefallen.