„Es freut mich, Euch und Euren Freund in der Höhle willkommen zu heißen. Sie ist heute zwar nicht mehr so belebt, wie zu der Zeit, als Eure Schwester bei uns weilte. Das kommt daher, daß wir jetzt in der oberen Welt leben und jedes Jahr nur für einen Monat abwechselnd herkommen, um in der Fabrik oder in der Grube zu arbeiten."'
„Ich weiß es, das hat mir Euer Herrscher Ruschero erzählt."'
„Ich sehe, Ihr seid in Verlegenheit", fuhr Elgaro fort. „Ist den Tieren etwas zugestoßen? Kann ich Euch vielleicht helfen?"
Ann begann zu erzählen. Über die Niederlage der Marranen war Elgaro bereits unterrichtet, nur wußte er nicht, daß der Scheuch und der Eiserne Holzfäller gefangen waren.
„Das tut mir schrecklich leid", sagte der Erzgräber. „Ich habe den Scheuch und den Eisernen Holzfäller gesehen, als sie vor acht Jahren hier waren, und sie in bester Erinnerung behalten. Sie traten sehr würdevoll auf, als wären sie die geborenen Herrscher ihrer Völker."'
„Ihr könnt sie aus der Not befreien helfen", sagte Ann, „wenn Ihr uns ein Paar Flaschen Schlafwasser gibt." „Das Schlafwasser wird nur mit schriftlicher Erlaubnis unseres Herrschers Ruschero ausgegeben", sagte Elgaro. „Aber angesichts der besonderen Umstände will ich eine Ausnahme machen. Ich möchte Euch auch sagen, meine lieben Ann und Tim, daß das Wasser seine Eigenschaften nicht lange bewahrt. Ihr müßt die Flaschen gut verkorken und das Wasser so schnell wie möglich seinem Zweck zuführen."'
„Wir werden uns die größte Mühe geben", versicherte Tim.
Auf Elgaros Befehl trug der Drache die Maultiere, eines nach dem anderen, behutsam zum Ausgang der Höhle. Dorthin brachte er auch Tim, damit dieser die Tiere in die Sonne stelle, wo sie sich wieder aufladen konnten. Als der Drache zurückkehrte, band Elgaro ihm eine Sänfe auf den Rücken (es war dieselbe, in der einst Elli und Fred gereist waren) und kommandierte: „Zur Schlafwasserquelle! "'
Ann stockte das Herz, als sich der Drache mit rauschendem Flügelschlag in die Luft erhob.
Nach kurzer Zeit kehrten die Kinder mit zwei Flaschen Schlafwasser in das Häuschen zurück.
Die Reise hatte alles in allem nur eine Woche gedauert.
Nach Anns und Tims Rückkehr flog die Krähe wieder zu Din Gior und Faramant und sagte ihnen, sie sollten sich in der kommenden Nacht nicht schlafen legen und auch das Wasser nicht anrühren, das die Aufseher mitbringen würden.
Dem Scheuch und dem Holzfäller brauchte Kaggi-Karr das nicht zu sagen, denn die beiden hatten niemals das Bedürfnis, zu schlafen, zu essen oder zu trinken.
In der Nacht löste der Scheuch gewöhnlich arithmetische Aufgaben. Er hatte es darin so weit gebracht, daß er im Kopf eine beliebige dreistellige Zahl mit einer anderen multiplizieren konnte. Allerdings waren jetzt seine geistigen Fähigkeiten geschwächt, da man ihm schon lange das Gehirn nicht gewaschen hatte. Der Holzfäller wiederum dichtete jede Nacht rührende Briefe an Elli. Da er aber nicht schreiben konnte, blieben die Briefe unabgesandt.
Tim begann die Befreiung der Gefangenen vorzubereiten. Vor allem mußte das Wasser, das die Wachen tranken, gegen Schlafwasser vertauscht werden. In einer verlassenen Farm fand Tim einen Krug, der genau so aussah wie der, den die Wachen benutzten. Es gelang dem Jungen, sich unbemerkt in die Wachstube zu schleichen und die Krüge zu vertauschen.
Nach einem kräftigen Abendessen pflegten die Marranen immer viel zu trinken. Das taten auch die Wachsoldaten. Ein jeder nahm ein paar tüchtige Züge aus dem Krug, worauf ihnen die Köpfe schwer wurden und sie in einen todesähnlichen Schlaf fielen. „Vor denen haben wir eine Weile Ruhe!" frohlockte Tim, der die Szene durch das kleine Fenster beobachtet hatte. „Jetzt darf ich mich wieder sichtbar machen." Er schob den Riegel an der Außenseite der Gefängnistür zurück und trat in das Gelaß. „Freunde, ihr seid frei, folgt mir!" rief Tim.
Der Holzfäller lief auf ihn zu und schloß ihn in seine eisernen Arme. Wäre das früher geschehen, als der Herrscher der Zwinkerer noch bei voller Kraft war, hätte der Junge diese Umarmung kaum überstanden. Jetzt kam er lediglich mit ein paar Quetschungen und blauen Flecken davon.
Die Befreiten folgten Tim zu dem Häuschen, das glücklicherweise in der Nähe lag. Der Eiserne Holzfäller trug den Scheuch auf der linken Schulter: In der rechten Hand hielt er eine schwere Keule, die er einem schlafenden Aufseher abgenommen hatte. Din Gior machte weit ausholend Schritte und streichelte seinen 'prächtigen Bart, Faramant trippelte keuchend hinter ihm her.
Die Aufseher erwachten schon am frühen Morgen, weil das Zauberwasser, das sie getrunken hatten, bereits drei Tage alt war, weshalb es nicht so lange wirken konnte wie frisches.
Zu ihrem Entsetzen gewahrten die Marranen, daß die Gefangenen geflohen waren. Aus Angst vor der Strafe, die Urfin ihnen für den Fall eines Ausbruchs der Gefangenen angedroht hatte, flohen die Wachsoldaten in ihre Heimat.
Das Merkwürdigste an dieser Geschichte aber war, daß diese Marranen nach ihrer Heimkehr kein Verlangen nach dem Nuch-Nuch-Getränk verspürten, das sie früher nicht entbehren konnten. Das Schlafwasser hatte sie von der Trunksucht geheilt. Sie hatten jetzt weder Schwindelanfälle noch sahen sie Gespenster, waren wieder guter Stimmung und schliefen nachts wie alle anderen Menschen. Die Heilkraft des Schlafwassers sprach sich bald im ganzen Zauberland herum, und leidenschaftliche Nuch-NuchTrinker zogen jetzt in Scharen zur Höhle, um sich von der verderblichen Angewohnheit zu heilen.
Die Maultiere erwarteten, energiegeladen, Tim und die befreiten Gefangenen vor dem Häuschen, in dem Ann, Arto und Kaggi-Karr sich verbargen. Man beschloß, sofort weiterzuziehen. Tim nahm den Scheuch, Ann Faramant in den Sattel. Der langbeinige Din Gior, der ein guter Geher war, blieb hinter den anderen nicht zurück, ebensowenig wie der Eiserne Holzfäller, der, nebenbei gesagt, so schwer war, daß ihn weder ein lebendes noch ein mechanisches Maultier hätte tragen können. Der silberne Reif ruhte wieder auf Anns Köpfchen. Sie konnte ihn jetzt allerdings nicht benutzen, um sich und ihre Gefährten unsichtbar zu machen, denn die Schar war mittlerweile recht groß geworden. Unsere Freunde verließen sich also auf ihren glücklichen Stern und zogen beherzt nach Südost, wo das Land der Zwinkerer lag, in dem sie der Tapfere Löwe und Lestar erwarteten. Dort würden sie es mit Urfin aufnehmen können, falls er sich erdreisten sollte, ihnen ins Gehege zu kommen. Am Morgen hatten die Reisenden bereits ein gutes Stück Weges hinter sich gebracht, und da sie müde waren, beschlossen sie, im Walde Rast zu machen. Erst jetzt hatten der Scheuch und der Eiserne Holzfäller die Möglichkeit, sich ihre Befreierin genauer anzusehen. Dem eisernen Holzfäller begann das Herz in der Brust laut zu pochen, und der Scheuch fühlte, wie seine Kräfe wuchsen. Allerdings konnte das auch davon kommen, daß der Strohmann auf dem warmen Rücken Hannibals gesessen hatte und wieder fast trocken war.
Die beiden Freunde konnten sich an Ann gar nicht satt sehen. Sie versicherten ihr ein über das andere Mal, daß sie Elli wie aus dem Gesicht geschnitten sei. „Ihr erinnert uns lebhaft an die alte glückliche Zeit", sagten sie. Als Ann ihnen einen herzlichen Gruß von ihrer Schwester bestellte und beteuerte, daß Elli sie niemals vergessen habe, war der Holzfäller so gerührt, daß die Tränen in Strömen aus seinen Augen zu fließen begannen. Natürlich rosteten seine Kiefern sofort ein. Zum Glück hatte Tim in seinem Rucksack eine Flasche mit Öl, das er dem eisernen Mann in die Kiefern träufelte. Faramant und Din Gior überschütteten ihre Retterin mit Dank. Wegen der schlechten Gefängniskost waren die beiden sehr abgezehrt, doch sie hielten sich wacker, scherzten und waren guter Laune. Die ganze Gesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, als Faramant dem Hündchen eine grüne Brille aufsetzte, die er hinten einschnappen ließ. Arto blickte verwundert um sich. Er konnte nicht begreifen, warum plötzlich alles grün war. Dann begann er zu knurren und nach Faramant zu schnappen. Erst als man ihm die Brille wieder abnahm, beruhigte er sich.