„Was der Große Urfin sagt, ist die reinste Wahrheit!" Etwa zur gleichen Stunde hatte Ann den Zauberfernseher eingeschaltet, um nachzusehen, was Urfin trieb. Das tat sie jeden Tag um die Mittagszeit. Vor dem Bildschirm versammelten sich gewöhnlich Tim, der Scheuch, der Holzfäller und alle anderen Freunde. Was sie jetzt sahen und hörten, ließ sie vor Zorn erbeben.
Die Marranen gebärdeten sich wie die Wilden. Mit einer Handbewegung stellte Urfin die Ruhe wieder her und wandte sich erneut an den Boten:
„Was hast du außerdem noch gehört? Sprich, mein guter Veres, hab keine Angst!" „Ich habe gehört, mein Herr und Gebieter", sagte Veres mit zitternder Stimme, „daß die Zwinkerer das Land der Marranen mit Krieg überziehen wollen, um dort alle Greise, Frauen und Kinder zu töten..."
Veres sprach, wie Urfin ihn gelehrt hatte.
„Wir wollen Rache, Rache!" brüllten die Marranen.
Ihr Gebrüll drang weit über den Platz hinaus und erschütterte die Luft. Die wutverzerrten Gesichter und die geballten Fäuste waren schrecklich anzusehen. Mit einem hinterlistigen Lächeln beobachtete Urfin die Szene.
Voller Zorn blickten der Scheuch und seine Freunde auf den Bildschirm. Ein jeder von ihnen würde, hätte er die Möglichkeit, auf die Tribüne springen, den gemeinen Lügner an der Brust packen und ihn schütteln, bis er die Wahrheit sagte! Die Komödie ging mittlerweile weiter. In einer schwungvollen Ansprache - Urfin konnte sehr beredsam sein - forderte er die Marranen auf, ihre Brüder zu rächen und das Volk der Springer vor dem Untergang zu bewahren. Er rief die Verwandtschaftsgefühle der Marranen an, die, obwohl ein kriegerisches Volk, ihre alten Eltern, ihre Frauen und Kinder sehr liebten.
Die Armee erklärte sich bis auf den letzten Mann bereit, ins Feld zu ziehen. Selbst diejenigen, die erst kürzlich geheiratet hatten, wollten nicht zurückbleiben. Nur mit großer Mühe konnte Urfin eine Kompanie überreden, auf der Insel zu bleiben, um die Macht des Königs hier zu schützen.
„Wir werden uns auf den Überfall des Feindes vorbereiten müssen", bemerkte der Scheuch finster, als der Bildschirm erlosch.
Nach der Gefangenschaft wurde der Scheuch, wie man leicht verstehen wird, erneut zum Herrscher des Smaragdenlandes ausgerufen. Kaggi-Karr trat ihm ihre Vollmachten ab und beglückwünschte ihn zur Wiedereinsetzung in das hohe Amt.
Der Scheuch dankte ihr gerührt für die unschätzbaren Dienste, die sie dem Land in der Zeit seiner Abwesenheit erwiesen hatte.
Seine Stimme bebte, als er die Großtaten der Krähe aufzählte.
„Ich stifte den Orden des Goldenen Zweiges', sagte er, „und als erste soll ihn unsere
liebe und hochverehrte Kaggi-Karr bekommen. Sobald wir Urfin besiegt haben, werden die besten Juweliere des Landes den Orden prägen und ihn mit den schönsten Diamanten besetzen, damit er auf dem Haupt unserer lieben Freundin erstrahle."
Kaggi-Karr war über diese Worte so gerührt, daß zwei Tränen aus ihren schwarzen Äuglein kollerten. „Außerdem", fuhr der Scheuch fort, „verspreche ich im Namen der Bewohner der Smaragdeninsel, daß in Erinnerung an die Verdienste Kaggi-Karrs einer jeden Krähe in unserer Stadt herzlichste Gastfreundschaft zuteil werden soll!"
Dieses Versprechen wird auf der Smaragdeninsel bis auf den heutigen Tag gehalten.
Urfins Armee bewegte sich schnell auf das Violette Land zu. Die Marranen wichen kein einziges Mal vom Wege ab und machten keine Abstecher auf die naheliegenden Farmen, denn sie wollten so schnell wie möglich ihre gefallenen Kameraden rächen und einen Überfall des Feindes auf ihre Heimat vereiteln.
In den Kolonnen wurde weder gesprochen noch gesungen. Die Gesichter der Soldaten waren grimmig. Um die kriegerische Stimmung aufrechtzuerhalten und es zu vermeiden, daß die Marranen die Wahrheit erfuhren, hatte Urfin folgenden Befehl ausgegeben. „Mit dem Feind wird nicht verhandelt! Was euch im Wege steht, wird zerschlagen und zertrümmert! Jeder Feind wird erbarmungslos getötet!"
Eot Ling, der wie eine Ratte unter den von Haß geblendeten Marranen schnüffelte, konnte seinem Herrn jeden Abend hoffnungsvolle Meldungen machen: „Die Soldaten kochen vor Wut. Die werden alles kurz und klein schlagen. Sie drohen, für jeden Gefallenen hundert Feinde umzulegen!"
Urfin rieb sich die Hände. Nach dem Sieg über die Zwinkerer wollte er mit seiner ganzen Streitmacht gen Westen ziehen und sich die Erzgräber und Käuer unterwerfen. Ich werde schon ein Mittel finden, den Drachen und Sechsfüßern beizukommen. Wehe dem, der es wagen sollte, sich mir in den Weg zu stellen!' dachte er. In der Ferne zeigten sich die violetten Türme des Palastes, der vor unvordenklichen Zeiten erbaut worden war und viele Male den Besitzer gewechselt hatte. Als Bastinda sich des Palastes bemächtigte, ließ sie ihn mit einer Mauer umgeben, die ein eisernes Tor hatte, das immer verschlossen war. Den Schlüssel pflegte sie tagsüber in der Tasche zu tragen und nachts unter ihr Kissen zu legen.
Als der Eiserne Holzfäller die Herrschaft im Violetten Lande übernahm, befahl er, vor allem die Mauer zu schleifen und einen Park um den Palast anzupflanzen. Der Mann mit dem liebevollen Herzen brauchte seine Untertanen nicht zu fürchten. Der Außenschmuck des Palastes und der Anstrich wurden unter seiner Herrschaft sorgfältig gepflegt, und als die Marranen dieses schöne und friedliche Bauwerk sahen, mußten sie sich fragen: Wie konnten nur seine Bewohner die schändlichen Missetaten begehen, von denen man uns erzählt hat?
Urfin ließ seinen Soldaten jedoch keine Zeit zum Nachdenken. „Vorwärts, marsch, marsch!" kommandierte er. „Gepäck am Straßenrand ablegen! Ausschwärmen und angreifen!" Einer Lawine gleich, wälzte sich die Armee auf den Palast zu. Doch plötzlich verlangsamte sich ihr Schritt, die Reihen stockten.. Das hatte zwei Ursachen.
Die erste war ein tiefer Graben, dessen Rückseite steinerne Türmchen säumten, aus deren Schießscharten unzählige Pfeile ragten.
Die zweite Ursache war so verwunderlich, daß selbst der mit allen Wassern gewaschene Urfin, der seinerzeit in der Bibliothek der Smaragdenstadt eine Menge kriegsgeschichtlicher Bücher gelesen hatte, seinen Augen nicht traute: Im Lande der Zwinkerer wurde ein Wettspiel ausgetragen.
War das Heer des Holzfällers und des Scheuchs so sehr von der Uneinnehmbarkeit der Befestigungen überzeugt, daß es dem Feind keine Beachtung schenkte, oder brachten es die Spieler nicht über sich, den Wettkampf vorzeitig abzubrechen? Die Springer, die selbst leidenschaftliche Spieler waren, verstanden und schätzten solche Gefühle. In unordentlichen Haufen drängten sie sich vor den Graben und verfolgten, die Knüppel und Lanzen gesenkt, mit ungeheurem Interesse das Spiel, das ihnen völlig unbekannt war.
Der Leser wird sich erinnern, daß Tim O'Kelli, der ein leidenschaftlicher Volleyballspieler war, einen Ball mitgenommen hatte. Wegen der vielen Abenteuer, in die das Schicksal ihn verstrickte, war er aber nicht dazugekommen, den Ball zu benutzen. Erst im Violetten Lande, wo er mit seinen Freunden lange Zeit auf den Überfall der Feinde warten mußte, kam ihm der Ball wieder in den Sinn. Im Kampf, wenn man den Feind vor sich hat und seinen Mann stehen muß, ist es wohl leicht, ein Held zu sein. Viel schwerer ist es, tagaus, tagein dazusitzen und zu warten, wann die Gefahr endlich hereinbricht.
Die Führer der Armee bemerkten, daß die Kampfstimmung der Zwinkerer nachließ, daß die Leute mit jedem Tag träger und träger wurden. Tim dachte nach, wie man sie aufmuntern könnte, und verfiel auf das Volleyballspiel.