«Scheißkerl!«stöhnte Revaila. Er zitterte vor Wut.»Scheißkerl! Scheißkerl!!«
«In zwei Stunden können Sie nachkommen. «Dr. Mohr verabschiedete sich mit einem Nicken, schloß die Tür und verließ das für die Verhältnisse in Penasblancas geradezu prunkvolle Haus.
Als er an der >Kirche< vorbeifuhr, stand Cristobal Montero davor und winkte mit beiden Armen. Dr. Mohr schwenkte ab und bremste.
«Ich wäre bestimmt zurückgekommen«, sagte er.»Cris, ich wäre doch nicht ohne Abschied gegangen. Ich muß erst noch zwei Mulis kaufen.«
«Komm mit und sieh dir das an. «Der Pater ging voraus. In der Kirche, vor dem Altar, standen zwei kräftige, braungraue Mulis und glotzten Dr. Mohr an. Das eine trug einen Sattel, das andere ein weit ausladendes Gestell, auf dem man eine Menge Gepäck verstauen konnte.
«Pater, das in der Kirche?«Dr. Mohr lachte und legte den Arm um Cristobals Schulter.»Kannst du Gedanken lesen?«
«Ich habe mit den Pebas gesprochen. Und was heißt: Das in einer Kirche? Jesus ritt auf einem Maultier in Jerusalem ein.«
«Was kosten sie?«
«Eine Leihgebühr. Du überläßt mir deinen Jeep.«
«Das hätte ich ohnehin getan. Aber ich garantiere dir nicht, daß die Mulis überleben.«
«Dein klappriger Jeep auch nicht.«
«Du willst tatsächlich nachkommen?«
«Die Kirche läßt sich doch nicht von einem Arzt vormachen, was Menschenliebe ist. «Cristobal Montero griff nach den Zügeln des Mulis mit dem Sattel und zog es an sich heran.»Kannst du überhaupt ein Maultier reiten?«
«Natürlich kann ich reiten.«
«Ein Muli! Das ist etwas anderes als ein Pferd! Ein Muli hat die Seele eines Pferdes, aber den Dickschädel eines Esels. Setz dich drauf, Pete.«
«In der Kirche?«
«Die Wohnung Gottes war immer ein Raum der Lehre. Ob das Wort oder das Mulireiten, wo ist da ein Unterschied?«
«Ihr Pfaffen habt wohl für alles eine Erklärung, was?«
«Wir wären verloren, wenn wir nur eine Sekunde lang sprachlos wären. Pete, red nicht so viel! Die Zeit drängt. Sitz auf.«
Zehnmal ritt Dr. Mohr auf seinem Muli kreuz und quer durch die Kirche, umkreiste den Altar und trabte unter dem von dem Dek-kenbalken hängenden großen Holzkreuz hindurch.»Bravo!«rief Pater Cristobal ein paarmal.»Sehr gut! Vorzüglich! Es ist erstaunlich, was du als medizinischer Klempner alles kannst! Wann hast du das alles gelernt? Ich denke, ihr Kliniker arbeitet am Tag 36 Stunden?«
«40, Cris! In den verbleibenden 4 Stunden pro Tag erfreuen wir uns am Leben. «Dr. Mohr hielt sein Muli an und stieg ab. Das Tier rieb den Kopf an seiner Schulter und schnupperte mit den Nüstern über sein Haar.»Es liebt mich schon.«
«Kunststück! Es ist eine Stute!«
«Danke, Pater.«
«Du gehst doch nur in die Berge, um bei Margarita zu sein!«
«Nicht allein deswegen. Ich will >vor Ort<, wie man bei uns sagt. An die vorderste Front dieses Leides, das keiner kennt, keiner wahrhaben will, jeder verschweigt. Man kann einen Sumpf nur trok-kenlegen, wenn man ihn kennt. Eine Landkarte allein genügt nicht.«
«Margarita ist kein Blümchen, das am Wege wächst und man sich einfach ins Knopfloch stecken kann.«
«Ihre Belehrung, Beichtvater, war unnötig.«
«Die Eltern haben Angst. Eine Tochter haben sie schon verloren.«
«Das wußte ich nicht. Aber eine Schwester von Margarita.«
«Um die handelt es sich. «Pater Cristobal lehnte sich gegen das Packmuli.»Für Alfonso und Maria Dolores ist sie tot. Perdita — so heißt das Mädchen — arbeitet seit einem Jahr bei Senora Mercedes in der >Bar<. Sie hatte das furchtbare Leben in den Bergen, in der Hütte und den Höhlen satt. >Mama< bot ihr einen guten Vertrag als Serviererin mit 5 % Anteil am Verzehr.«
«Das ist mies! In St. Pauli bekommen sie 10 %.«
«Für Penasblancas ist das ein Traumvertrag! Denn: Was nach der Arbeitszeit passiert, ist absolute Privatsache. Bis auf eine Kleinigkeit: 25 % kassiert >Mama<. «Pater Cristobal räusperte sich.»Für die Mädchen bedeutet das trotzdem viel Geld! Ihre Stundendienste lassen die Pesos regnen. Perdita kann in zwei Jahren reich sein, aber sie wird nie mehr eine Ehre haben. Für ihre Familie ist sie tot. Nur noch Margarita hält zu ihr. Als sie im Gefängnis saß — bei ihrer An-kunft —, wollte sie gerade heimlich Perdita besuchen. Adolfo Pebas hat später getobt.«
«Woher weißt du das alles?«
«Sie haben es mir erzählt. Ich habe ihnen die Beichte abgenommen.«
«Auf dem Marktplatz?«
«Gott ist überall.«
«Ich weiß. Ihr Priester könnt hemmungslos sein.«
«Deshalb werde ich auch Perdita aus dem Haus von >Mama< herausholen!«Pater Cristobal strich sich seinen struppigen Bart.»Ich habe herausgefunden, daß sie auf der gleichen Etage wie ich wohnt und >arbeitet<.«
«Mein Gott!«
«Was rufst du, mein Sohn?«
«Du willst bei >Mama< wohnen bleiben?!«
«Ich habe nie an etwas anderes gedacht. Es ist der beste Platz für mich!«Cristobal Montero packte die beiden Mulis an den Zügeln und führte sie aus der >Kirche<. Dr. Mohr folgte ihm, ging zu seinem Jeep und begann die Gepäckstücke auszuladen.
«Du willst es mit >Mama< aufnehmen? Krieg von Etage zu Etage? Du wirst verlieren, Cris.«
«Solange sie den Gottesdienst besucht.«
«Sie wird vor dir knien und voller Dankbarkeit eine Hostie aus deiner Hand nehmen, an der Ecke allerdings wartet der von ihr bezahlte Mörder. Du vergibst ihr im voraus die Sünde, dich umzubringen.«
«Das ist Christentum.«
«Da passe ich!«
Sie beluden das Muli und verteilten die Last so, daß das Tier nicht überladen wurde. Seinen Medizinkoffer und die geheimnisvolle Aktentasche, das Geschenk von Alfonso Camargo, lud Dr. Mohr auf sein Reittier. Dann gab Pater Cristobal ihm stumm die Hand, zog ihn plötzlich an sich und küßte ihn auf beide Wangen.
«Gott mit dir!«sagte er mit belegter Stimme.»Wir sehen uns bald wieder.«
«Überleg es dir, Cris. Die Menschen hier in der Stadt brauchen dich auch.«
«Wenn auf 30.000 Guaqueros ein Arzt kommt, kann es auch ein Priester schaffen! Wir werden schuften müssen, Pete.«
«Es wird sich lohnen, Cris. «Dr. Mohr kletterte auf sein Reitmuli.»Nimm dich in acht vor Mercedes Ordaz. >Mama< ist gefährlicher als Revaila. Übrigens: Ich habe Christus mit Leukoplast gefesselt — Himmel, wie das klingt! — Er liegt in seinem Haus auf der Erde. Ich habe ihm versprochen, daß du in zwei Stunden kommst und ihn auswickelst.«
«Er kann bis zum Abend warten. Etwas Ruhe und Besinnung tun ihm gut.«
«Ich habe in ihm einen neuen Todfeind.«
«Siehst du, jetzt sind wir wieder gleich: Du hast deinen Revaila, ich meine Mercedes Ordaz. Pete, noch einmaclass="underline" Gott mit dir! Paß auf dich auf.«
«Und du auf dich.«
Dr. Mohr trieb sein Muli an. Es trabte los, das Packtier an einem Strick hinterherziehend. Als der Doktor sich umblickte, sah er gerade noch, wie Pater Cristobal den Jeep in die Kirche fuhr. Er ist von einer beneidenswerten Gläubigkeit, dachte er. Für ihn ist Gottes Haus immer noch der sicherste Platz. Ein Glück, daß ich ihm im Jeep eine Maschinenpistole mit vier Reservemagazinen zurückgelassen habe.
Auf dem Marktplatz wartete noch die Familie Pebas. Adolfo half Maria Dolores in den Sattel, als er Dr. Mohr von weitem anreiten sah.
Margarita hatte das Spitzentuch vom Haar genommen und ein Kopftuch mit langen Fransen umgebunden. Sie lächelte zaghaft, als Dr. Mohr bei der Familie eintraf.
«Endlich!«sagte Pebas.»Fast zwei Stunden hat es gedauert! Wir müssen uns beeilen.«
«Es war schwer, Revaila zu überzeugen.«»Hat es Krach gegeben?«Adolfo blickte Dr. Mohr ängstlich an.»Wir sind nicht einen Peso mehr wert, wenn Revaila unser Feind ist.«