«Er hat die Notwendigkeit eingesehen. «Dr. Mohr sah sich um.»Worauf reiten Sie, Adolfo?«
«Ich nehme meine Füße! Drei Mulis kann ich mir noch nicht leisten. Ab und zu setze ich mich hinter Margarita.«
«Wie weit ist es bis zu Ihrer Hütte?«
«Fünf Stunden, wenn es gut geht.«
«Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gesagt. Ich hätte ein Muli für Sie angeschafft!«
«Ich will nichts geschenkt haben, Senor!«Pebas tätschelte Dr. Mohrs Muli die Nüstern.»Das ist auch wichtig, Doctor: Wir nehmen nichts, was wir nicht bezahlen können. Auch meine Frau und meine Tochter nicht. Eher krepieren wir!«
«Sind sie alle so da draußen?«
«Nein!«Pebas schnalzte mit der Zunge, die Muli zockelten los.»Deshalb nennen sie mich auch den >verrückten Dolfo<. «Er ging neben Dr. Mohr her und hielt sich an einer Sattelschlaufe fest.»Das ist ein guter Name. Man nimmt mir nichts mehr übel.«
Fast sieben Stunden ritten sie durch Schluchten mit üppigen Riesenfarnen und verfilzten Büschen, über schmale Trampelpfade an schroffen Berghängen entlang, über schwankende Holzbrücken, die sich über reißende Gebirgsbäche spannten. Sie kletterten immer höher, kamen an Siedlungen vorbei, die mehr Vogelnestern glichen, an Wohnhöhlen und mit geflochtenen Matten bedeckten Hütten. Überall, wo hier Menschen lebten, gab es Einstiege in die Berge, aus dem Stein gehauene Röhren in die Tiefe, Stollen, mit Knüppelholz notdürftig abgestützt — Eingänge zu dem erträumten Paradies, das grün und glitzernd war.
Das Haus der Pebas lag in einem Gebiet, das vor vier Jahren die staatlichen Minen als unrentabel aufgegeben hatten. Überall war der
Berg mit Stolleneingängen angebohrt, die Schutthalden waren längst überwuchert, der Urwald rückte wieder vor. Es war ein trostloses Land, ausgebeutet und deshalb nutzlos. Selbst erfahrene Guaque-ros hatten hier nur zwei Jahre ausgehalten, dann waren sie weitergezogen. Zurück blieben zehn Familien, darunter der >verrückte Dol-fo<, die fest daran glaubten, daß irgendwo in der Tiefe der Mine eine Smaragdader liegen müsse, die noch keiner gefunden hatte. Die staatlichen Geologen hatten nur mit dem Kopf geschüttelt. Was man hier mit einem ungeheuren technischen Aufwand gefunden hatte, war nicht einmal der hundertste Teil dessen wert, was die Mine jährlich gekostet hatte. Als dann bei Cosques ein neues Smaragdlager entdeckt wurde, ließ man diese Mine liegen, räumte sie und überließ es den Spinnern, die wenigen kleinen grünen Steinchen ans Licht zu buddeln, die man übersehen hatte.
Pebas' Hütte sah wie alle Behausungen hier aus: eine Höhle, vor die man als Verlängerung des Wohnraumes ein großes Dach gebaut hatte. Was noch zwei weitere Zimmer ergab. Zehn Hühner und ein Hahn empfingen die Zurückkehrenden mit wildem Gegacker, in einem Knüppelholzstall rumorten zwei Schweine. Eine Milchziege lief frei herum und senkte die Hörner, als sie die Mulis sah. Hinter dem Haus erhob sich die Steilwand des Berges. Mitten in dieser Wand gähnten die Einstiege von drei Stollen. Vom oberen Abbruch pendelte eine Strickleiter herunter.
«Stehenbleiben!«brüllte eine Stimme von oben. Über einen Stein vor dem mittleren Stollen schob sich der Lauf eines Gewehres.»Die Hände hoch, ihr Halunken! Eure Namen! Keinen Schritt weiter!«
Dr. Mohr hob beide Arme. Entsetzt sah er, wie Adolfo Pebas ruhig hinter Maria Dolores aus dem Sattel glitt und zu seinem Haus ging. Auch Margarita saß ab und folgte ihrem Vater.
«Zurück!«schrie Dr. Mohr.»Er zielt auf euch! Margarita, bleib stehen!«
Er griff nach hinten, riß Don Alfonsos >Aktentasche< an sich und steckte die Hand in das Loch der Rückwand. Der kalte Griff der Maschinenpistole fühlte sich klebrig an.
Über dem Stein am Stollen erschien jetzt ein struppiger Kopf. Dann die Schulter, in die der Gewehrkolben gepreßt war.
Dr. Mohr atmete tief durch. Er richtete das Ausschußloch der >Ak-tentasche< nach oben und krümmte den Finger bis zum Druckpunkt.
Zwei, drei Sekunden lang setzte bei ihm der Herzschlag aus. Nun stieg auch Maria Dolores von ihrem Muli und ging mit ruhigen Schritten ihrem Mann und Margarita nach. Der Mann oben im Stollen zielte noch immer, aber er drückte nicht ab. An der >Veranda< des armseligen Hauses, einem Vordach aus Knüppelholz, Brettern, geflochtenem Reisig und Strohmatten, blieb Adolfo Pebas stehen und winkte Dr. Mohr zu.
«Kommen Sie, Doctor. Wir sind zu Hause. Oder bereuen Sie Ihre Entscheidung schon? Zurück können Sie jetzt nicht mehr. Unsere Wachen haben Sie hineingelassen, aber heraus kommen Sie nicht mehr allein. «Er lachte laut, als er Dr. Mohr zu dem Stollen starren sah, und brüllte:»Es ist gut, Pepe! Alles in Ordnung.«
Der Mann hinter dem Stein verschwand. Das Gewehr wurde zurückgezogen. Mit steifen Beinen rutschte Mohr von seinem Muli und ging auf das Haus zu. Margarita und ihre Mutter waren bereits in der großen Wohnhöhle verschwunden. Pebas lud das Packtier ab.
«Ich habe mich dämlich benommen, was?«fragte Dr. Mohr.
«Wegen Pepe? Woher sollten Sie Bescheid wissen? Pepe Garcia ist unser Nachbar. Er paßt auf unser Haus auf, wenn wir in die Stadt gehen. Aber das ist mehr symbolisch. Pepe ist halb blind. Dafür sieht er doppelt gefährlich aus. Er ist — glaube ich — der älteste Guaque-ro im Minengebiet. Als die staatlichen Gruben noch funktionierten und Penasblancas eines der armseligsten Dörfer war, bewohnt von ein paar Chibcha-Indianern, schürfte er schon heimlich nach Smaragden. Dann fand man auch in diesem Gebiet zwar Smaragde, was Pepe zwar längst wußte, aber er hatte keine Werkzeuge, um an die Adern heranzukommen. 20 Jahre wühlte er sich durch den Berg, nur mit einer Hacke und einer Schaufel. Er schob Petroleumlampen vor sich her, später eine Taschenlampe. Der ständige Wechsel von Dunkelheit im Stollen und Sonne hier draußen fraß sein Augenlicht weg. «Pebas hob einen Sack mit Konserven von seinem Muli.»Wir alle krepieren einmal an diesen grünen Steinen. Pepe hatte einmal seinen großen Fund gemacht! Vor sechs Jahren. Ein Rohsmaragdblock, der — ausgeschlachtet — vielleicht 15.000 Dollar eingebracht hätte. Man stelle sich das vor: 15.000 Dollar! Bar auf die Hand! Pepe zog mit seinem Glücksfand los, kam sogar glücklich bis nach Bogota und zur Emerald-Street. Zwei Tage später fand man ihn im Spital wieder, mit einem Loch im Kopfund einem im Rücken. Er hat's überlebt, ist zurückgekehrt zu seinem Stollen und gräbt seitdem weiter. Gefunden hat er so viel, daß er nicht zu verhungern braucht. Aber er hat seinen Berg nie mehr verlassen. Was er braucht, bringen wir ihm mit. Er wird oben in seinem Stollen sterben.«
Dr. Mohr bekam als Gast den besten Platz im Haus: eine Ecke in der Höhle, die mit Hundefellen ausgelegt war. Maria Dolores kochte eine Suppe aus Dosenfleisch und Maiskörnern; Margarita sammelte die Eier ein, die Pebas Hühner gelegt hatten.
Am Abend bekamen sie Besuch. Ein riesenhafter Mann, schwarzhaarig, mit einem scharfkantigen Gesicht, das seine indianischen Vorfahren verriet, tauchte aus der Dunkelheit auf. Niemand hatte ihn kommen gehört. Das Prasseln des offenen Feuers vor der Veranda verschluckte alle anderen Laute. Der Mann blieb im Schein des Feuers stehen und starrte Dr. Mohr stumm an. Dann sagte er zu Pe-bas:
«Ist das der Doctor?«
«Er ist es. «Pebas rauchte eine selbstgedrehte dicke Zigarre. Seinem Gast zu Ehren hatte er sogar eine Korbflasche mit Wein geholt, aber um nicht zu üppig zu sein, streckte er den Wein mit Wasser. Maria Dolores und Margarita arbeiteten im hinteren Teil der Höhle, der >Küche<. Dr. Mohr hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit Margarita ein einziges Wort allein zu sprechen.
«Hat es sich schon herumgesprochen?«fragte Pebas.
«Das läuft wie ein Grasbrand. «Der große, dunkle Mann schob seine schwarzen Haare aus der Stirn.
«Das ist Juan Zapiga«, sagte Pebas.
«Ich kann mich allein vorstellen!«knurrte Zapiga.