«Dann tu's und glotz den Doctor nicht so dumm an.«
«Ich bin also Juan Zapiga — «, sagte er.»Ich habe eine Frau und zehn Kinder. Und alle sind krank. Die Frau hat's im Leib, drei Kinder husten nur noch, vier haben Geschwüre am ganzen Körper, der älteste Junge kann den rechten Arm kaum bewegen und schreit vor Schmerzen, wenn man ihn nur anfaßt, zwei werden immer weniger und sehen aus, als hätten sie statt Blut nur noch Milch in den Adern. Kann man da etwas tun?«
«Ich müßte deine Familie sehen und untersuchen, Juan. Aus der Ferne geht das nicht.«
«Sie ist hier.«
Er pfiff durch die Zähne und winkte. Aus der Dunkelheit lösten sich kleine und größere Schatten. Es sah aus, als würden Gestalten aus den Felsritzen quellen. Dann standen sie im Schein des offenen Feuers: eine zarte, kleine Frau mit langen, bis zu den Kniekehlen reichenden Haaren und indianischen Augen, zehn Kinder von 14 bis zwei Jahren, in zusammengenähten Lumpen gehüllt. 22 Augen, im flackernden Feuer übergroß und glänzend, sahen Dr. Mohr an. Das kleinste Kind hielt sich am Rock der Mutter fest und steckte den Daumen in den Mund. Ein Skelett, mit blasser, fast olivfarben schimmernder Haut überzogen.
«Sie sind alle sauber und gewaschen!«sagte Zapiga.»Ich weiß, was sich gehört, wenn man zu einem Medico geht. «Er pfiff wieder. Der älteste Junge trat an seine Seite.»Das ist er, der den Arm nicht hochheben kann. Aber ich brauche ihn. Er ist kräftig genug, um im Berg mit mir zu graben. Was kostet es?«
«Was?«fragte Dr. Mohr etwas verwirrt. Er blickte die Familie der Reihe nach an. Da haben wir alles, dachte er. Tuberkulose, Anämie, Skorbut, Furunkulose, Eiweißmangel, Eisenmangel, Kalziummangel, sämtliche Formen der Hungerdystrophie, wahrscheinlich auch schon Veränderungen der Knochen.
«Die Untersuchung.«
«Nichts.«
Juan Zapiga schien nicht zu begreifen. Daß man etwas tat, ohne Lohn dafür zu verlangen, war jenseits seines Begriffsvermögens. Er griff in seinen Gürtel, holte das berühmte, verknotete Taschentuch der Guaqueros hervor und knüpfte es auf. Der Junge neben ihm zog mit der linken Hand einen Revolver aus dem Gürtel und trat zur Seite. Auch der zweite Sohn, vielleicht zehn Jahre alt, hatte plötzlich eine Waffe in der Hand. Die kleine, zarte Frau, vom Kindbett ausgelaugt, drückte ihr Jüngstes an sich und umklammerte mit der Rechten eine Pistole. Sie hatte sie unter dem weiten Rock hervorgezogen.
Dr. Mohr sah sich betroffen um. Im Eingang der Höhle standen Margarita und Maria Dolores. Auch sie hielten Waffen in den Händen, langläufige Gewehre, und es war, das sah er, nicht das erstemal, daß sie so, zu allem bereit, vor ihrem Haus standen. Pebas selbst hatte sich nach vorn gebeugt. Zwischen seinen Beinen lag, griffbereit, sein schwerer Revolver.
«Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, sagte er.»Juan packt seine Smaragde aus. Weiß man, ob man beobachtet wird? Überall sind Augen. Kein Guaquero knüpft sein Taschentuch auf, ohne sich nicht nach allen Seiten zu sichern. Aus den besten Freunden wurden schon Mörder — der Anblick der grünen Steine läßt Ehrgefühl und Freundschaft vergessen.«
Zapiga wartete. Er hockte sich, vorsichtig wie ein Tier, das sich an einer Tränke niederläßt und ständig die Gefahr ahnt, näher ans Feuer und breitete sein Taschentuch aus. Ein kleines Häufchen Smaragde glitzerte im Feuerschein, bizarre Formen grünen Kristalls, rund, mehreckig, lanzettenhaft, zwei wie winzige Säulchen.
«Das ist alles, was ich habe«, sagte Zapiga.»Dafür habe ich drei Jahre gearbeitet. Nicht genug, um aufzuhören und mit Frau und zehn Kindern in die Stadt zu ziehen. Nicht genug, um ein Stück Land zu kaufen und eine Finca aufzumachen. Aber ich weiß, wir alle hier wissen es: In unserem Berg liegt der ganz große Stein! Ich träume von ihm, jeden zweiten Tag träume ich von ihm. In einem dieser Träume stand sogar einmal ein Engel vor mir. Begreifen Sie das, Doctor? Ein richtiger Engel mit Flügeln. Er sagte zu mir: Juan! Habe Geduld! Ich kann nicht für dich die Felsen sprengen, aber du kannst dich hineinwühlen. Glaube an dein Glück! — Verdammt ja, Doctor, ich glaube daran. Aber bis ich es habe, das Glück, sterben sie mir alle weg. Die Frau, die Kinder. Nehmen Sie sich, was Sie wollen. Vielleicht den da? Den länglichen? Der bringt geschliffen einen Karat. Beste, reinste Qualität. Nicht einmal eine Wolke darin.«
«Ich nehme nichts«, sagte Dr. Mohr leise.»Juan, pack die Dinger wieder weg.«
«Sie wollen uns wegschicken? Krank und elend?«
«Ich behandele euch umsonst.«
«Umsonst? Und wovon leben Sie?«
«Ich habe Geld genug.«
Zapiga schlug das Taschentuch um seine Smaragde und verknotete es wieder.»Er ist ja gar kein Medico — «, sagte er dabei zu Pe-bas.»Er ist ein Verrückter!«
«Das sage ich auch. Aber was will ich machen? Besser, er wohnt bei mir als bei den anderen.«
«Fangen wir also an. «Dr. Mohr kniete sich auf den felsigen Boden. Meine erste Ordination unter 30.000 Gesetzlosen, dachte er. Die Erde ist der Untersuchungstisch, das flackernde Holzfeuer ersetzt den Deckenstrahler, statt die Hände zu waschen, reibt man sie an der Hose ab. Nächste Woche wird das schon anders aussehen. Da wird hier neben den Pebas eine große Arzthütte gebaut, und die Kranken werden wenigstens auf einem Holztisch liegen und in eine Lampe blicken. Morgen, mein lieber Adolfo, beginnen wir mit dem Aufbau.
«Ich brauche meinen Koffer, den aus Metall«, sagte er.
«Ich hole ihn!«sagte Margarita.
«Er ist viel zu schwer.«
«Hol ihn!«rief Pebas befehlend.»Doctor, gewöhnen Sie sich ab, die Frauen der Pebas als zerbrechliche Luxusweibchen zu betrach-ten. Hier wird angepackt! Wenn ein großer Felsstein im Weg liegt, wird er weggeräumt! Unsere Bagger sind unsere Hände! Margarita wird doch wohl noch einen Koffer tragen können.«
Sie kam aus der Höhle, schleppte den schweren Metallkasten heran, und keiner half ihr. Als Dr. Mohr aufspringen wollte, hielt Pe-bas ihn fest.
«Sie hebt sich einen Bruch!«schnaufte Mohr.
«Es sieht nur so aus.«
«Ich will nicht, daß sie so schwere Sachen hebt! Pebas, wenn ich Ihnen die möglichen Spätschäden aufzähle.«
«Wer denkt hier an später? Was ist später? Ein krummer Rücken? Ein kaputter Unterleib? Morsche Knochen? Was soll's? Margarita hat nicht vor, Miß Kolumbien zu werden.«
Sie hatte den Feuerkreis erreicht und stellte die schwere Metallkiste ab. Ihre Arme zitterten, Schweiß rann über ihr madonnenhaftes Gesicht. Sie lächelte etwas verzerrt und wischte sich mit dem Unterarm über die Augen.
«Da ist er. Alles Medizin?«
«Auch viele Geräte. Margarita, du faßt den vollen Koffer nicht mehr an.«
«Sie wird ihn zurücktragen«, sagte Pebas ruhig.
«Ich bringe ihn zurück!«
«Warum streiten wir, Doctor?«Pebas beugte sich vor und steckte den auf seinen Knien schaukelnden Revolver wieder hinter den Gürtel.»Sie sind mein Gast. Zu Gästen soll man höflich sein, das hat man mir gesagt. Aber ein Gast hat nicht in das Familienleben seiner Gastgeber einzugreifen. Oder ist das bei den feineren Leuten neuerdings üblich? Hier, in meinem Haus, bestimme ich! Und wenn ich sage, Margarita trägt den Koffer zurück, dann tut sie das! Ist das klar?«
«Klar ist, daß der Koffer hier bleibt und ich ihn wegtrage.«
«Wir wollen sehen. Es geht um Grundsätzliches, Doctor. Warum begreifen Sie das nicht?«
«Die Frau ist keine Sklavin mehr wie vor ein paar hundert Jahren.«
«Ein paar hundert Jahre!«Pebas lachte rauh.»Doctor, hier leben wir wie am Anfang der Schöpfung. Das ändern Sie allein auch nicht!«
Dr. Mohr klappte die Metallschließen aufund öffnete den Deckel. Aus einem Sterilkasten — er mußte dabei sarkastisch lächeln — nahm er das Membranstethoskop und den Blutdruckmesser. Er entrollte die Manschette und legte sie über seine Knie.
«Wie heißt Ihre Frau, Zapiga?«fragte er dabei.