«Nuria.«
«Ein sehr schöner Name. Nuria, kommen Sie bitte zu mir.«
«Erst der Junge, Doctor. «Zapiga schob den 10jährigen vor.»Sein Arm.«
«Ich habe >Nuria< gesagt.«
«Ich brauche seinen Arm!«
«Und Nuria hat Ihnen 10 Kinder geboren.«
«Es hat ihr Spaß gemacht. Vor allem vorher. «Zapiga grinste schief und schielte zu Pebas. Was soll man tun, Camarada? Kann man den Medico verärgern? Du bist gesund, du kannst die Schnauze aufreißen, aber ich habe elf Kranke in der Hütte.»Zehn Kinder sind genug. Ihre Schmerzen im Bauch sind der beste Schutz«, sagte Zapiga.
«So kann man es auch sehen. «Dr. Mohr klemmte den Bügel des Stethoskops um seinen Hals.»Seid ihr überhaupt noch Menschen?«
«Das fragen wir uns selbst. «Pebas warf seine halbgerauchte dicke Zigarre ins Feuer.»Streiten Sie mit uns nicht weiter, Doctor. Was bringt es ein?«
Der große Junge stand vor Dr. Mohr und hatte mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Hemd ausgezogen. Er konnte den rechten Arm kaum heben.
«Er sagt, die Schmerzen seien ein Gefühl, als wenn ihn hunderttausend Nadeln innerlich stechen«, erklärte Zapiga.»Das geht schon seit Monaten so. Plötzlich war es da. Über Nacht.«
«Fieber?«
«Ich weiß nicht«, knurrte Zapiga.»Wir haben anderes zu tun, als Hände auf die Stirnen zu legen.«
«Er hat Fieber. «Nurias Stimme war scheu und voller Duldsamkeit.»Er hat immer Fieber, mal hoch, mal niedrig.«
«Die Mutter weiß es!«sagte Dr. Mohr.»Mein Gott, das tröstet mich. Wenigstens die Mütter sind hier noch Menschen. Komm her. Wie heißt du?«
«Pablo«, sagte der Junge. Er kniete sich vor Dr. Mohr auf den Boden. Schon der erste Blick bestätigte Mohrs gedankliche Diagnose: Das Schultergelenk war geschwollen, glasig die Haut, die Armkugel kaum beweglich. Als er den Arm packte und ganz vorsichtig drehte, knirschte der Junge tapfer mit den Zähnen. Zapiga stieß ihn mit der Faust in die Seite. Beherrsch dich, Pablo!
«Da haben wir eine schöne Scheiße beisammen!«sagte Dr. Mohr grob.»Das ist ein Gelenkempyem, und zwar eine ausgewachsene Kapsel-Phlegmone. Das brauchte nicht zu sein. Das ist verschleppt worden! Bei den ersten Anzeichen hättet ihr zum Arzt gemußt!«
«Aufstehen!«sagte Zapiga hart.»Pablo, steh auf. Das ist kein Medico, das ist ein Idiot!«Zögernd erhob sich der Junge. Seine Augen glänzten noch mehr. Tränen. Lautlos weinte Pablo, aber sein Gesicht blieb dabei starr.
«Zum Arzt! Wo ist hier ein Arzt?! Wer von uns kann sich einen Arzt leisten. Jetzt soll ich schuld sein! Adolfo, wen hast du da mitgebracht? Tritt ihn in den Hintern! Jag ihn weg!«Zapiga trat einen Schritt an Dr. Mohr heran, massig und doch nur ein Skelett mit pergamentener Haut.»Was hat Pablo?«
«In seinem Gelenk ist eine eitrige Ansammlung von Flüssigkeit, ganz grob gesagt. Entstanden durch eine Entzündung. Die Gelenkhöhle ist damit gefüllt. Die Sache ist so weit fortgeschritten, daß auch die ganze Gelenkkapsel an der Entzündung beteiligt ist.«
«Kann man daran sterben?«
«Man kann an jeder Krankheit sterben, auch an einem Schnupfen. Pablo wird an einer Sepsis — einer Blutvergiftung — sterben, aber die Schmerzen vorher werden unerträglich sein. So unerträglich, daß Sie ihn lieber vorher totschlagen, als ihn so krepieren zu lassen. Ist das deutlich gesagt?«»Ja!«knirschte Zapiga.
«Aha! Dann habe ich endlich eure Sprache getroffen. Sie wollen Pablo also in ein paar Wochen totschlagen?«
«Nein!«keuchte Zapiga.
«Ich soll ihn behandeln?«
«Ja.«
«Dann haltet endlich die Schnauze und tut, was ich sage! Ich muß Pablo punktieren.«
«Was ist das?«
«Ruhe!«Dr. Mohr hieb mit der Faust und mit voller Wucht auf Zapigas Stiefel, die vor ihm standen. Verblüfft trat Zapiga einen Schritt zurück und kratzte sich den Kopf. Das war ein neuer Ton und eine ungewohnte Behandlung. Man konnte zurückschlagen, diesen Medico mit einem Hieb ins Feuer schleudern, aber dann würden Pablo und die neun anderen Kinder sowie Nuria nie mehr gesund werden.
«Ich bin ganz still, Doctor«, sagte Zapiga, schwer atmend.
«Nach der Punktion will ich versuchen, mit Antibiotika an die Entzündung heranzugehen. In einer Klinik würde ich das Gelenk ausspülen, aber das kann ich hier nicht.«
«Warum?«
«Mir fehlen die Geräte, ein antiseptischer OP, ein keimfreies Krankenzimmer zur Nachbehandlung. Wollen Sie noch mehr wissen?«
«Ich denke, ein guter Arzt kann alles?«sagte Zapiga einfach.
Dr. Mohr senkte den Kopf. Die Ohrfeige saß, dachte er. Juan Za-piga, du hast ja so recht! Wir sind durch unsere technische Perfektion schon gelähmt, wenn wir außerhalb unserer klinischen Wunderwerke, nur mit einem Messer in der Hand, vor einem aufgetriebenen Bauch stehen. Die Blinddarmoperation mit einem Taschenmesser, die Schädeltrepanation mit Hammer und Meißel, die Nähte mit Schusterzwirn und Fäden aus einem Seidenschal… darüber hat man Bücher geschrieben. Das Hohelied der Ärzte in Ausnahmesituationen. Aber, liebe Kollegen, wer kann eine Kapsel-Phlegmone ausräumen, wenn er nichts zur Verfügung hat als eine Berghöhle in den kolumbia-
nischen Kordilleren, ein chirurgisches Notbesteck und zwei Kästen mit Antibiotika-Ampullen?!
«Ich werde es versuchen!«sagte er.
«Das habe ich gewußt, Doctor. «Zapiga lächelte schwach.»Sie geben nicht auf. So sehen Sie nicht aus!«
«Ich verspreche gar nichts. Es kann danebengehen, Juan.«
«Und ohne Ihre Behandlung, Doctor?«
«Bestimmt.«
«Dann tun Sie, was Sie für richtig halten!«Zapiga steckte die Hände in seinen Hosenbund, sie waren ihm im Weg.»Ich habe in meinem Bergloch keine so große Chance.«
«Ich überlege es mir.«
Dr. Mohr untersuchte alle zehn Kinder. Seine Vermutungen erwiesen sich als richtig. Furunkulose, Tbc, Unterernährung, einseitige Ernährung, Vitaminmangel, Dystrophie. Juan Zapigas Blick hing an seinen Lippen.
«Eine Katastrophe!«sagte Dr. Mohr.»Es gibt auf die Dauer nur ein Mittel.«
«Ich weiß: Weg von hier.«
«Ja.«
«Unmöglich.«
«Warum?«
«Mein Traum. Der Engel, Doctor. Ich muß meinen großen Stein finden. Und er ist da unten im Berg. Ich fühle es! Wie kann ich da wegziehen? Was soll ich in der Stadt? Die Straßen fegen? Mit zwölf Personen in zwei stinkigen Zimmern wohnen? Jeden Abend die Mülltonnen der Reichen plündern? In der Stadt bleibt mir nur eins: ein Verbrecher zu werden! Doctor, ich kann hier nicht weg, ohne reich zu sein.«
Dr. Mohr nickte. Er sah hinüber zu Nuria, die still wartete. Als sie seinen Blick bemerkte, lächelte sie verhalten.
«Deine Kinder — bis auf Pablo — mache ich gesund«, sagte Mohr.»Ich habe genug Medikamente bei mir. Was mir fehlt, wird aus Bogota kommen.«
«Hierhin? Nie!«
«Ich garantiere dafür. Aber Pablo? Ich will jedenfalls alles versuchen.«
«Bitte, Doctor.«
«Jetzt Nuria.«
Die Frau trat in den Feuerkreis und legte sich unaufgefordert vor Dr. Mohr auf die Erde. Sie öffnete die Bluse und streifte den Rock über die Hüften. Ihr Körper mußte einmal sehr schön gewesen sein. Glatt, trotz aller Zierlichkeit wohlgeformt. Jetzt waren die Brüste erschlafft, die Hüften knochig, die Schenkel dürr, das Brustbein stach spitz durch die Haut. Nur der Leib war glatt und rund, von alarmierender Glatt- und Weichheit dem übrigen ausgelaugten Körper gegenüber.
Dr. Mohr blickte hoch. Sein Zögern stieß bei Zapiga auf Unverstand. Mit seinen Kindern stand er um Nuria herum.
«Ich möchte allein sein!«sagte Dr. Mohr laut.
«Warum?«
«Ich will Nuria untersuchen!«
«Bitte.«
«Verdammt noch mal! Ich muß sie gründlich untersuchen. An den Intimstellen.«
«Fangen Sie an.«
«Die Kinder, Juan.«
«Was ist mit den Kindern? Sie hat sie geboren, sie sind aus ihr gekommen. Wo gibt es da Geheimnisse?«