«Es gibt ein Schamgefühl, Zapiga!«
«Bei uns nicht, Doctor. Bei uns ist alles natürlich. Vom Lebensanfang bis zum Lebensende. Wir werden nicht umfallen, wenn Sie in Nuria hineingreifen.«
Dr. Mohr beugte sich über die nackt vor ihm liegende Frau. Vorsichtig tastete er den Unterbauch ab, drückte an bestimmten Stellen und fragte, ob es weh täte. Nuria schüttelte den Kopf, nickte dann ein paarmal und sagte:
«Es tut nicht immer weh. Aber manchmal ist es ein Gefühl, als ob ich ein Kind bekomme. Etwas da drinnen ist rund und schwer, es drängt nach draußen, aber es kommt nicht. Es ist kein Kind.«
Dr. Mohr nickte. Das fehlte mir noch, dachte er. Hier in dieser Wildnis. Zapiga, du hast vielleicht ein Pech mit deiner großen Familie.
Er holte aus dem Metallkoffer ein gynäkologisches Spekulum und sah sich um.»Jemand muß Nuria hochhalten!«sagte er heiser.
«Sie brauchen es nur zu sagen, Doctor. «Zapiga kniete nieder und hob mit beiden Händen Nurias Unterleib hoch. Von der anderen Seite kam Margarita und stützte mit ihren Unterarmen das freischwebende Gesäß.
«Es kann weh tun. Schreien Sie ruhig, Nuria. «Dr. Mohr führte vorsichtig das Spekulum ein.
Zapiga schüttelte den Kopf.
«Sie wird nicht schreien, Doctor. Sie ist eine tapfere Frau.«
Der Blick durch das Spekulum war undeutlich. Aber trotzdem sah Dr. Mohr, was er vermutet hatte. Interessiert beobachtete Zapiga ihn. Daß es so etwas gibt, dachte er. Da kann ein Arzt in den Leib meiner Frau hineinblicken! Sind schon tolle Kerle, diese Medicos.
Dr. Mohr zog das Spekulum zurück und nickte. Zapiga und Margarita ließen Nurias Unterleib wieder auf die Erde hinunter. Nurias Haut überzog ein leichter Schweißfilm, nicht aus Schmerzen oder Angst, sondern als Ausdruck einer zurückgedrängten Scham.
«Ein Myom!«sagte Mohr.»Ein gestieltes submuköses Myom. Da hilft nur eins: Operation. In Bogota.«
«Hier nicht?«
«Unmöglich!«
«Wir kommen nie nach Bogota.«
«Ich bringe Nuria hin.«
«Und wer bezahlt das alles?«
«Ich.«
«Sie sind ein guter Mensch, Doctor, aber in unsere Welt passen Sie nicht. Überlegen Sie doch einmal. Wenn ich Nuria in Bogota operieren lasse, werden alle glauben, ich hätte genug gefunden und verstecke die Smaragde nur. Sie werden Nuria auflauern, entführen und mich erpressen. Wie die Jaguare sind sie. Grausam und gnadenlos. Sie und Nuria würden Bogota nie erreichen.«
«Dann hole ich Militärschutz.«
«Militär?«Zapiga lachte laut.»Einer Frau wegen? Versuchen Sie es! Und wenn die Soldaten wirklich kommen, dann nicht wegen Nuria, sondern um unsere Smaragde zu beschlagnahmen. Die Soldaten ziehen wieder ab, aber Sie bleiben. Wissen Sie, was man dann mit Ihnen macht? Das, was man schon einmal mit einem gemacht hat, der uns die Soldaten auf den Hals hetzte. Man kann das nicht erzählen…«
«Gibt es hier irgendwo ein Telefon?«fragte Dr. Mohr.
«Ein Telefon? Sie sind wohl verrückt!«
«Wer hat ein Funkgerät?«
«Einige, am großen Stollen.«
«Kennen Sie jemand von diesen Leuten?«
«Ich kenne sie alle.«
«Dann gehen Sie hin, Juan, und sagen Sie ihnen: Sie sollen Verbindung mit Christus Revaila aufnehmen.«
Zapiga senkte den Kopf und zog das Kinn an.»Was wollen Sie von Revaila? Was haben Sie mit Revaila zu tun?«
«Er ist mein Verbindungsmann nach draußen.«
«Ausgerechnet Revaila?«Es klang drohend.
«Ich konnte ihn mir nicht aussuchen. Sie mögen Revaila nicht? Ich auch nicht.«
«Revaila ist der Kerl, der mir auflauert. Seit zwei Jahren. In die Berge wagt er sich nicht. Aber wenn ich herauskomme, gibt es nur einen Überlebenden.«
«Trotzdem brauchen wir ihn jetzt. Nur mit seiner Hilfe kann ich Pablo und Nuria operieren. Don Alfonso muß mir die gesamte Ausrüstung schicken.«
«Don Alfonso?«Zapiga trat zwei Schritte zurück, als ströme Dr. Mohr ein giftiges Gas aus.»Sie kommen von Don Alfonso?«
«Nein. Ich habe mit ihm einen Vertrag.«
«Steh auf!«sagte Juan hart. Nuria erhob sich, streifte schnell Bluse und Rock über und ging zu ihren Kindern.»Wir danken Ihnen, Doctor. Adios.«
Dr. Mohr kniete vor seiner Metallkiste und suchte nach Medikamenten.»Wo wollen Sie hin, Juan?«
«In mein Haus! Ich habe mir doch gleich gedacht, daß hier etwas nicht stimmt. Plötzlich ist ein Arzt da! Freiwillig! Aber das stimmt ja gar nicht, er ist nicht freiwillig da. Don Alfonso schickt ihn. Über unsere Krankheiten will Camargo an unsere Smaragde. Welch ein hinterlistiger Hund. Und Sie sind sein Lockvogel.«
Zapiga spuckte vor Dr. Mohr aus und faßte seinen Sohn Pablo am Arm. Seine Verachtung war grenzenlos, aber auch seine Enttäuschung. Nur eines wußte er jetzt ganz sicher: Seine Familie würde wegsterben wie Fliegen unter einer Giftwolke.
«Ich bin hierher gekommen, um zu helfen«, sagte Dr. Mohr.»Von wem das Geld kommt, ist mir gleichgültig. Hauptsache, daß ich alles bekomme, was ich brauche. Einer Herzspritze sieht man nicht an, wer sie gekauft hat — aber sie hilft! Und ein OP-Tisch, auf dem ich Nuria operieren kann, ist mir wichtiger als alle Don Alfonsos der Welt.«
«Sie haben ja keine Ahnung, Doctor. «Zapiga blieb stehen. Die Familie umkreiste ihn. Sechs Söhne und vier Töchter, alle von diesem gnadenlosen Land gezeichnet.
«Heute liefert er Medikamente, morgen einen ganzen Operationssaal, übermorgen kommt er mit einer eigenen Armee und raubt uns aus. Das hat er schon einmal gemacht: vor zwei Jahren bei Muzo. Es gab neunundfünfzig Tote. Das zumindest ist die Zahl derjenigen, die man gefunden hat. Niemand sprach darüber, nicht einmal das Militär bei Muzo. Einen Guaquero darf man töten, das ist sogar eine gute Tat. Es entlastet die Soldaten. Doctor, Sie sind nur der Spähtrupp! Die Vernichtung kommt hinter Ihnen her.«
«Nicht bei mir. Da hat sich Don Alfonso aber geirrt. «Dr. Mohr setzte sich auf die Metallkiste. Die ausgesuchten Medikamente lagen verstreut auf dem Felsboden um ihn herum.»Komm her, Pa-blo.«
Zapiga hielt ihn fest.»Was soll er?«
«Er bekommt eine Schmerzspritze und Antibiotika.«
«Hilft das etwas?«
«Für den Anfang ja. Auch die anderen Kinder werden wieder gesund. Juan, warum glaubt ihr mir nicht, daß ich jetzt zu euch gehöre?«
«Wie kann ein Mensch, der >Sie< zu uns sagt, zu uns gehören? Das ist eine andere Welt, Doctor.«
«Deswegen bin ich hier. Damit ihr wieder an Menschlichkeit glaubt. Vielleicht kommt auch noch ein Priester zu euch.«
«Den schlagen wir tot.«
«Mit ihm werdet ihr es schwerer haben als mit mir. Der läßt sich nicht totschlagen. Eher schlägt er zurück. Wenn's sein muß, erhebt er sogar als erster die Hand. Vielleicht sollte ich das auch? Dich erst zu Boden schlagen und dann sagen: >So, jetzt steh auf und bring mir deine Kinder her!<«
«Versuch es, Doctor.«
«Danke.«
Zapiga glotzte Dr. Mohr an.»Wofür?«
«Du hast >du< zu mir gesagt.«
«Du auch!«
«Geh zu ihm, Pablo!«sagte Zapiga rauh.»Laß dich behandeln. Der Doctor ist ein verdammtes Aas.«
Dr. Mohr injizierte Vitamine und Antibiotika, bestrich die Furunkel der Kleinen mit Salben und desinfizierte die offenen Geschwüre. Er verteilte Tabletten und Dragees gegen Mangelerscheinungen und ließ die ganze Familie vor seinen Augen in Wasser gelöstes Kalzium trinken. Zapiga stand abseits und schaute dem Treiben finster zu. Als jeder seine Medikamente bekommen hatte, pfiff er wieder. Die Familie rannte wie eine Herde, die der Leitbulle rief, zu ihm.
«Morgen wiederkommen!«sagte Dr. Mohr.
«Das weiß ich noch nicht.«
«Juan, ein letztes Wort: Wenn morgen vormittag um 11 Uhr deine Familie nicht hier vor mir steht, komme ich zu dir und hole sie mir.«