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«Ich würde auf ihn hören, Juan«, sagte Pebas. Zum erstenmal mischte er sich ein.»Er zerschlägt mit der Hand eine dicke Bohle. Ich habe es gesehen. Er kann dir jeden Knochen brechen, ehe du zweimal geatmet hast. Deinen Körper dann wieder zusammenzuflicken dauert länger.«

Zapiga knurrte etwas Unverständliches und verschwand mit seiner Familie lautlos in der Dunkelheit. Das ganze Geschehen mutete an wie ein Spuk. Die zerbrochenen Ampullen auf der Erde bewiesen allerdings, daß alles Wirklichkeit gewesen war. Adolfo Pebas warf neue Scheite in das aufflackernde Feuer.

«Mach deine Liste fertig, Doctor«, sagte er.»Ich gehe noch heute zu dem nächsten Mann, der ein Funkgerät hat. Ich kenne sie alle. Aber ich glaube nicht, daß die Sachen jemals hier ankommen werden.«

«Warten wir es ab, Adolfo. «Dr. Mohr setzte sich auf seine Metallkiste und nahm sein Notizbuch aus der Tasche.»Aber wenn sie ankommen, beginnt hier eine neue Zeit.«

«Man wird es dir nie danken, Doctor. Dein Weg zurück führt immer über Christus Revaila.«

«Wer sagt, daß ich zurück will, Adolfo?«

«Du lieber Himmel, du willst für immer bei uns bleiben?«

«Wenn ihr mich haben wollt. Ein Arzt hat überall seine Heimat, wo es Kranke gibt, die nach ihm rufen.«

«Warum lügst du, Doctor?«

«Adolfo, ich lüge nicht.«

«Du bleibst doch nur wegen Margarita.«

«Nicht nur.«

«Aber auch.«

Dr. Mohr spürte ein Prickeln unter der Kopfhaut. Er machte sich an der Kiste zu schaffen, aber er spürte Pebas' Blick in seinem Nacken.

«Margarita ist ein sauberes Mädchen«, sagte Pebas stumpf.»Unschuldig und voll der Hoffnung auf ein bißchen Glück. Ich hatte noch eine Tochter. Perdita. Auch sie war hübsch, sauber und unberührt. Dann kam ein Mann; er konnte sprechen wie ein Lexikon, sang zur Gitarre schöne Lieder und redete von Liebe. Er nahm sie mit nach Penasblancas. 2.000 Pesos gab er mir, damit ich die Hochzeit vorbereite. Er hat Perdita nie geheiratet. Erst später erkannte ich, daß er sie mir abgekauft hatte. Für 2.000 Pesos. Wo hat er sie hingebracht? In ein Hurenhaus. Er wird für sie 30.000 Pesos bekommen haben. >Mama< zahlt nicht schlecht für jungen Nachwuchs. So habe ich eine Tochter verloren. «Pebas beugte sich weit zu Dr. Mohr vor. Seine Wange streifte Mohrs Nacken.»Ich bringe dich um, Doctor«, sagte er leise,»wenn du Margarita verführst. Bei Gott und allen Engeln. Ich bringe dich um! Und jetzt schreib die Liste.«

Dr. Mohr notierte sich, was er brauchte: einen klappbaren OPTisch. Einen starken Batteriescheinwerfer. Einen Stromerzeuger, mit Benzin getrieben. Chirurgische Bestecke für die wichtigsten Operationen. Infusionsflaschen und Blutersatz. Verband- und Nahtmaterial in großen Mengen. Narkosemittel. Sterilisationskästen. OP-Hand-schuhe. Antiseptische Lösungen. Desinfektions-Sprays. Und eine lange Liste mit Medikamenten.

«Das wäre es vorerst«, sagte er und gab den Zettel an Pebas. Er hatte über eine Stunden für die Zusammenstellung gebraucht.»Damit kann ich arbeiten.«

Pebas überflog die Liste und steckte sie ein.»Du bist doch verrückt, Doctor. Aber wie du willst. Ich lasse alles an Christus Revaila durchgeben. Du wirst jedoch nie wieder etwas davon hören. Ich gehe jetzt.«

«Viel Glück, Adolfo.«

Nach ein paar Schritten blieb Pebas stehen, überlegte etwas und kam zurück.

Sein Gesicht war sehr ernst.

«Ich weiß es«, sagte er.»Wenn ich weg bin, wird Margarita herauskommen. Sie wird mit dir sprechen. Was wirst du ihr sagen?«

«Wie soll ich das im voraus wissen?«

«Willst du ihr sagen, daß du sie liebst? Doctor, ich sehe es dir an: Du bist verrückt nach meiner Tochter! Das wird ein Unglück ge-

ben! Ich spüre es genau: Du wirst wie ein Engel für die Kranken sein, aber für uns, die Pebas, das große Unglück bedeuten. Es war ein Fehler, daß ich dich mitgenommen habe.«

«Ich wäre auch so gekommen.«

«Aber nicht zu uns!«

«Zu euch! Ich hätte euch überall gesucht und auch gefunden!«

«Margarita!«

«Ich habe in Penasblancas immer an sie gedacht.«

«Warum hast du das nicht vorher gesagt?«preßte Pebas leise durch die Lippen.»Doctor, ich hätte dich schon auf dem Marktplatz erschlagen sollen.«

Nachdenklich blieb Dr. Mohr draußen am Feuer sitzen, nachdem Pebas in der Dunkelheit untergetaucht war. Er wagte nicht, jetzt ins Haus zu gehen, da er wußte, daß Margarita auf ihn wartete. Es war die erste Gelegenheit, mit ihr allein zu reden. Maria Dolores war kein Hindernis. Sie hatte gelernt zu dulden. Adolfo und Perdita hatten immer getan, was sie wollten, sie hatten nie gefragt. Nun war Margarita herangewachsen. Warum sollte sie anders als Vater und Schwester sein?

Dr. Mohr drehte sich nicht um, als er hinter sich das Rascheln eines Kleides hörte. Angespannt wartete er. Sie steht hinter mir, dachte er. Sie blickt auf mich herunter. Ich spüre ihren Blick auf meiner Haut. Als ob ein warmer Wind über mich hinwegstreicht. Verrückt ist dieses Gefühl! Wer mir gesagt hätte, daß die Nähe einer schönen Frau bei einem gestandenen Mann wie mir noch Atemschwierigkeiten bereitet, den hätte ich für verrückt erklärt. Und jedem Patienten, der zu mir gesagt hätte:»Herr Doktor, mir ist, als ob meine Haut brennt, wenn sie mich ansieht!«hätte ich als Therapie verordnet:»Stecken Sie jedesmal bei solchen Anfällen den Kopf in einen Eimer eiskalten Wassers!«

Wo ist hier ein Eimer mit kaltem Wasser.

«Ich habe gehört, was er gesagt hat. «Margaritas Stimme klang trau-rig. Er rührte sich nicht, starrte in die Flammen und schob mit dem Fuß einen Holzscheit tiefer in die Glut.»Er meint es ernst, Doc-tor.«

«Ich nehme es auch ernst, Margarita.«

«Warum gehst du dann nicht nach Bogota zurück?«

«Auch wenn ich es wollte, jetzt kann ich es nicht mehr. Nicht, nachdem ich die Familie Zapiga gesehen habe.«

«Es gibt noch Hunderte solcher Familien. Tausende.«

«Genau daran habe ich gedacht. Warum kümmert sich keiner darum?«

«Weil es uns nicht gibt. Alle Gruben sind stillgelegt, heißt es. Das Gebiet ist vom Militär abgeriegelt. Es ist totes Land. Wenn in diesem toten Land heimlich Menschen leben, wen geht das etwas an? Keiner schert sich darum. Und wenn einmal jemand kommt, der sich um dieses Elend kümmern will, dann wird er verhaftet und weggeschafft. Vor einem Jahr war ein Mann hier, ein Deutscher.«

«Ach!«Dr. Mohr faltete die Hände über den angezogenen Knien.

«Er sprach spanisch wie wir, sagte aber, er käme aus Deutschland. Kennst du Deutschland, Doctor?«

Mohr zögerte. Dies war eine entscheidende Minute, in der man die Wahrheit sagen konnte oder sich das >zweite Ich< für lange Zeit, vielleicht für immer, überstreifen mußte. Er entschloß sich, auszuweichen.

«Ein kleines Land, weit weg.«

«Aber ein reiches Land, nicht wahr?«

«Wie man's nimmt. Die Menschen sollen dort von Arbeit und Geldverdienen sogar träumen.«

«Der Mann hat viel über Deutschland erzählt. Er wollte uns Gua-queros nach deutschem Muster leiten.«

«Du lieber Himmel! Es war wirklich ein echter Deutscher!«

«Er wollte — ich habe es mir gemerkt — eine Gewerkschaft mit uns gründen.«

«Prost! Und wo ist der Reformer?«

«Wir wissen es nicht. Zuerst bekam er Streit mit dem Militär. Sie haben ihn verhaftet und nach Muzo mitgenommen. Dort hat man ihn nach zwei Monaten wieder laufen lassen. Zuletzt hat man ihn in Penasblancas gesehen, bei Mercedes Ordaz. Dann war er plötzlich weg. Aber er ist nie nach Bogota gekommen, das wissen wir.«

«Warum erzählst du mir das, Margarita?«

«Es ist gefährlich, sich um uns zu kümmern, Doctor.«

«Ich bin kein Gründer einer Guaquero-Gewerkschaft. Ich bin Arzt.«

«Du willst etwas verändern, das genügt.«

«Ich will helfen!«

«Aber ich habe Angst um dich. «Dr. Mohr fühlte, wie sich ihre Hand ganz leicht auf seine Schulter legte. Sein Atem wurde schwer. Er preßte die Lippen aufeinander und unterdrückte das Verlangen, nach ihrer Hand zu greifen.