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«Bis jetzt sieht alles friedlicher aus, als ich geglaubt hatte.«

«Du bist noch keinen ganzen Tag bei uns. Noch hast du nichts gesehen. Hier gibt es keinen Tag ohne Schlägerei, ohne Messerstecherei, ohne einen Toten. Man spricht nicht einmal mehr darüber. Das gehört hier zu unserem täglichen Leben.«

Sie schwieg abrupt. Durch die Dunkelheit drang der Klang eines harten Schrittes zu ihnen. Jemand in schweren Stiefeln näherte sich der Höhle über den Felsboden. Margaritas Hand zuckte zurück, der Druck ihrer Finger, der einzige zage Ausdruck ihrer Zärtlichkeit, verschwand. Dr. Mohr drehte sich herum. Margarita lief ins Haus. Aus einer Felsspalte, die eine enge Gasse sein mußte, erschien ein Mann mit einem gewaltigen Schlapphut. Er stützte sich auf sein langläufiges Gewehr wie auf einen Spazierstock und ließ den Kolben bei jedem Schritt auf die Erde donnern. Erst im Umkreis des Feuers schien er sich wohler zu fühlen. Sein Gang, vorher etwas unsicher, wurde forscher und schneller. Vor Dr. Mohr blieb er stehen, musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen und setzte sich dann neben ihn an das Feuer. Das Gewehr klemmte er zwischen seine Beine.

«Ich bin Pepe Garcia«, sagte er.

«Der Nachbar aus dem Stollen oben. So etwas Ähnliches habe ich mir gedacht.«

«Du bist also der Doctor.«

«Ja, das bin ich.«

«Morgen wird es noch still sein. «Pepe holte aus seiner Tasche ein Kästchen mit Tabak und drehte sich aus altem Zeitungspapier eine Zigarette.»Du auch?«fragte er.

«Natürlich.«

Pepe drehte die zweite Zigarette und blickte Dr. Mohr über das Röllchen hinweg an.»Soll ich sie auch belecken?«

«Warum nicht?«

«Sie sagen alle, ich hätte Spucke wie Leim. Bei mir geht keine Zigarette auf. «Er beleckte die Papierenden, drückte die Naht zusammen und reichte Dr. Mohr die fertige Zigarette.

«Aus bestem Papier. Abgelagerte Zeitung. Die frischen schmecken zu sehr nach Druckerschwärze. «Garcia nahm einen glühenden Ast aus dem Feuer, hielt ihn Dr. Mohr hin, und sie steckten sich ihre Zigaretten an. Es war ein höllisches Kraut. Der erste Zug verätzte fast die Luftröhre. Dr. Mohr holte tief Luft und empfand die warme Nachtluft wie einen eisigen Hauch.

«Adolfo hat dir gesagt, daß ich bald blind bin?«fragte Pepe Garcia.

«Das wundert mich nicht. Wer solch einen Tabak raucht. Das schlägt sich selbst auf die Sehnerven nieder.«

«Kleiner Witz, was?«Pepe lächelte säuerlich. Wie alle, die Mohr bisher gesehen hatte in dieser Gegend, war auch Garcia das Opfer der grünen Steine. Der Berg, der Stollen, die Knochenarbeit unter Tage, der Luftmangel in der Grube hatten ihn zu einem ledernen Menschen gemacht. Wer jung hierher kam, hatte noch Chancen, nach einigen glücklichen Funden wieder in die Stadt zurückzukehren. Die alten Guaqueros dagegen mumifizierten bei lebendigem Leib.

«Ich darf nicht blind werden.«

«Das sagt sich so leicht, Pepe.«

«Ich muß noch ein Jahr sehen können, Doctor. In einem Jahr bin ich am Ziel. Smaragde, so groß wie eine Kinderfaust. «Er zeigte mit dem Gewehr aufden hohen, dunklen Felsen, der sich vor ihnen erhob. Eine Steilwand, an vielen Stellen angebohrt und aufgeschlitzt.»Da sind sie drin, Doctor. Glauben will es keiner, aber ich finde sie!«

«Das gleiche sagen Zapiga und Pebas.«

«Auch die beiden haben das komische Gefühl. Wir sind Freunde und bringen uns nicht gleich um. Das ist unser Berg! Wir werden ihn verteidigen. Dafür brauche ich meine Augen.«

«Bis jetzt wollte euch der Berg doch keiner wegnehmen.«

«Das ändert sich schnell, Doctor. Der erste größere Fund, und wir werden belagert und sturmreif geschossen. Da gibt es kein Halten mehr. Von allen Seiten werden sie kommen. Hat dir Adolfo nichts von Juanito erzählt? Nein? Das war ein junger Bursche, zart wie ein Mädchen. Keiner nahm ihn ernst. Wenn er eine Stunde im Stollen war, kroch er wieder heraus, legte sich wie ein geplatzter Frosch in den Schatten und mußte zwei Stunden Luft tanken. So kann man keinen Reichtum aus dem Berg holen. Aber sie haben ihn gelassen, weil er so jung und dämlich war. Er grub in einem alten Seitenstollen der staatlichen Miene. Ein zusammenfallendes Loch, das selbst die Geologen aufgegeben hatten. Hier wächst kein Grüner, das wußten alle. Aber Juanito bohrte weiter. Eines Nachts war er weg. Hatte alles liegen gelassen. Sein Werkzeug, seinen Kleidersack, seine Holzbude. Sogar seinen geliebten Hund hatte er nicht mitgenommen. Er lag jaulend und angebunden vor der Hütte. Ha, das hättest du sehen sollen! Da wurde Alarm gegeben. Wenn einer so abhaut, konnte das nur eins bedeuten: Er hat seine Grüne Sonne gefunden. Ausgerechnet Juanito! Was dann begann, war eine Jagd, gegen die eine Hetze von einem Jaguar fast ein Vergnügen ist. Juanito liefnur nachts. Tagsüber versteckte er sich oben in den riesigen Bäumen oder in flachen Höhlen, benutzte keinen öffentlichen Weg, sondern wan-derte quer durchs Land, durch Felsschluchten und an Berghängen entlang, schlug Haken von Kilometerlänge und wartete einen Monat lang in einem einsamen Tal mit einer Quelle. Sie werden mich vergessen, dachte er. Aber vergißt man einen Jungen, der einen großen Grünen aus dem Berg geholt hat? Nach über zwei Monaten tauchte Juanito, unkenntlich durch einen Bart, in Penasblancas auf, um weiter nach Bogota zu ziehen. Eine Nacht wohnte er bei >Mama<, leistete sich eines von >Mamas< Mädchen und bezahlte mit einem kleinen Smaragd. Wie immer Vorkasse. Da ist >Mama< vorsichtig. Aber dieser Smaragd! Solch eine Farbe, so etwas von Reinheit. >Mama< geriet ganz aus dem Häuschen. Und sie dachte richtig: Wo einer von dieser Sorte ist, liegen auch noch andere. Juanito bekam das schönste Mädchen, und das größte Aas dazu! Das Unglück der meisten von uns ist: Wir zerbrechen an zwei Dingen, dem Berg und den Weibern! — Gegen Morgen kapitulierte Juanito vor so viel unersättlichem Temperament und schlief erschöpft ein. >Mama< untersuchte ihn. Sie entdeckte ein Beutelchen mit weiteren herrlichen Steinchen, aber nicht die großen Grünen. Dafür fand sie eine Notiz: >Ca. 22 k.< Nur diese drei Worte, aber sie ließen alle Glocken läuten. Juanito mußte irgendwo einen Stein haben, der geschliffen 22 Karat brachte. Je nachdem, wer ihn aufkauft, bedeutete das einige Millionen Pesos! Juanito brauchte nie mehr zu arbeiten! >Mama< ließ ihn beobachten, aber sie war nicht schnell genug.«

Pepe warf seinen Zigarettenstummel in das Feuer und spuckte in hohem Bogen hinterher.

«Juanito wurde umgebracht«, sagte Dr. Mohr langsam.

«Hätte man das nur getan! Nein, er wurde geschlachtet. Verstehst du, was ich meine, Doctor? Menschen, schlimmer als Raubtiere, erwischten Juanito auf dem Weg nach Muzo, wo er anscheinend unter militärischem Schutz nach Bogota wollte. Sie spannten ihn, wie eine Tierhaut zum Trocknen, zwischen zwei Bäumen auf und >frag-ten< ihn. Er muß lange und tapfer geschwiegen haben. Der Bataillonsarzt in Muzo zählte 32 Messerstiche, über den ganzen Körper verteilt, die letzten mit einer glühend gemachten Klinge. Außerdem aufgeschlitzte Arm- und Brustmuskeln, Kastration. Willst du noch mehr hören, Doctor?«

«Nein!«sagte Mohr leise. Seine Stimme war heiser.

«Er starb durch einen Stich in die Kehle. Als sei er ein Schwein. Aber vorher muß er gesprochen haben. Vier Tage später reisten zehn

Burschen und Christus Revaila nach Bogota. Die Jungs mauerten ihn förmlich ein! Warum wohl?«Pepe wedelte mit der Hand.»Ich will nichts angedeutet haben! Beweisen kann man überhaupt nichts. Und von Juanito spricht auch keiner mehr.«

«Dann müßte jetzt Don Alfonso Camargo Besitzer des großen Steines sein.«

«Sprich es nie laut aus, Doctor. «Pepe Garcia lehnte sich zurück, hielt sein Gesicht hoch, stützte sich auf die Arme und riß die Augen auf.»Sieh dir das an, Doctor. Muß ich blind werden?«