«Ich bin kein Augenarzt, Pepe. Aber wenn der Sehnerv beschädigt ist.«
«Kann man das operieren?«
«Kaum.«
«Wenn ich den großen Fund mache, will ich noch etwas von der Welt sehen. Doctor, ich möchte, bevor ich für immer unter der Erde liege, noch einmal eine Frau im Arm halten. Ich habe mein halbes Leben im Berg gelebt. Dieser Berg war meine einzige Geliebte. Ihr Ärzte seid doch so klug! Ihr könnt sogar Herzen verpflanzen! Was ist da schon ein Auge?!«
«Ein Nerv, Pepe! Es ist noch keinem gelungen, einen kranken Sehnerv auszuwechseln. Man wird auch Gehirne nie austauschen können. Ein Herz ist dagegen kein Problem, technisch gesehen. Es ist ein pumpender Muskel, weiter nichts.«
«Weiter nichts! Aber mein Sehnerv.«
«Das ist das Feinste und Faszinierendste, was der Mensch in sich trägt.«
«Ha! Macht mich das stolz!«sagte Pepe sarkastisch.»Wenn ich blind bin, kann ich allen sagen: Mein Sehnerv war so zart und fein, der machte die Hölle von Penasblancas nicht mehr mit!«Pepe kehrte in seine normale Sitzhaltung zurück und spuckte wieder in das Feuer. Dann griff er in die Tasche und drehte sich erneut eine seiner menschenzerfressenden Zigaretten.»Du willst hier bleiben, Doc-tor?«
«Ja, Pepe.«
«Und auch blind werden?«
«Ich werde nicht im Stollen schürfen.«
«Du wirst! Jeder, der hier lebt, wird von der Sucht nach grünen Steinen gepackt. Soll ich dir sagen, wie es mit dir weitergehen wird? Am Tage wirst du Arzt sein und allen, die zu dir kommen, helfen. In der Nacht liegst du mit deinem Scheinwerfer im Berg und kratzt dich durch die Steinschichten. Und dann findest du deinen ersten Stein! Diese Freude! Du wirst ihn im Licht drehen und mehr empfinden als in den Armen der schönsten Frau. Von diesem Augenblick an bist du verloren! Du kannst nicht mehr zurück. Der Stein hat dich verzaubert, verwandelt, du bist nicht mehr der vom vergangenen Tag! Von dem Arzt in dir wird man immer weniger sehen, von dem Guaquero um so mehr hören. Solange du noch eine Hacke halten kannst, wirst du sie niedersausen lassen. Irgendwo da drinnen im Berg liegt das Paradies.«
«Ich brauche kein Geld, Pepe. Das ist der Unterschied zwischen mir und euch.«
«Geld!«Garcia lachte rauh.»Natürlich spielt bei dir das Geld keine Rolle, aber um so schlimmer wird es sein. Du wirst geil werden auf die grünen Steine. Es ist eine furchtbare Geilheit, Doctor. Und du wirst jeden hassen, der mehr grüne Steine aus dem Berg holt als du! So ist das. Geh lieber zurück nach Bogota.«
«Aha! Endlich haben wir es. «Dr. Mohr stand vom Feuer auf.»Warum wollt ihr mich alle weghaben? Jeder redet nur davon, daß ich gehen soll! Dabei bin ich noch gar nicht richtig da! Wovor habt ihr Angst?!«
Pepe Garcia räusperte sich. Er stützte sich auf sein Gewehr und stand auf.»Wir wollen nicht, daß sich Christus Revaila mehr um uns kümmert als bisher.«
«Revaila also!«
«Adolfo hat dir einiges verschwiegen, Doctor. Wir wissen hier bereits, was du mit Revaila getan hast. Der Nachrichtendienst funktioniert so gut wie unsere Revolver. Für Revaila bist du jetzt der Mann, der zu viel auf der Welt ist, und keiner hier wird dir helfen, wenn
Revaila kommt, um dieses Konto auszugleichen. Auch diejenigen, denen du vorher als Arzt geholfen hast, werden dir nicht beistehen.«
«Vor einem einzigen Mann liegt ihr alle ängstlich zitternd auf der Erde? Pepe, ich schäme mich jetzt schon für euch.«
«Das sind große Reden, Doctor. Du merkst es noch nicht, aber du wirst es bald spüren: Du sitzt in einem Käfig und bist ein Tier, das man anstaunt, weil es so zahm ist…«
Kapitel 4
Adolfo Pebas hatte keine guten Nachrichten, als er zurückkam. Dr. Mohr war noch auf dem Vorplatz des Höhlenhauses und maß mit langen Schritten ein Stück ebenen Bodens aus, der wie ein Plateau bis zu dem Wald reichte, welcher einen leichten Abwärtshang bedeckte. Dort unten irgendwo wohnten die zwölf Zapigas.
Pebas wartete wortlos, bis Mohr ihn sah und seine Meßschritte unterbrach.
«Das ist ein guter Platz, Adolfo«, sagte er.»Geschützt, eben, man könnte den Weg bis dahin verlängern.«
«Wozu?«
«Ich werde dort die erste >Guaqueros-Klinik< einrichten. Zuerst aus Zelten, später werdet ihr mir alle helfen, aus Steinen und Holz richtige Häuser zu bauen. Baumaterial gibt es hier genug.«
«War Margarita bei dir?«fragte Pebas dunkel.
«Ja.«
Pebas nickte. Er lügt nicht, dachte er. Ich hätte es ihm nie beweisen können, ich ahnte es nur, aber er sagt die Wahrheit.
«Was wollte sie?«
«Mich überreden, zurück nach Bogota zu fahren.«
«Und weiter?«
«Pepe Garcia war auch hier.«
«Und was wollte der?«
«Zwei neue Sehnerven, und daß ich sofort nach Bogota zurückfahre. Darin sind sich anscheinend alle einig: Ich bringe mehr Ärger als Nutzen.«
«Das stimmt. Ich habe es eben gehört. Als ich mit Christus Re-vaila gesprochen habe.«
«Ist er wieder wohlauf?«
«Ich habe ihm deine Liste durchgegeben. Daraufhin hat er gelacht und gebrüllt: Ich schreibe sie auf einen Plastiksack, damit ich sie jeden Tag vollscheißen kann! Von dir habe ich ihm bestellt: Wenn er die Liste nicht weitergibt nach Bogota, würdest du selbst einen Weg finden, Don Alfonso anzurufen. Da brüllte er noch mehr und schrie ins Mikrofon: Sag deinem Medico, die Liste geht nach Bogota! Aber sag ihm auch, daß er nichts von dem mehr braucht! Ich liefere die Sendung selbst bei ihm ab! Tropenfest in Blei verpackt!«
«Ein Schwätzer!«Dr. Mohr schlug die Hände zusammen.»Wenn Don Alfonso hält, was er mir versprochen hat, könnten alle Gegenstände in 10–14 Tagen hier sein. Bis dahin sollten wir vier Hütten gebaut haben, Adolfo: ein Behandlungshaus, ein Bettenhaus — wie vornehm das klingt, was? — und ein Haus für ansteckende Krankheiten: die Isolierstation.«
«Mit fließend kalt und warm Wasser, Radio, Fernsehen, Telefon, Zimmerbar und für die I. Klasse-Patienten eine indianische, immer bereite Krankenschwester, die Nachtdienst mit Anfassen macht.«
«Es genügt, wenn jedes Haus einige Kübel mit einem Brett und einem Deckel bekommt. Außerdem mauern wir einen Verbrennungsplatz.«
«Mit wieviel Toten rechnen Sie täglich, Senor?«Pebas' Stimme war mit Spott beladen.»Don Pedro, wollen Sie auch einen Begräbnischor gründen?«
«Das wird Pater Cristobal übernehmen, wenn er wirklich eintrifft. Ein Kirchenchor ist seine größte Wonne. Er ist ein sehr musikalischer Mensch. «Dr. Mohr legte den Arm um Pebas' Schulter.»Adol-fo, ihr habt alle verlernt, euch zu freuen.«
«Du hast noch nicht gelernt, dich zu fürchten und zu hassen.«
«Fürchten muß ein schreckliches Gefühl sein.«
«Du hast noch nie Angst gehabt, Doctor?«
«Was ist Angst?«Dr. Mohr lehnte sich an die dicken Holzpfosten der Veranda. Das Feuer brannte herunter. An einem Balken über dem Höhleneingang hing eine schwache Petroleumlampe und blakte.»Ein Gefühl ungeheurer Anspannung hatte ich zum erstenmal, als ich noch Assistenzarzt war und während eines Nachtdienstes in Hamburg eine junge Frau mit Lungenembolie auf den Tisch bekam. Kein Oberarzt war zu erreichen, kein Chef. Die Entscheidung lag ganz allein bei mir. Ich traf einen blitzschnellen Entschluß, machte auf — und verlor den Wettlauf. Mein Gegner im Blut war schneller. Aber war das damals Angst? Angst vor dem Embolus? Angst vor der selten glückenden Embolektomie? Nein! — Ein anderes Beispiel. Aufder Autobahn bei Frankfurt. Weißt du, was eine Autobahn ist?«
«Nein, Doctor.«
«Eine für den Autofahrer segensreiche Einrichtung, mittels vieroder sechsspuriger breiter Betonstraßen den Massenverkehr zu regulieren. Aber auch ein Schlachtfeld verhinderter Massenmörder, Austobeplatz für unterdrückte Aggressionen, Laufsteg maßloser Eitelkeiten und Standesdünkel, vor allem aber eine probate Einrichtung, einen Bevölkerungsüberschuß abzubauen und zu bremsen. Auf den deutschen Autobahnen gibt es an guten Wochenenden mehr Tote als bei euch in einem Monat, obwohl ihr alle potentielle Mörder seid.«