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«Wieso Deutschland?«fragte Pebas lauernd. Dr. Mohr begrifferst jetzt, welchen Fehler er gemacht hatte.

«Ich habe in Deutschland studiert«, sagte er leichthin. Es klang glaubhaft.»Später war ich noch ein halbes Jahr als Assistent in Hamburg. Dann rief mich das Gesundheitsministerium nach Bogota zurück. Es hatte mein Studium ja bezahlt und brauchte die Ärzte im eigenen Land.«

«Auf der Autobahn hast du Angst bekommen?«

«Ich weiß nicht, ob es Angst war. Vor mir schleuderte ein Wagen, raste gegen die Leitplanke und zerbarst zu einem Haufen von Eisen und buntem Blech. Hinter mir bremste ein anderes Auto, das dieses Unglück sah, schleuderte ebenfalls und krachte auf der anderen Seite gegen einen Felsen. Inmitten dieses Chaos stand ich, ohne einen Kratzer, und wartete, das jede Sekunde ein dritter Wagen von hinten in mich hineinbrauste. Es war ein Augenblick wie in einem luftleeren Raum. Du bist schon nicht mehr am Leben, dachte ich damals. Du bist tot! Es hat dich erwischt, und du hast es überhaupt nicht gemerkt. Dann hörte ich das Schreien der Verletzten und wußte: Du lebst ja!«Dr. Mohr blickte hinüber in das niedergebrannte Feuer. Die Asche glühte blaßrot.

«Angst habe ich nie gehabt«, sagte er nachdenklich.»Immer eigentlich nur das Gefühl des Unausweichbaren. Und das erzeugt bei mir einen Impuls, den man etwa so bezeichnen kann: Da mußt du durch! Kopf einziehen und los.«

«Wir aber haben Angst vor Christus Revaila, Doctor.«

«Die nehme ich euch! Ich sehe jetzt schon, daß bei euch Skalpell und Pillen nicht genügen.«

«Was ist Skalpell?«

«Ein Messer.«

«Das ist gut!«Pebas grinste breit.»Wenn du mit einem Messer umgehen kannst, hast du schon eine gute Ausgangsposition.«

Der nächste Tag verlief ungewöhnlich still.

In der kurzen Nacht hatte Mohr nicht geschlafen. Tausend fremde Geräusche hielten ihn wach, ein Knarren, Schaben, Brummen, Kratzen, Ächzen. Man gewann den Eindruck, als sei der Berg ein riesiges Lebewesen, dessen aufgerissener und durchwühlter Leib in der Nacht alle Klagen eines Gequälten wiedergab. Einmal glaubte Mohr, draußen Schritte zu hören. Er setzte sich auf, umklammerte seinen Revolver und starrte auf den Eingang. Aus einer Seitenkammer ertönte ab und zu das Schnarchen von Adolfo Pebas. Er röhrte laut, schien dann von Maria Dolores angestoßen zu werden und verfiel wieder in ein pfeifendes Atmen.

Irgendwo da hinten schlief auch Margarita. Oder sie war ebenfalls wach und blickte in die Richtung, in der der Doctor schlief. Zwischen ihr und ihm lagen bestimmt wie eine unüberwindbare Mauer die Eltern.

Als es dämmerte, verließ Dr. Mohr die Höhle. Die frische Bergluft in dieser Höhe war köstlich, aber dann blickte er den Berg hinauf und sah die Eingänge der Stollen, die Hügel der herausgewühlten Steine, die vergebliche Arbeit von Monaten und Jahren. Das mußte eine Hölle sein, aber alle Teufeleien wurden für ein paar grüne Steine auf sich genommen.

Dr. Mohr wusch sich an einem Wassertrog, zu dem eine offene hölzerne Wasserleitung führte, die sich nach einigen Windungen in den Felsen verlor. Sie leitete klares, kaltes, wundervoll reines Wasser heran, das den Trog füllte und dann in verschiedenen Leitungen zu den Gärten lief, die Pebas angelegt hatte. Wenn sie auch sonst fast nichts hatten, verdursten brauchten sie hier nicht.

Dr. Mohr hängte das Hemd über seine nackte Schulter und ging weiter in die Felsen hinein. Jetzt, am Tage, sah alles ganz anders aus. Urwald, in Jahrhunderten verfilzt, machte die Schluchten als Wege fast unpassierbar. Hier kam nur weiter, wer sich mit einem Buschmesser den Weg selbst bahnte, oder den Wald so genau kannte, daß er wie eine Maus durch die kleinsten Pfade und Lücken schlüpfte.

Diese Unübersichtlichkeit der Landschaft war die Rettung der Gua-queros in all den Jahren gewesen: Wenn Militär- oder Polizeipatrouillen auftauchten, verschwanden die Gejagten in den grünen Schluchten. Kein Soldat wagte es, in die unbekannten Wälder hineinzutauchen, seitdem vor einem halben Jahr eine halbe Kompanie, die ausgeschwärmt ein Tal durchkämmen wollte, nie mehr wieder zum Vorschein kam. Nicht einen einzigen Mann sah man jemals wieder! Ein Bataillon, das die Verschwundenen suchen sollte, kam nie zum Einsatz. Lediglich drei Hubschrauber überflogen die Schlucht und warfen Bomben in das grüne Gewoge. Nicht einmal das zeigte große Wirkung. Der Wald schlug über den Wunden sofort zusammen, verband sich selbst, behielt sein blutiges Geheimnis. Seitdem nannten die Guaqueros die Urwaldschluchten >Unse-ren Mutterschoß<.

Dr. Mohr setzte seinen Erkundungsgang fort.

Nach etwa fünfzig Metern Weg verbreiterte sich der Felseinschnitt. Vier große Hütten, an einen Hang gelehnt, von einem Steinwall wie eine Festung umgeben, lagen in der messingfarbenen Morgensonne. Dr. Mohr zögerte, dann ging er weiter, stand vor dem Wall und suchte einen Eingang. Eine Stimme, irgendwoher aus den vielen aufgeschichteten Steinen kommend, sagte laut:

«Du kannst nur der verrückte Medico sein! Ein anderer läuft nicht als lebende Zielscheibe herum.«

«Das beweist, daß ich als Freund zu euch komme. «Dr. Mohr blickte sich um. Woher die Stimme kam, konnte er nicht feststellen.

«Hier gibt es keine Freunde.«

«Dann fange ich an. Ich bin der erste.«

«Hier gibt es keine Kranken.«

«Das bezweifle ich. Was ich allein schon bei der Familie Zapiga gesehen habe.«

«Hier leben keine Weiber und keine Kinder. Hier ist ein MännerCamp! Wir helfen uns selbst.«

«Gegen Tb bedeutet Selbsthilfe, als wollten Sie einen Jaguar rasieren. Und Scorbut? Bei wie vielen von euch wackeln die Zähne? Ihr alle leidet an Eiweißmangel.«

«Wo keine Weiber sind, brauchen wir auch kein Eiweiß! Wandern Sie weiter, Prediger! Wir brauchen Sie hier nicht.«

«Aber ich brauche euch!«Dr. Mohr lehnte sich gegen den Steinwall. Der unsichtbare Sprecher schien ihn zu mustern und zu überlegen, was man mit einem solch hartnäckigen Burschen machen sollte.»Ich will ein Krankenhaus bauen.«

«Idiot!«

«Für euch! Ein Krankenhaus für die Guaqueros!«

«Dann halten Sie mal ein paar hundert Betten frei für Schuß- und

Stichverletzungen.«

«Nur die schwersten Fälle werden stationär aufgenommen.«

«Selbstverständlich, Herr Chefarzt. «Der unsichtbare Mann gluckste. Er lachte in sich hinein. Wer lacht, kann nicht schießen, dachte Mohr zufrieden.»Nehmen Sie auch einen Dauerfurzer auf?«

«Auch chronische Flatulenz kann behandelt werden«, sagte Dr. Mohr ernst.»Es gibt da drei Arten: den nervösen Wind, den organisch bedingten Wind und den nahrungsbedingten Wind.«

«Ich werd' verrückt!«

«Von Flatulenz nicht. «Dr. Mohr hob resignierend die Schultern.»Da Sie sich nicht zeigen, Nachbar — wir sind nämlich jetzt Nachbarn —, muß ich meine Bitte in den Wind sprechen. Das scheint ja ihr Revier zu sein. Ich brauche ab sofort eine Gruppe kräftiger Männer zum Holzfällen, Brettersägen, Steinschleppen, Mauern und Zimmern. In etwa zwölf Tagen kommt die Einrichtung des Krankenhauses aus Bogota. Bis dahin müssen wir wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. Sagen Sie es auch den anderen, die Sie kennen: Ich brauche jeden! Es ist ja nicht für mich — es ist nur für euch alle! Und versucht nicht, darüber nachzudenken. Das führt zu nichts. Ihr sollt nicht denken, sondern sollt freiwillig arbeiten. Dann kann z.B. auch ihr Dauerfurzer geheilt werden.«

«War doch nur ein Scherz, Senor Medico.«

«Es gibt ernsthaftere Miseren, bei denen man einen Arzt braucht. Besprecht es unter euch. Ich warte ab morgen. Und jeder, der hilft, bekommt sofort eine Spritze mit Vitaminen.«

«Gehen Sie weiter, Sie Spinner!«schrie der unsichtbare Mann.»Jagen Sie sich Ihre Ampullen allein in den Hintern. Ich helfe Ihnen dabei, wenn nötig, und schieße Ihnen ein paar Dauerlöcher hinein. Mit einem Arschloch sind Sie ja nicht zufrieden!«