«Hier stinkt es gewaltig!«sagte der Mann plötzlich laut.»O verdammt, es stinkt nach Weihrauch. Meine Nase brennt direkt. Wer kann das aushalten? Ich muß gleich kotzen.«
«Loulou, bring einen Eimer!«rief Pater Cristobal besorgt. Er übersah das entsetzte Gesicht von Loulou, die sich nicht rührte, sondern langsam nach hinten wich.»Welch eine Unvernunft! Kranke, alte und schwächliche Männer sollten nicht in Bars sitzen! Wie kann jemand Whisky vertragen, wenn ihn schon Weihrauch in die Hose machen läßt?«
«Wer ist hier krank?«fragte der Mann und zog das Kinn an. Er war ein bulliger Kerl, mit einem Gesicht voller Narben und Flecken und einer dicken, roten Nase, die wie eine Kaktee aussah.»Mein Geruchssinn ist nur beleidigt.«
«Dann stink nicht so!«sagte Cristobal ruhig.
«Aha!«Der Mann griff nach dem Glas des Paters und schüttete den Whisky über dessen Hose. Dann warf er das Glas an die Wand und lachte rauh.»Das duftet endlich nach Männern!«Um ihn herum glucksten die anderen Gäste vor Freude und Erwartung.
«Es ist schade, daß der Doctor in die Berge gezogen ist«, sagte Pater Cristobal sanft.»Wer wird jetzt dem guten Mann den Kopf flicken?«Blitzschnell griff er zu, riß eine Flasche an sich und schlug sie dem Mann über den Schädel. Das Glas splitterte, der Mann schwankte vom Hocker, stierte mit glasigen Augen um sich und spürte, wie aus einer Rißwunde Blut über sein Gesicht lief. Ein paar Frauen kreischten. Es sah ärger aus, als es war, aber Kopfwunden bluten nun einmal besonders stark.
Der Mann stieß einen dumpfen Laut aus, riß ein langes Messer aus dem Hosenbund und duckte sich. Mit flimmernden Augen starrte er den Priester an. Pater Cristobal saß auf seinem Hocker und winkte mit dem leeren Glas zu Loulou.
«Noch einen! Auf Rechnung dieses Caballeros.«
Loulou rührte sich nicht. Sie hatte längst unter der Theke den Alarmknopf gedrückt: >Mama<, bitte kommen. Hilfe! Verzweifelt und verwundert zugleich blickte sie zu Miguel, der sonst wortlos eingriff und mit seinen riesigen Händen Ordnung schaffte. Aber Miguel blieb an der Tür stehen und kratzte sich nur den Nasenrücken. Es war offensichtlich: Er dachte nach.
Der Mann mit dem blutenden Kopf stürzte plötzlich vor und stieß das Messer gegen Pater Cristobal. Aber er kam nicht nahe genug an ihn heran. Der Priester hob sein rechtes Bein, zog es etwas an und schnellte dann vor. Ein gewaltiger Tritt traf den Anstürmenden, stoppte ihn und warf ihn dann weit zurück. Er krachte gegen einen Tisch, krümmte sich und begann zu spucken. Drei Männer hielten ihn fest, entwanden ihm das Messer und schleiften ihn durch einen Hinterausgang hinaus.
«Wo bleibt mein Whisky?«sagte Cristobal in die gefährliche Stille hinein.»Bezahle ich nicht mit ehrlichen Pesos?! Wer will, kann sogar ein Heiligenbildchen extra haben.«
Durch die Tür die in ihr Büro führte, kam Mercedes Ordaz, als sei jetzt ihr Stichwort gefallen. Sie wirkte sehr elegant und gepflegt in einem altspanischen Kleid, das ihre üppige Figur eng umschloß. Um die Schulter trug sie einen mit Goldfäden durchwirkten Schal aus schwarzer Spitze.
«Mußte das sein?«fragte sie und setzte sich neben Pater Cristobal auf einen Barhocker.»Warum muß die Kirche immer aktiv eingreifen, wo sie nichts zu suchen hat?«
«Ihn störte mein Weihrauch, Töchterchen des Herrn.«
«Wer redet von dem Idioten? Sie haben vorhin mit Perdita gesprochen. Die Kleine ist völlig durcheinander. Sie weint und weigert sich, heute abend ihren Dienst anzutreten.«
«Das ist gut!«
«Solange Sie im Lokal sind, sagt sie.«
«Ich habe einen unbändigen Durst. Ich bleibe. Außerdem wohne ich hier. Die Idee, mich hier einzuquartieren, kam von Ihnen, Senora. Werfen Sie mir nichts vor. Ich hatte Sie gewarnt! Wer einen Priester ins Haus nimmt, muß mit heiligen Gesängen rechnen.«
«Perdita ist mein bestes Pferdchen.«
«Das glaube ich Ihnen sofort. Aber sie hat eine bessere Zukunft, wenn sie von Ihnen weggeht.«
«Was will sie denn? Sie hat keine Schule besucht, sie kann nichts, sie weiß nichts, sie ist nur schön.«
«Sie wird schreiben und lesen lernen.«
«Ha! Wo denn? In Penasblancas? Hier gibt es eine Schule, gewiß, aber keinen Lehrer. Die beiden, die hier einmal unterrichteten, sind längst in den Bergen und schürfen nach Smaragden.«
«Perdita wird die Schule der >Barmherzigen Mutter von Muzo< besuchen.«
«Welche Schule?«Mercedes Ordaz winkte. Loulou brachte eine Karaffe Rotwein und ein großes geschliffenes Glas.»In Muzo?«
«Das ist nur der Name. Die Schule befindet sich in den Bergen.«
«Ich staune.«
«Neben dem Krankenhaus der Guaqueros.«
«Verrückt! Pater, Sie und Ihr Freund sind die erbarmungswürdigsten Idioten unserer Breiten. Sie wollen hier eine Schule gründen?«
«Und eine Kirche mit einem Gemeindezentrum. Außerdem einen richtigen Friedhof.«»Letzteres wird das einzige sein, das sich lohnt und rentabel ist!«sagte >Mama< sarkastisch.»Alles andere können Sie sich sparen, Pater. «Sie goß sich ein Glas Wein ein und nahm einen kräftigen Schluck.»Wann gehen Sie weg?«
«Nie! Ich bleibe hier.«
«In die Berge.«
«Wenn ich Perdita mitnehmen kann.«
«Also nie!«>Mama< beugte sich zu Pater Cristobal hinüber. Ihre Augen waren hart. Das einstmals schöne Gesicht wurde zur Maske. Das ist sie wirklich, dachte Cristobal ruhig. Jetzt spielt sie keine billige Rolle mehr.»Ich werde um Perdita kämpfen. Sie gehört mir!«
«Wir wollen uns nicht über Eigentumsverhältnisse streiten. Senora Mercedes Ordaz, und wenn Sie noch so laut und falsch in der Kirche singen, niederknien und die Hostie schlucken, ich gebe keine Ruhe, bis Ihr Sauladen entweder geschlossen ist oder ein anständiges Lokal wird!«
«Sie wollen Krieg, Pater?«
«Ich will Ordnung in der Welt.«
«Und da fangen Sie ausgerechnet bei mir an?«
«Sie sind ein Sumpfloch, >Mama<, aus dem die Pest quillt. Es muß zuallererst trockengelegt werden.«
«Sie haben keine Angst?«
«Nein.«
«Natürlich nicht. Sie wissen, daß Sie in den Himmel kommen.«
«So ist es, Töchterchen.«
«Feinde nehmen auch keine Rücksicht auf Ihre Soutane.«
«Warum reden wir herum, >Mama<? Sie werden den Auftrag erteilen, mich umzubringen. Aber das wird schwer sein. Ich habe bereits viele Freunde in Penasblancas.«
Er schwieg. Die Tür flog auf. Polizeileutnant Felipe Salto und seine drei Polizisten stürmten in die Bar und besetzten den Ausgang.»Alles an die Wand!«brüllte er.»Die Rücken zu mir! Hände hoch über den Kopf. Wer bis >Drei< nicht an der Wand steht, braucht sich morgen nicht mehr die Augen zu waschen!«
Die Gäste der Bar rannten an die Wände und stellten sich wie gewünscht auf. Nur Cristobal blieb sitzen und >Mama< natürlich auch.
«Noch so einer der neuen Spinner!«sagte sie und holte aus ihrer Kleidertasche eine dicke schwarze Zigarre heraus. Sie biß die Spitze ab und spuckte sie ins Lokal.»Haben Sie Feuer, Pater?«
«Aber ja. «Cristobal riß ein Streichholz ab und zündete die Zigarre an. Mercedes Ordaz stieß ein zufriedenes, sattes Grunzen aus.
«Ich weiß nicht, warum die jungen Männer so dämlich sind«, sagte sie nach dem ersten Zug.»Kommen hierher, um alles umzuändern, und liegen dann unter der Erde. Was haben sie davon? Auch der Leutnant wird auf diese Art nicht alt werden.«
«Hier soll eine Schlägerei sein!«schrie Felipe Salto.»Pater, wo ist der Kerl? Sind Sie verletzt?«