Welche Qual. Und welche Hoffnung in diesem täglichen Todesgraben: Einmal kommst du an die große grüne Ader. Einmal liegst du da im Berg, die Taschenlampe um die Stirn geschnallt, und blickst verzückt auf das grüne Schimmern. Die Millionen gehören dir, du brauchst sie nur noch herauszubrechen und nach Bogota zu bringen. Über die Todesstraße. Vorbei an den Augen von >Mama< und Christus Revaila. Ist das alles geschafft, hast du ein Recht darauf, den Rest deines Lebens nichts mehr zu tun, sondern deinen Reichtum zu genießen.
Margarita brachte das Essen. Maria Dolores hatte einen großen Kessel mit Bohnensuppe gekocht und sogar ein Huhn geopfert. Mit allen möglichen Gefäßen zogen die wilden Burschen aus der >Burg< an dem Kessel vorbei und bekamen eine große Kelle voll Suppe und Fleischstückchen. Dann hockten sie sich auf den >Bauplatz<, schlürften das Essen und bissen in das mitgebrachte Brot. Der Mann mit dem Vollbart kam wieder zu Dr. Mohr, ein Brot in der Hand.
«Wollen Sie eins haben«, fragte er.»Selbstgebacken. Wir haben einen guten Bäcker in der >Burg<. Überhaupt haben wir aus fast allen Berufen einen unter uns. Sogar einen Rechtsanwalt. Und der bin ich.«
«Sie sind Anwalt«, Dr. Mohr nahm das Brot und roch daran. Es war frisch und duftete köstlich.»Ich gebe den Pebas auch etwas davon.«
«Wenn sie es annehmen. Für sie sind wir die Ausgeburt des Satans.«
«Warum sind Sie hier?«fragte Dr. Mohr.
«Wegen der Smaragde. Dumme Frage!«Der Mann mit dem Vollbart löffelte seine Suppe aus einer verbeulten Aluminiumschüssel.»Vor fünf Jahren fing alles an. Ich hatte eine ziemlich mies gehende Praxis in Vallavicencio. Was passiert schon in Vallavicencio; ein paar Betrügereien, Auseinandersetzungen, bei denen Ehemänner ihre Frauen grün und blau schlagen, Diebstähle, ein paar Gutachten oder Firmenberatungen, einmal sogar ein Mord, bei dem die Tatumstände so klar lagen, daß ich kaum zu plädieren brauchte. Wahrlich keine besonders einträgliche Sache! Bis dann eines Tages ein Mann zu mir in die Kanzlei kam und ein Taschentuch auswickelte. Smaragde. Einer schöner als der andere. Wert schätzungsweise 400.000 Dollar. >Das habe ich in sechs Wochen gefunden<, sagte der Mann. >Ich hatte Glück! Kennen Sie Penasblancas?< — Ich kannte es natürlich nicht. Wer kennt diese Hölle schon. Aber ich wurde neugierig. Ich beriet den Mann, wie er sein Geld gut anlegen könnte, machte meinen Laden zu und fuhr in die Kordilleren. Seitdem bin ich hier und schürfe. Es hat bis heute neun Tote gegeben, die mich stören wollten.«
«Und lohnte es sich?«
Der Mann mit dem Vollbart blickte Dr. Mohr forschend an.
«Ja — «, sagte er langsam.»Heute bin ich ein reicher Mann — wenn ich die Steine heil durchbringe. Ich habe sie noch vollzählig beisammen. Nächstes Jahr wollen wir alle gemeinsam bis Bogota durchbrechen. Dann ist das größte Vermögen auf der Straße, das Kolumbien je gesehen hat. Ungefähr 10 Millionen Dollar! Der größte Smaragdtransport aller Zeiten. Wird das eine Schlacht geben!«Er kratzte seine Schüssel aus und drohte Dr. Mohr mit dem Löffel.»Wenn Sie was sagen, Doctor, hänge ich Sie zwischen zwei gebogenen jungen Bäumchen auf! Das reißt Sie langsam mitten durch!«
«Sie besitzen nicht gerade die allgemein übliche Rechtsanwaltsmentalität«, sagte Dr. Mohr säuerlich.
«Diese Art von Liquidation haben wir von Revaila gelernt. «Der Mann mit dem Vollbart erhob sich. Die Arbeit ging weiter.»Sie müssen wissen, daß ich nicht allein hierherkam. Ich hatte einen Sohn. 17 Jahre jung. Meine Frau, seine Mutter, ist mit einem anderen Mann durchgebrannt, einem Ingenieur, der nach Europa zog. Wir waren etwa ein halbes Jahr hier und hatten die ersten Steinchen gefunden, da hing mein Junge zwischen den wieder zurückgeschnellten jungen Bäumchen. Eine Seite links, eine Seite rechts. Mittendurch gerissen! Er war nach Penasblancas gegangen, um Konserven zu kaufen. Bezahlt hatte er mit kleinen Smaragden. So dämlich waren wir damals noch! Revaila hörte davon und versuchte meinen Jungen auszufragen. Der gab keine Auskunft, wenig später hing er zwischen den Bäumen! Ja, so ist das.«
Er nickte, wandte sich ab und ging zu seinen Leuten zurück.
Dr. Mohr zog die Schultern zusammen. Er fror plötzlich. Zapiga, der bei seiner Tochter wachte, nickte ihm zu.
«Haben Sie keine Angst, Doctor«, sagte er leise, damit Neila nicht erwachte.»Wir alle stehen um Sie herum. Wir beschützen Sie! Re-vaila kommt nicht an Sie heran! Und in die Berge traut er sich sowieso nicht.«
Fast zur gleichen Zeit zählte Revaila die Namen der Männer zusammen, die sich in seine Liste eingetragen hatten. Es waren jetzt 134 Mann.
134 Mann, die bereit waren, mit ihm in die Berge zu ziehen und allen zu zeigen, wer der Herr der Minen zwischen Muzo und Cos-ques war. Aber Revaila brauchte mehr. Sein Ziel war, soviel Männer, wie ein Militärbataillon hatte, zusammenzubekommen. Es mußte wieder Ordnung in >seinen< Bergen herrschen. Ein Arzt und ein Priester hatten genügt, um alles durcheinanderzubringen. So beeinflußbar war die Masse.
Revaila nickte dem Mann zu, der gerade in sein Büro trat.»Unterschreib hier, mein Freund!«sagte er hart.»Wir kämpfen für eine sichere Zeit.«
Am nächsten Morgen ritt Pater Cristobal mit zehn Mulis in die Berge. Sie waren voll beladen mit Lebensmitteln, Waffen und Munition.
Aber er ritt nicht allein. Der Portier, Boxer und Vorsänger Miguel begleitete ihn. Er hatte bei >Mama< gekündigt und zu ihr gesagt:
«Ich gehe mit dem Pfaffen! Nicht, weil ich an Gott glaube, aber er hat so schöne Lieder. Und ich singe so gern.«
Erst gegen Mittag erfuhr Revaila von Cristobals Auszug. Er jagte sofort zehn Männer hinterher, aber sie kamen zu spät. Schon bei der ersten Sperre der Guaqueros wurden sie beschossen und kamen nicht weiter.
Die Straße war geschlossen. Große Felssteine lagen auf dem Weg, zu Hindernissen aufgetürmt.
In den Bergen begann eine neue Zeit.
Kapitel 6
Der Tag war heiß geworden. Nicht im Hinblick auf die Temperatur, die selbst in den höher gelegenen Bergtälern die Feuchtigkeit, die von den Bäumen über Nacht gesammelt wurde, verdunsten ließ und eine feuchtwarme, drückende, von hundert Düften durchzogene Dunstglocke über die Felsen legte, sondern die Männer aus der >Burg< hatten dermaßen schwer gearbeitet, als gälte es, an einem Tag so viel zu schaffen, wie Dr. Mohr sich für eine Woche vorgenommen hatte.
Sie planierten den steinigen Boden, fällten Bäume, entasteten sie, schälten sie ab und hieben mit Äxten aus den dünnen Stämmen eckige Balken als Eckpfeiler für die Hausbauten. Eine andere Kolonne schleppte Steine heran und begann, diese mit Stahlhämmern zu bearbeiten, um glatte Steine zu bekommen, so daß man sie als Mauer aufeinanderschichten konnte. Der Mann mit dem Vollbart, der Dr. Mohrs kritisches Nachdenken bemerkte, setzte sich schwer atmend neben ihn auf einen dicken Baumstumpf am Rande des Abhangs.
«Wie bei den alten Ägyptern, denken Sie jetzt, was?«sagte er und holte aus seiner Tasche Tabak und eine uralte, abgebissene Pfeife. Er stopfte sie umständlich, setzte sie mit einem verbeulten Feuerzeug in Brand und stieß giftgrüne Rauchwolken aus. Es stank bestialisch.»So haben wir unsere >Burg< auch gebaut. Und sie ist uneinnehmbar. Da kann das Militär mit Kanonen oder Granatwerfern draufhalten. Die Steine würden nur lachen!«
«Auch Mücken dürfte es bei Ihnen keine geben!«sagte Mohr und hustete, weil der Bärtige ihm mit seinem Tabaksqualm anblies.
«Beleidigen Sie meinen Tabak nicht!«brummte er.»Sie Klugscheißer von einem Arzt! Besorgen Sie mir einen anderen! Dieser hier ist selbstgezogen! Wissen Sie, was guter Tabak in Penasblancas kostet? Oder gar amerikanische Zigaretten? Man muß eine Stunde lang bis zur Verzweiflung schürfen, um eine Stange Zigaretten zu kaufen. In der