Stadt nimmt man weder Pesos noch Dollars. Man kann nur mit kleinen grünen Steinen bezahlen. Hier gilt ausschließlich die Smaragdwährung. Unser Leben ist der Berg, im wahrsten Sinne des Wortes.«
Gegen Abend kam Nuria Zapiga auf die Baustelle. Juan Zapiga saß noch immer auf der Erde, den Kopf seiner kleinen Tochter im Schoß, und beobachtete ihre langsame Rückkehr ins Leben. Dr. Mohr hatte das geschwächte Kind noch einmal untersucht und eine neue Injektion gemacht. Es begann darauferneut zu würgen, spie den letzten Mageninhalt aus und trank gierig die fette Ziegenmilch, die Margarita in einer Blechschüssel brachte. Dann schlief das Kind wieder ein. Zapiga starrte Dr. Mohr aus tiefliegenden Augen an.
«Stirbt es?«stammelte er.
«Im Gegenteil, es überlebt. «Dr. Mohr fühlte den Puls und kontrollierte den Herzschlag.»Was habt ihr gegessen?«
«Was wir immer essen, Don Pedro. Was uns das Land schenkt.«
«Das Land?«
«Sie wissen, wie groß meine Familie ist. Wir haben ein Schwein-chen, aber das muß noch wachsen. Wir haben ein paar Hühner… auf die Eier können wir nicht verzichten. Die Ziege muß Milch geben. Außerdem haben wir etwas Mais und Salat angebaut. Neben dem Haus steht ein Papayabaum. Aber das Fleisch fangen wir uns. Unten, in der Niederung, wo es feucht ist, gibt es schöne, dicke Schlangen.«
«Schlangen?«
«Eine Delikatesse, Doctor!«warf der Bärtige ein.»Für ein Schlangensteak, vorzüglich gewürzt, lassen Sie jedes Entrecote stehen! Glotzen Sie mich nicht so entsetzt an! Was betrachten Sie als Delikatesse! Langusten, nicht wahr? Froschschenkel! Schnecken! Tintenfische! Fischeier, die man vornehm Kaviar nennt!«Er schlug mit der Faust gegen die andere flache Hand.»Das ist auch ein Grund, weswegen ich hier lebe: Ich wollte raus aus der Heuchelei, die uns andauernd umgibt! Ihr eßt Frösche und Schnecken und verdreht dabei in kulinarischer Barbarei vor Wonne die Augen. Warum soll man da nicht Schlangen essen? Eine Schlange ist etwas Sauberes, Festes im Vergleich zu einer glitschigen Schnecke oder Auster. Man paniert die Fangarme von Tintenfischen oder lutscht die Zangen der Langusten aus und genießt es mit breitem Vergnügen. Wissen Sie, daß Rattenfleisch wie Kalbfleisch schmeckt?«
«Das Kind muß ein Stück giftiges Schlangenfleisch gegessen haben.«
«Blödsinn! Wenn das Fleisch gut gebraten oder gekocht ist, gibt es kein Gift mehr! Überhaupt ist von einer Schlange nur der Zahn mit seiner Giftdrüse giftig; alles andere ist genießbar! Don Pedro, ich lade Sie mal ein zu einem Schlangenessen! Sie werden süchtig werden!«Der Bärtige lachte rauh.»Denken Sie an Zentralafrika! Da fängt man Heuschrecken, trocknet und mahlt sie, macht Mehl aus ihnen und backt köstliche Brote damit. In China essen sie mit Genuß in der Fritteuse knackig gesottene Raupen! Wird Ihnen schlecht, Doctor?«
«So schnell nicht!«Dr. Mohr lächelte schief. Er beugte sich zurück und sah Zapiga fragend an.»Was kann das Kind gegessen haben?«
«Einen rohen Pilz.«
«Ach. Die habt ihr auch hier?«
«Wir haben alles hier, was feindlich ist.«
«Mich wundert, daß ihr alle noch lebt!«Dr. Mohr wusch sich seine Hände in einer Tonschüssel mit frischem Wasser, die Margarita gebracht hatte.
«Die Natur ist zu beherrschen«, sagte der Bärtige ernst.»Unser größter Feind ist der Mensch.«
Jetzt war auch Nuria gekommen, nahm das kleine Mädchen aus Zapigas Schoß, preßte es an sich und wiegte es leicht hin und her.»Danke, Doctor«, sagte sie dabei.»Danke! Danke.«
«Was macht Pablo?«fragte Dr. Mohr.
«Er arbeitet.«»In der Mine?«rief Dr. Mohr entsetzt.»Mit dieser Kapsel-Phlegmone?! Ich habe gesagt, der Arm muß.«
«Wir müssen leben, Don Pedro«, sagte Zapiga einfach.»Zehn Kinder, Nuria und ich. Wir dürfen keinen Tag verschenken. Heute konnte ich nicht in die Mine, also müssen Pablo und die anderen Jungs arbeiten.«
«Die anderen? Wie alt sind die denn?«
«Elf und neun Jahre, Don Pedro.«
«Und arbeiten im Berg?!«
«Natürlich!«
«Mit Luft aus dem Gartenschlauch?! In Stollen, die nicht höher als fünfzig Zentimeter sind, die Steinschichten weghauend?«
«Es muß sein.«
«Willst du sie alle umbringen, Juan?!«
«Sollen wir verhungern?«Zapiga streichelte über den Kopf seiner kleinen, tiefschlafenden Tochter. Eine unendliche traurige Zärtlichkeit war in dieser Bewegung.»Einmal wird alles vorbei sein, Doctor. Da stoßen wir im Berg auf den großen Smaragd und sind Millionäre!«
Da war sie wieder: die immer gegenwärtige Hoffnung. Der große Traum aller 30.000 Guaqueros: die grüne Ader finden, an der jeder Hammerschlag Tausende von Dollar wert ist. Für diese Illusion lebten sie, schufteten sie bis zur völligen Erschöpfung, verspielten sie ihre Gesundheit, schossen sie sich den Weg nach Bogota frei, durch die Barriere der Aufkäufer von Christus Revaila und >Mama< Mercedes. Und dann galt es noch, in der Emerald-Street nicht betrogen oder im schlimmsten Fall gar getötet zu werden.
«Pablo darf ab sofort nichts mehr tun!«sagte Dr. Mohr hart.»Er muß ja vor Schmerzen schreien, da unten im Stollen.«
«Pablo ist ein tapferer Junge. Er weiß, daß wir keinen Tag verschenken können.«
«Sobald die Außenwände des Hospitals stehen und ein Dach darüber ist, kommt er zu mir!«
«Wir werden es sehen, Doctor. «Zapiga drehte sich um und ging den Pfad hinunter, der in das Tal führte. Nuria, mit dem schlafenden
Kind auf den Armen, folgte ihm stumm.»Was nützt Ihnen das Hospital, wenn Sie das Material nicht bekommen.«
In der Abenddämmerung zogen die wilden Burschen von der >Burg< wieder in ihre Steinfestung. Die Familie Pebas, verstärkt durch Nachbar Pepe Garcia, versammelte sich unter dem Vordach der Wohn-höhle und genoß das Abendessen. Mama Dolores hatte eine Gemüsesuppe gekocht, gedickt mit aufgequollenen Maiskörnern. Fleisch gab es nicht. Nach dem Begrüßungsessen für Pedro Morero, das ein Huhn gekostet hatte, stand der nächste Fleischgang erst für den kommenden Sonntag auf dem Programm.
Adolfo Pebas sah erschreckend aus. Er hatte heute sieben Stunden in seiner Mine gearbeitet. Viermal war er herausgekrochen, hatte sich, nach Luft ringend, in den Schatten einer überhängenden Felsplatte geworfen und dort eine Viertelstunde gelegen, als sei er nur ein Häufchen Haut und Knochen, in Lumpen eingewickelt. Dann, nach einigen wilden pumpenden Luftzügen, hatte er wie tot dagelegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt; aber schon nach wenigen Minuten riß ihn der Gedanke wieder auf die Beine: Du mußt weitergraben! Du mußt wieder in den Berg hinein! Irgendwo, dort unten im Felsen, warten die grünen Steine auf dich.
Beim Abendessen lag er auf einer Decke aus Hundefellen und löffelte langsam und schwerfällig die dicke Suppe. Maria Dolores blickte ein paarmal zu ihm hinüber und schwieg. Aber wenn sich ihr Blick mit dem von Dr. Mohr kreuzte, war ein stummer Aufschrei in ihren Augen: Er zerstört sich, Doctor. Er ist wie alle anderen hier: Die Steine machen ihn wahnsinnig. Hilf uns, Doctor.
«Hat Pepe dir schon erzählt, was man in den Bergen munkelt?«fragte Pebas und kratzte in seiner Suppenschüssel herum.»Natürlich nicht. Er will dich nicht beunruhigen. «Adolfo wartete, bis Margarita ihm eine große Kelle voll Suppe in die Schüssel gegeben hatte. Die dritte Portion. Der Berg hatte ihn völlig ausgezehrt.»Man erzählt sich in den Bergen, du seist ein Spitzel von Don Alfonso
Camargo. Was sagst du nun?«
«Blödsinn!«Dr. Mohr spürte ein Jucken unter der Kopfhaut. Ein Spitzel Don Alfonsos zu sein, war so ziemlich das Schlimmste, was einem Guaquero passieren konnte. Es war gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Man brauchte nur darauf zu warten, wann es vollstreckt würde.
«Jeder weiß.«
«Keiner weiß etwas! Das ist es ja!«Pebas rülpste laut. Die Suppe schmeckte ihm.»Pepe hat versucht zu erklären, daß du ein Medico bist. Das glauben sie ohne Bedenken, aber — sagen sie — auch ein Arzt kann ja hierher geschickt worden sein, um uns auszuhorchen! Wer kann das einfacher, gründlicher und vor allem hinterhältiger als ein Medico?! Ihm vertraut man. Ihm sagt man alles, was man auf der Seele hat. Ein Kranker, der nicht an Gott glaubt, sieht in seinem Arzt etwas Gottähnliches! Und so kann Don Alfonso bequem erfahren, was man in monatelanger höllischer Arbeit aus dem Berg geholt hat, wieviel Steine, welche Größe, welche Farbe, welche Reinheit. Man zeigt sie dem lieben Onkel Medico, und wenig später weiß man in Bogota, daß der Jose Latinque, der morgen in die Hauptstadt wandern will, für 10.000 Dollar Smaragde in seinem Taschentuchknoten trägt. - Jose wird nie in Bogota ankommen. Wenn man Glück hat, findet man seinen Körper und kann ihn unter einem Kreuz begraben.«