«Hier greift Sie keiner an!«
«Haben Sie eine Ahnung!«Sie gingen zu dem alten Muli zurück, das bis zum Zusammenbrechen beladen war, und hoben die Kartons aus den Lederschlaufen. Sie waren so schwer, als habe Simpson Steine darin herumgeschleppt.»Sie wissen wohl gar nicht, was in Penasblancas vor sich geht?«
«Keine Ahnung.«
«Christus Revaila stellt eine Privatarmee zusammen. Etwa hundert Mann hat er sicherlich schon unter Vertrag. Alles Ihretwegen, Pete! Das ganze Theater muß ihn ein kleines Vermögen kosten, aber er opfert es! Gerade Revaila, der so auf seinen Steinchen saß, als könne er sie wie eine Henne bebrüten und noch mehr daraus machen. Kollege, Sie müssen ihm gewaltig auf den Schlips getreten haben!«
«Wir waren nur geteilter Meinung über mein weiteres Leben, und da legte er sich etwas schlafen.«
«Sie haben Humor! Revaila und umhauen! Sind Sie des Teufels?«
«Ich habe einen unbändigen Freiheitsdrang, Aldi. Wer den antastet, wird vorher von mir eindringlich gewarnt. Christus Revaila überhörte meine Warnung einfach.«
«Und jetzt zieht er mit einer Streitmacht in die Berge! Ich weiß nicht, wieviel Smaragde er auf Ihren Kopf ausgesetzt hat, aber es muß sich lohnen! Die ausgekochtesten Burschen haben sich für den Job gemeldet! Ein Glück, daß Sie die Leute aus der >Burg< hinter sich haben! Oha, wird das eine Schlacht werden! Ich glaube, ich baue um mein Zelt einen dicken Steinwall.«
Sie schleppten die Kartons zum Zelt und luden sie ächzend ab.»Haben Sie Ihren Berg zerlegt und mitgenommen?«fragte Dr. Mohr und wischte sich den Schweiß von der Stirn.»Das kann ja keiner tragen.«
«Passen Sie mal auf. Was ist das?«
Dr. Mohr betrachtete erstaunt das stählerne Gestell. Es war graubraun gestrichen und sah wie ein massiver Dreifuß aus. Wo die drei Füße zusammenkamen, wölbte sich eine stählerne Mulde mit Klemmvorrichtungen.»Keine Ahnung«, sagte er.
«Das ist eine Lafette. «Dr. Simpson holte das Gestell aus dem Karton und baute es auf dem Felsboden auf. Er nickte zu den anderen schweren Kartons hin und rieb sich die Hände.»Da drinnen liegen die anderen Teile: der Verschluß, das Rohr, 40 Granaten.«
«Soll das heißen.«, sagte Dr. Mohr entgeistert.
«Nein! Ich schleppe keine Kanone herum. Aber ein schwerer Minenwerfer ist es. Das reicht auch! Eine tolle Wirkung, sage ich Ihnen. Ich habe schon neun Granatwerferminen als Sprengladungen im Berg benutzt. Das rumst und die Brocken fliegen weg. Man braucht nur noch zu schaufeln und die grünen Steine aufzusammeln. Leider hatte ich die falsche Mine erwischt, nur Steine und keine Smaragde. Wenn ich eine Ader vor mir gehabt hätte, Kollege, ich wäre heute mehrfacher Millionär!«
«Aldi, wo haben Sie den Minenwerfer her?«
«Geklaut. «Dr. Simpson setzte sich auf einen der schweren Kar-tons und tastete durch die Pappe.»Das sind die Granaten! Dr. Mo-rero, ich sage Ihnen, das war ein Ding. Der Werfer stammt aus den Beständen der kolumbianischen Armee, die bei Muzo ihr Lager hat.«
«Ein Bataillon.«
«Ach, das wissen Sie?«
«Ich kenne den neuen Kommandeur. Major Luis Gomez.«
«Den alten haben sie ablösen müssen. Er bekam Depressionen. Immer, wenn er eine Razzia unternahm, wußten wir alles schon Stunden im voraus. Da war keiner von uns mehr in den Höhlenlöchern. Die Weiber jedoch standen oder lagen nackt wie im Paradies herum und sangen wie die Sirenen. Ich kann Ihnen sagen: Die Jungs in Uniform haben vielleicht Glotzaugen bekommen! Wo sie hinkamen, nur nackte Weiber! Von vierzehn bis achtzig! Da ließ der Kommandeur zum Rückzug blasen, ehe die ganze Disziplin vollends zum Teufel ging! Unterdessen haben wir das fast leere Lager gestürmt, die paar Posten gestreichelt und uns bedient. Ich habe mir einen Minenwerfer ausgesucht. «Er zeigte auf den Dreifuß und die Kartons.»Da ist er!«
«Er kann uns gegen Christus Revaila helfen.«
«Das habe ich mir auch gedacht. «Dr. Simpson musterte Dr. Mohr nachdenklich.»Sie kennen den neuen Major Gomez gut?«
«Wir haben uns angefreundet. Warum?«
«Dreißig Granaten sind schnell aufgebraucht, Pete.«
«Aldi, Sie sind verrückt!«
«Wenn Ihr Gomez — nur theoretisch — drei Munitionskisten nicht vermissen würde, dann wäre uns allen sehr geholfen.«
«Das ist unmöglich! Das tut Gomez nie!«
«Experten würden das nur eine Frage der Pflasterzahl auf Gomez' Augen nennen.«
«Der Major ist unbestechlich. Er will hier endlich aufräumen!«
«Das sind die Schlimmsten! Die drücken die Preise hoch!«Dr. Simpson hob den Kopf.»Halt! Still! Hören Sie etwas?«
Er legte den Finger aufdie Lippen und beugte sich lauschend vor.
Dr. Mohr strengte sein Gehör an, vernahm aber nichts als das dünne Rauschen der Bäume im Nachtwind.
«Nichts«, sagte er leise.
«Ich bewundere Ihren Mut, mit so laienhaften Vorstellungen zu den Guaqueros zu pilgern! Hier muß man den Instinkt eines Raubtieres haben, um zu bestehen! Die Hölle muß man riechen oder hören, ehe man sie sieht! Da, hören Sie denn immer noch nichts? Das sind Maultiere! Viele Maultiere. Sie tasten sich den Weg herauf.«
Dr. Simpson schnürte einen Sack auf und entnahm ihm ein Gewehr mit abgesägtem Lauf.»Wecken Sie die Familie Pebas.«
«Sie hören Gespenster, Aldi! Hier kann kein heimlicher Überfall erfolgen!«
«Ha?! Und warum nicht?«
«Die Männer von der >Burg< haben Wachen aufgestellt. Wenn Sie ihnen verdächtig vorgekommen wären, glauben Sie, Sie hätten mich jemals erreicht?!«
«Ich bin durch einen Sicherungsring gekommen?«
«Bestimmt.«
«Du meine Güte, und ich habe nichts davon bemerkt.«
«Hier muß man den Instinkt eines Raubtieres haben«, wiederholte Dr. Mohr lächelnd.»Sie scheinen eine ziemlich zahme Sorte zu sein, Aldi.«
«Und es sind doch Maultiere!«rief Dr. Simpson und sprang auf. Er lud das Gewehr durch und stellte sich mit dem Rücken gegen die Felswand.»Verdammt, jetzt müssen Sie's selbst hören! Da, das Getrappel! Wo sind Ihre Bewacher, Pete? Rennen Sie und holen Sie sich Ihre Waffe.«
Tatsächlich, jetzt hörte es Dr. Mohr auch: ein Klappern von Hufen, ein unregelmäßiges Klopfen, ab und zu ein noch weiter entferntes Schnauben. Da war sogar eine menschliche Stimme, die etwas schrie und sofort wieder erstarb. Dr. Mohr starrte Dr. Simpson entgeistert an.
«Mein Gott, das ist ja Miguel«, sagte er, als ein bulliger Mann auf einem Muli sitzend um die Biegung kam.»Aldi, den müssen Sie doch kennen: den Portier Miguel von >Mama<!«
«Unmöglich!«Dr. Simpson hob sein Gewehr.»Halt!«brüllte er.»Stehenbleiben! Sofort!«
Der bullige Mann schien diesen Ton zu kennen. Er hielt ruckartig an und winkte nach hinten. Die Mulis schlossen auf, bildeten einen Klumpen prustender und scharrender Körper und glotzten Dr. Simpson an.
«Wo wollt ihr hin?«schrie Simpson.
«Geh aus dem Weg!«schrie der Fleischberg zurück.»Oder ich schiffe dich um!«
«Miguel!«sagte Dr. Simpson entgeistert.»Tatsächlich! Er ist es!«
Mit dem letzten Muli kam der zweite Mann um die Biegung und rutschte von dem Rücken des Tieres. Dr. Mohr schlug das Herz bis zum Hals. Er ist gekommen, dachte er und spürte, wie die Freude ihm fast Tränen in die Augen drückte. Cristobal Montero ist gekommen. Er hat es wahrgemacht.»Wenn du dein Krankenhaus errichtest, baue ich meine Kirche direkt daneben!«Das hatte er gesagt.»Das Leid braucht den Himmel.«
«Gott segne dich, mein Sohn!«sagte Pater Cristobal feierlich.
Dr. Simpson wackelte mit dem Kopf.
«He?!«sagte er unsicher.»Was ist los?!«
«Du kennst dich hier aus, mein Sohn?«
«Leck mich am Arsch!«schrie Dr. Simpson.
«Aber erst badest du, nicht wahr?«Pater Cristobal kam näher.