«Hieß der Satz nicht anders?«
«So ähnlich!«Der bullige Mann atmete schnaufend durch die Nase.»Genügt das nicht?«
«Mir schon. Jetzt ein Foto?«
«Wenn's sein muß.«
Dr. Simpson fotografierte. Und weil es >Harald der Wikinger< war, sogar noch einmal im Profil.»Das hätten wir«, grinste er.»Ich hatte schon Angst, das Objektiv springt bei dieser Visage auseinander.«
«Muß ich mir das gefallen lassen?«fragte Harald dumpf.»Ehrlich, Doctor.«
«Ehrlich — nein! Aber wer ist hier ehrlich?«
Auch Harald bekam seine Spritzen, und er hielt stand.»In zwei Tagen zum Nachsehen!«sagte Dr. Mohr. Er hatte die Kugel herausgeholt, in Lokalanästhesie, und reichte sie Harald hin.»Kannst du dir als Amulett fassen lassen.«
«Da müßte ich bleierne Perlenketten tragen! Ich komme nicht wieder!«
«Wie du willst! Es ist dein Körper! Der nächste.«
So ging es drei Wochen lang, bis zu zehn Stunden täglich. In den Pausen fuhren sie zu Chica und ihrem kleinen Sohn, die sich beide kräftig entwickelten und Novarra vor Stolz glänzen ließen. In regelmäßigen Abständen erschien Juan Zapiga mit Frau und seinen zehn Kindern und sahen zu, wie Dr. Mohr den Ältesten, den stämmigen Pablo, behandelte. Es war leider wenig zu machen, man mußte auf das bestellte Material warten.
«Ich operiere sofort, wenn alles da ist, Pablo«, sagte er zu dem tapferen Jungen. Er konnte nur noch unter stärksten Schmerzen den Arm bewegen und schlief mit starken Dämpfangsmitteln.»Bis dahin können wir nur Tabletten schlucken.«
Abends, mit Blei in den Gliedern vor Müdigkeit, saßen dann die Pebas und Dr. Mohr um das Feuer und aßen. Alfonso lag nach langen Stunden im Kriechstollen wie geplatzt auf dem Rücken, ausgelaugt, eingefallen, mit vibrierenden Nerven. Die Ausbeute mancher Tage: ein paar winzige Steinchen. Oder gar nichts. Oder der Hoffnungsschimmer: Ich habe eine Verfärbung im Gestein gesehen. Ich muß vor einem Fund stehen! Noch einige Tage. dann bin ich dran.
Oft saß auch der obere Nachbar, der alte, halbblinde Pepe Garcia, mit ihnen am Feuer und erzählte, wie es vor dreißig Jahren in Penasblancas gewesen war.»Was ist mit meinen Augen?«Das war immer der Abschluß seiner Gespräche.»Bekommst du sie wieder hin, Doctor?«
«Ich weiß es nicht, Pepe«, antwortete Dr. Mohr immer.»Du solltest jedenfalls nicht mehr in die Mine gehen. Das Graben mit der Stirnlampe, das frißt deine Augen auf.«
«Wie kann ich aufhören? Wovon soll ich leben? Der verfluchte Berg ist meine ganze Welt.«
Seit Dr. Simpson bei ihnen war, hatten sie auch immer frisches Fleisch. Simpson war darin ein Genie. Er witterte Wild wie ein alter Indianer. Wenn es dämmerte, kündigte er seinen Assistentendienst, nahm sein Gewehr und verschwand in den Schluchten. Dann hörte man sein Schießen, und Maria Dolores setzte heißes Wasser auf, wetzte die Messer und wußte, daß es einen guten Braten geben würde.
Zu einem Problem wurde Jose Bandilla, der Revolutionär. Jeden Tag ließ sich Dr. Mohr die Augen verbinden, tappte hinter Dr. Novarra in die >Burg< und behandelte den lebenden Leichnam mit Kräftigungsspritzen und Vitaminen. Einen Tropf hatte Dr. Mohr nur dreimal gegeben.»Mehr geht nicht«, sagte er ehrlich.»Sie sind nicht der einzige Kranke, Bandilla. Ich brauche die paar Flaschen, die ich mitgebracht habe, auch für andere Fälle. Aber wenn aus Bogota mein Transport kommt, dann jubeln wir wieder vor Kraft! Wie fühlen Sie sich?«
«Besser. «Bandilla mußte es wissen, ansehen konnte man ihm noch nichts.»Nur ein Brennen im Magen fühle ich noch. Und dieser Durst! Ich könnte ein Meer aussaufen!«
«Appetit?«
«Nein. Ich kotze alles aus. Habe es versucht, gestern… umsonst.«
«Was haben Sie versucht?«
«Eine winzige Scheibe Schinken… gekochten Schinken zwar, aber.«
«Schinken? Und kein Ekel?«
«Ekel? Ich habe mich darauf gefreut. Aber er blieb nicht drin.«
«Na also!«sagte im Hintergrund Dr. Novarra.
«Bandilla, Sie haben keinen Krebs!«Dr. Mohr klopfte dem Revolutionär auf den Bauch, leicht und vorsichtig.»Da drinnen sieht's anders aus. Sie haben nach meiner Ansicht eine chronische Gastroenteritis mit weit fortgeschrittener Polyposis ventriculi.«
«Das klingt noch toller als Krebs!«brummte Novarra.
«Ist es aber nicht. Man hat Sie nur nicht behandelt, und der Körper macht nun nicht mehr mit. Wann waren Sie beim Arzt?«
«Nie!«
«Und darauf sind Sie stolz, was? Bandilla, wenn mein Material aus Bogota kommt, exerzieren wir, daß Ihnen die Schwarte kracht! In zwei Monaten laufen Sie wieder herum und sehnen sich nach einem Weib. So kräftig werden Sie sein.«
«Und dann übergeben Sie ihn dem Militär«, sagte draußen Dr. Novarra, nachdem er Dr. Mohr die Binde wieder von den Augen genommen hatte.»Das ist doch Ihr Plan.«
«Ja. Wer bewußt über 400 Menschen getötet hat, kann keine Gnade erwarten.«
«Eine schizophrene Welt ist das!«Dr. Novarra schüttelte den Kopf.»Pete, Sie päppeln sich da Ihren Mörder hoch.«
Nach drei Wochen war das Haupthaus des >Hospitals< soweit fertig, daß Dr. Mohr in ihm hätte arbeiten können, wenn aus Bogota das bestellte Material angekommen wäre. Ein paar Guaqueros, die nach Penasblancas ritten und dann zurückkamen, berichteten, daß Christus Revaila jeden, der den Namen Dr. Morero nannte, mit Morddrohungen bedachte. Er hätte jetzt eine Privatarmee von 178 Mann zusammen und sammele noch immer Anhänger. Es wäre unmöglich, ohne den Willen Revailas auch nur einen Schritt durch Penasblancas zu tun. Überall lauerten seine Kreaturen. Nur Mercedes Ordaz, die >Mama<, bildete eine Ausnahme: Sie hatte sich aus Bogota einen gepanzerten Chevrolet kommen lassen und fahr mit dem Luxusding durch eine fast tote, in Angst erstarrte Stadt. Ihre und Revailas Smaragdaufkäufer lieferten sich an der Straße nach Muzo jeden Abend eine Schlacht. Aber das brachte gar nichts ein. Im Gegenteiclass="underline" Jetzt kam kaum noch jemand nach Penasblancas. Die Smaragdsucher blieben in den Bergen und warteten ab. Der Zufluß der grünen Steine versiegte bis auf ein Minimum. In Bogota tobte Don Camargo und drohte mit einer Strafexpedition. Christus Revaila wußte, was das bedeutete.
«Was ist mit dem Hospital?«schrie Camargo ins Telefon.»Sind die Lastwagen angekommen?«»Sie stehen hier, Don Alfonso«, sagte Revaila zögernd.
«Und?«
«Sie warten.«
«Worauf, du Idiot?«
«Daß dieser Arzt kommt und die Sachen abholt. Mit den Wagen kann man nicht in die Berge. Das wissen Sie, Don Alfonso.«
«Soll Dr. Morero die Kisten auf der Schulter wegschleppen?«
«Ich weiß es nicht.«
«Revaila, du bringst alles zu ihm. Mit Mulis. Noch diese Woche!«
«Da brauche ich 200 Mulis, Don Alfonso.«
«Und wenn es 300 sind. Ich verlange, daß alles unbeschadet abgegeben wird. Dr. Morero ist jetzt der König der Minen. Er weiß es bloß noch nicht. Das ist das Gute daran. Wir müssen ihn mit dem Material zudecken, daß er an nichts anderes mehr denkt als an sein Hospital. Revaila, miete alle Transportmittel, die es in Penasblancas gibt, und bring die Ausrüstung sofort in die Berge!«
Revaila sagte >Ja<, spuckte in die Ecke, was Don Camargo nicht sehen konnte, und legte auf. Ihm gegenüber am Tisch saß ein kleiner, dicker Mann mit einer Glatze und einer Knollennase. Er sah aus wie ein lieber, guter Onkel, den man fragen durfte: >Kaufst du mir ein Eis?<
Aber der runde Glatzkopf verkaufte kein Eis. Er war bekannt unter dem Namen Henry Duk, und wenn jemand rief:>Da ist Duk!< ging sofort alles in Deckung. Von seiner Tätigkeit konnte ein Grabkreuz-Fabrikant leben.
«Übermorgen!«sagte Christus Revaila.»Mit 170 Mulis, drei Jeeps und zehn Mann. Du weißt, er wird von den Kerlen aus der >Burg< bewacht.«
Henry Duk lächelte mokant und trank einen tiefen Schluck Bier aus der Dose.»Er wird gar nichts merken«, meinte er ruhig.»Da stirbt einer und weiß gar nicht, daß er nicht mehr da ist. Das geht lautlos wie ein Gedanke.«