Als das Klopfen ertönte, schrak Margarita hoch und rüttelte Dr. Mohr wach. Mit einem Satz fuhr er aus dem Bett, riß seine Maschinenpistole, die neben ihm an der Wand lehnte, an sich und stieß das Fenster auf. Dicke Klappläden aus Holzbohlen schützten vor unliebsamen Überfallen.
«Wer ist da?«rief Dr. Mohr.»Das Hospital ist auf der anderen Seite. Dr. Simpson hat Nachtdienst!«
«Lassen Sie mich herein, Doctor?«Eine gedämpfte Stimme klang durch die Läden.»Hier ist Zapiga. Juan Zapiga… ich muß Sie sprechen.«
«Ist etwas mit Pablo?«
«Nicht direkt. Bitte, machen Sie auf, Doctor.«
Wenig später stand Juan Zapiga, der zehnfache Vater, im Zimmer und lehnte sich an die Wand. Er sah schrecklich aus. Von oben bis
unten mit Dreck beschmiert, nach Atem ringend, am ganzen Körper zitternd. Seine hohlen Augen glänzten fiebrig. Er preßte mit beiden Händen ein schmutziges Handtuch vor seine Brust und setzte ein paarmal mit Sprechen an, ehe ihm der erste Satz gelang.
«Ich muß weg!«keuchte er.»Ich muß sofort weg von hier, Doctor. Mit der gesamten Familie. O Himmel, rette uns, wenn man das erfährt.«
Dr. Mohr spürte einen kalten Schauer über seinem Rücken.»Juan, hast du jemanden umgebracht?«fragte er leise.
«O nein, nein. Ich komme gerade aus dem Berg — habe bis jetzt gegraben. Ich habe es geahnt, ich habe es geahnt. Es war, als ob ich es rieche. O Gott im Himmel! O Maria! Ich kann hier nicht mehr bleiben! Ich muß sofort nach Bogota. Doctor. Mein eigener Vater, wenn er noch lebte, würde mich jetzt umbringen! — Da ist er.«
Zapiga schwankte zum Tisch, warf sein Handtuch auf die Platte und entrollte es.
Im Licht der nackten Glühbirnen schimmerte ein fast faustgroßer, grüner, klarer Stein. Wie ein Stück Rohglas sah er aus, durchsichtig, von einem satten Grün, das im Licht spiegelte.
«Du lieber Himmel.«, sagte jetzt auch Dr. Mohr und starrte den Stein an. Der große, einmalige Traum eines Schürfers, das ganz große Glück, das es nur einmal gibt, lag hier auf dem Tisch. Aber auch der gnadenlose Tod, wenn der Fund jemals bekannt wurde, ehe er in Bogota im Safe lag!
«Über 200 Karat.«, flüsterte Zapiga heiser.»Beste Qualität. Das sind Millionen, Doctor. Millionen! O Maria. «Er faltete die Hände und betete stumm. Nur seine Lippen bewegten sich. Dann sagte er wieder stockend:»Vor einer Stunde habe ich ihn gefunden. Allein klebte er da, wie ein grünes Nest. Ich habe ihn herausgeschlagen, bin zurück an die Luft und habe geweint. Jetzt habe ich Angst, Doctor, furchtbare Angst. Ich muß weg von hier. Über 200 Karat! O Gott!«
Er lehnte sich wieder an die Wand, schlug die Hände vor die Augen und schluchzte.
12 Jahre hatte er daran geglaubt. 12 Jahre hatte er sich durch den Berg gewühlt. Jetzt war er reich, unglaublich reich. und zitterte vor Todesangst.
Es war vergeblich, Zapiga zuzureden, seinen wohl einmaligen Fund im Hospital unter der Obhut von Dr. Mohr zu lassen, keinem davon zu erzählen und zu warten, bis Dr. Mohr und Pater Cristobal, unter dem Schutz von Major Gomez' Truppen, nach Penasblancas ritten und von dort mit ihrem Wagen nach Bogota fuhren. Das war der sicherste Weg. Aber Zapiga schüttelte den Kopf.
Er hatte sich von seinem Schock etwas erholt, saß am Tisch, trank eine Tasse Tee mit Whisky und hatte das dreckige Handtuch über seinen Riesenstein gelegt.
«Wann wird das sein?«fragte er.»Morgen?«
«Nein! Vielleicht in zwei Monaten.«, antwortete Dr. Mohr.
«Ich soll zwei Monate hier herumsitzen und habe Millionen gefunden? Über 200 Karat von der besten Farbe und Reinheit, Doctor. An einem Stück! Das hat noch keiner gesehen! Das hält man nicht für möglich. Das hat es noch nicht gegeben! Zwei Monate soll ich in dieser Angst leben?«
«Der Stein ist bei mir. Keiner weiß etwas davon. Und du kannst dich endlich ausruhen.«
«Das fällt auf, wenn ich nicht jeden Tag im Berg bin! Die Nachbarn werden fragen: Was hat der Juan? Er gräbt nicht mehr! Geht's dem so gut? Kann zehn Kinder und eine Frau ernähren, ohne eine Hand zu rühren? Ha, hat er vielleicht etwas gefunden? Und schon werden sie mißtrauisch! Doctor, wissen Sie, was hier Mißtrauen bedeutet?«
«Natürlich. Das habe ich inzwischen gelernt. Aber man wird noch mißtrauischer, wenn du plötzlich weg bist!«
«Dann bin ich schon über Penasblancas hinaus!«
«Die Straße nach Bogota ist die schlimmste, Juan! Bleib hier. Erhole dich. Ich werde Pablo operieren, und das ist auch ein Grund, daß du nicht mehr gräbst. Du mußt bei deinem Sohn sein. Soll ich den Pater rufen? Er wird dir das gleiche raten.«»Ich brauche keinen Rat, Doctor, ich brauche Hilfe. «Zapiga deckte seinen Riesenstein wieder auf. Mit fast irrem Blick betrachtete er ihn, streichelte über seinen grünschimmernden Leib, liebkoste ihn wie eine Geliebte.»Ich brauche von Ihnen eine Maschinenpistole, um durchzubrechen. Ich habe mir das alles genau überlegt. Mit Frau und zehn Kindern komme ich nie bis Bogota. Ich gehe mit den drei größeren Jungen allein. Nuria und die sieben Kleinen bleiben hier zurück. Ich hole sie nach, wenn ich den Stein in Bogota verkauft habe. Dann ist er weg, dann kann ihn mir keiner mehr nehmen. Das Bankkonto interessiert keinen. Alle wollen nur die grünen Steine!«Er legte beide Hände über seinen Jahrhundertfund.»Wollen Sie auf Nuria und die Kleinen aufpassen, Doctor?«
«Ja. Ich nehme sie zu mir. Sie können im Hospital wohnen. Oder bei Pater Cristobal. Aber dein Plan ist nicht gut, Juan.«
«Geben Sie mir eine Maschinenpistole?«
«Nein.«
«Warum nicht?«
«Ich weiß, daß es dann doch ein Unglück geben wird. Der Stein macht dich verrückt, Juan! Ich sehe es an deinen Augen! Du würdest jeden umschießen, der dir im Weg steht, auch wenn er harmlos ist.«
«Ich schaffe es auch so!«sagte Zapiga dunkel.»Pablo kann mit seiner einen Hand gut zielen. Du hast es ja gesehen, Doctor. Wie er dir das Leben gerettet hat… du solltest dankbar sein.«
«Pablo bleibt hier! Ich operiere ihn in 10 Tagen!«
«Wir werden sehen!«Zapiga erhob sich, wickelte den Riesensmaragd in das Handtuch und klemmte das Bündel unter den Arm.»Wo kann man als Millionär leben?«
«Überall.«
«Wo ist die Erde am schönsten?«
«Jeder Fleck dieser Erde hat seine eigene Schönheit. Willst du nicht in Kolumbien bleiben?«
«Nein. Wie ist Amerika? Florida.«
«Warum so weit? Ein Paradies für sich sind die Inseln in der Ka-ribik. Santa Lucia, Grenada, St. Thome, Barbados, Trinidad. Paradiese, aufgereiht wie auf einer Kette, zum Aussuchen. «Dr. Mohr winkte ab.»Aber das ist doch alles Blödsinn, Juan! Du erreichst nicht einmal Bogota, wenn du jetzt nicht die Ruhe bewahrst. Du hast zwölf Jahre gewartet. was machen da zwei Monate mehr aus?«
«Ich überlege es mir«, sagte Zapiga, legte die andere Hand auch noch über den Riesenstein in dem Tuch und verließ Dr. Mohrs Wohnung. Wie ein Schatten verschwand er in der dunklen Nacht.
Zwanzig Minuten später — Dr. Mohr saß mit Margarita auf dem Bett und besprach den ungeheuren Fund — klopfte es erneut an der Tür. Draußen stand Pater Cristobal mit offenem Hemd und kurzer Hose. Er stürzte ins Zimmer und streifte Margarita, die nur ein dünnes Hemdchen trug, mit einem kurzen Blick.
«War er auch bei dir?«rief er.»Juan Zapiga.«
«Ja. Er ist also zu dir gegangen.«
«Gerade ist er wieder weg. «Cristobal setzte sich an den Tisch, sah die Whiskyflasche stehen und setzte sie an die Lippen. Nach zwei großen Schlucken stellte er sie wieder zurück.»Das war nötig, Pete! Gott steh uns bei, welch ein Stein! Das hat es noch nie gegeben.«
«Ich verstehe zwar nicht viel davon, aber ich glaube auch, daß das der sensationellste Fund ist, der je gemacht wurde. Ein Riesensmaragd!«
«Juan hat recht, das sind über 200 Karat! Beste Farbe und Reinheit! Ich habe ausgerechnet, was er bringt, wenn man ihn zerschneidet und nur Einkaräter aus ihm macht. 235.000 Dollar mindestens! Pete! Runde 2,5 Millionen Dollar! Läßt man ihn, so wie er ist, am Stück, ist er nicht einmal schätzbar! Ein absolutes Liebhaberstück! Das ist ein Stein, für den Völker ausgerottet werden könnten, weißt du das?«