«Was wollte Juan von dir?«
«Eine Maschinenpistole.«
«Du hast ihm eine gegeben?«
«Ja.«
«Cris, du bist ein Priester?«rief Dr. Mohr entsetzt.
«Das habe ich nie vergessen! Da ist ein Mann, der eine Frau und zehn Kinder hat. Und man wird ohne Skrupel die Frau, die zehn Kinder und den Mann jagen und töten, um an diesen grünen Stein zu kommen. Da schützen ihn weder Militär, noch ein edelmütiger Arzt, noch ein predigender Priester. Da schützt ihn nur eine schnelle Waffe! Pete, in diesem Land wird Nächstenliebe anders buchstabiert… und interpretiert.«
«So kann man es auch sehen. Ich habe abgelehnt.«
«Das dachte ich mir. Ich ahnte, daß Zapiga erst bei dir war und dann zu mir kam. Zu einem Arzt hatte er Vertrauen, mehr als zu Gott.«
«Jetzt ist es umgekehrt«, sagte Dr. Mohr bitter.»Verdammt, Cris, ich werde nie lernen, mit euren Hirnen zu denken!«
«Vielleicht ist es gut so, Pete. «Pater Cristobal zog die Whiskyflasche wieder an sich.»Bleib ein reiner Arzt. Ein Priester kann sich schon eher leisten, ein Halunke zu sein. Gottes Wege waren auch nie gerade, wie uns das Alte Testament lehrt.«
Er lachte etwas gequält und trank wieder. Dr. Mohr sah, daß Pater Cristobal sich nicht wohl in seiner jetzigen Haut fühlte.
Am Morgen, als Cristobal die Kirche öffnete, saß Nuria mit sieben Kindern vor der Tür. Dem Jüngsten gab sie gerade die Brust. Zwei Mädchen spielten mit selbstgebastelten Puppen, die anderen lagen auf handgewebten bunten Tüchern auf der Erde und schliefen.
«Kommt rein!«sagte Pater Cristobal.»Wann sind Juan und die Söhne los?«
«Vor vier Stunden. «Nuria lächelte ihn glücklich an.»Bald sind wir reich. Wir werden dir eine richtige Kirche stiften, Pater. Mit einem Turm und einer großen Glocke. Das hat Juan zum Abschied gesagt. Und auf einer Insel will er wohnen. In der Karibik. Kennst du die Karibik, Pater?«
«Ja. Komm rein. Ich zeige sie dir auf der Landkarte. Aber vorher wollen wir alle gemeinsam beten; beten, daß Juan überhaupt bis Bogota kommt.«
Zwei Stunden später kroch auch in Dr. Mohr die Angst hoch. Er begriff plötzlich, warum Zapiga so schnell das Gebiet verlassen hatte.
Dr. Simpson, der in der Ambulanz arbeitete, nachdem die Nacht sehr ruhig gewesen war und er gut geschlafen hatte, kam hinüber in den OP. Dr. Mohr reinigte gerade eine große Eiterwunde.
«Chef, ein tolles Ding!«rief Dr. Simpson.»Da kommt einer und behauptet, Juan Zapiga sei abgerückt. Ganz heimlich, Hütte leer, alle Werkzeuge zurückgelassen, die Mine verlassen, die ganze Einrichtung. er ist abgehauen mit dem, was er aufdem Leib trug. Das kann nur eins bedeuten: Er hat einen sensationellen Fund gemacht und ist auf dem Marsch nach Bogota.«
«Unsinn!«Dr. Mohr zeigte auf die Eiterwunde.»Machen Sie weiter, Simpson. Wo ist der Mann?«
«Ich habe ihn gerade dran. Er sitzt auf dem Stuhl. Habe nur unterbrochen, um Ihnen die Neuigkeit mitzuteilen. Der Mann hat eine Cholangitis.«
Dr. Mohr nickte und ging hinüber zur Ambulanz. Dort saß im Untersuchungszimmer ein typischer Guaquero: ausgezehrt, gelbhäutig, geschrumpft. Mit kaltem Blick, der nie mehr ein Erbarmen kannte, musterte er den Arzt.
«Du bist ein Nachbar von Zapiga?«fragte Dr. Mohr.
«Ja. Er ist weg! Mit der ganzen Familie. Hat alles zurückgelassen! Der Kerl hat einen Fund gemacht.«
«Das nimmst du an!«
«Wer verläßt sonst in der Nacht seine Mine? Aber er kommt nicht weit.«
«Was heißt das?«Dr. Mohrs Stimme klang drohend. Der Mann lächelte böse.
«Wir sind schon hinter ihm her. Neun Mann.«
«Ihr Saukerle! Ihr jagt einen Mann wie ein Raubtier und wißt nicht einmal, was los ist? Seine Frau Nuria und die Kinder wohnen bei dem Pater in der Kirche.«
«Ach nee!«Der Guaquero grinste gemein.»Und wo ist Juan? Elf Fresser am Bein, das ist ein Klotz, der hindert. Er ist wohl allein unterwegs? Um so besser!«
Dr. Mohr beugte sich über seinen Spritzenkasten. Zum erstenmal in seinem Leben durchbrach er seinen ärztlichen Schwur, in einem Kranken nur einen Hilfesuchenden zu sehen und ihm zu helfen. Zum erstenmal begriff er auch, was Pater Cristobal längst eingesehen hatte. Hier handelt es sich nicht um Menschen, die nach normalen Maßstäben zu messen sind. Man muß sie deshalb anders behandeln. Besonders vor sich selbst muß man sie schützen, denn sie wissen nicht mehr, was sie tun. Sie haben kein Rechtsgefühl mehr!
Mit ruhiger Hand schnitt Dr. Mohr eine Ampulle auf, zog die wasserhelle Flüssigkeit in den Glaskolben und beugte sich über den Guaquero.»Hat Ihnen Dr. Simpson gesagt, was Sie haben?«
«Ja. Irgend etwas an der Galle. Eine Entzündung.«
«Dagegen gebe ich Ihnen jetzt eine Spritze. Die löst die Entzündung auf. Wann folgt ihr Zapiga?«
«Gleich. Wenn ich von hier zurückgekehrt bin. Ich führe den Trupp an! Ich kenne Juans Schliche genau.«
Dann ist gut, was ich jetzt tue, dachte Dr. Mohr. Dann rette ich als Arzt ein Leben, wenn auch auf Umwegen. Er drückte die Injektion in den Oberschenkel des Mannes und wartete. Nach fünf Minuten wurde er müde, konnte sich auf dem Stuhl nicht mehr halten und kippte um. Miguel, der neben ihm stand, fing ihn auf.
«Zu mir«, sagte Dr. Mohr und tauchte die Hände in eine Sterillösung.»Und gut fesseln.«
«Fesseln.«, stotterte Miguel.»Wieso denn?«
«Frag nicht! Trage ihn weg, verschnüre ihn gut und leg ihn bei mir ins Zimmer.«
Miguel wuchtete den Mann auf seine Schulter, wollte noch etwas fragen, verzichtete aber darauf, als er Dr. Mohrs Blick sah, und trabte mit dem Schlafenden hinaus.
Am Nachmittag alarmierte Pater Cristobal nicht nur alle Anwesenden auf dem Plateau, sondern schickte auch um Hilfe nach der >Burg<. Dr. Mohr saß vor dem gefesselten Guaquero in seinem Zimmer, schrie ihn an und ohrfeigte ihn. Aber der Mann schwieg ver-bissen.
Die beiden ältesten Töchter von Nuria waren verschwunden. Vor einer Stunde hatte man sie noch spielend am Rande des Abhanges gesehen.
«Jetzt geht es los«, sagte Pater Cristobal heiser.»Das ist der Anfang. Sie beginnen, die Familie Zapiga auszurotten, wenn sie nicht preisgibt, was Juan gefunden hat.«
Sechs Tage war Zapiga mit seinen drei Söhnen unterwegs.
Sechs Tage, in denen sie nur des Nachts wanderten. Am Tage schliefen sie in Höhlen oder in breiten Büschen, fingen Fische in den Bächen oder jagten mit Hilfe von Schlingen Wild. Alles mußte lautlos vor sich gehen, kein Ton durfte Aufmerksamkeit erregen. Niemand durfte sie sehen. Ihr Ziel war, Penasblancas zu umgehen und ein großes Stück der Straße nach Bogota ebenfalls in der Wildnis, also seitlich der Todesstraße, zu bezwingen. Das bedeutete, sich durch unwegsame Schluchten zu quälen, Meter um Meter sich vorwärtszukämpfen, bis man den Teil der Straße erreicht hatte, der halbwegs sicher war, weil hier noch Militär und Polizei Patrouillen fuhren und den Verkehr nach Muzo und Penasblancas überwachten. Ein paar Kilometer weiter war dann Niemandsland von Recht und Menschlichkeit. Hier begann die Herrschaft der Gewissenlosigkeit.
Juan Zapiga ging voraus. Er hatte den Stein in einem Ledersack um den Hals hängen, unter dem Hemd, direkt auf der Brust. Dann folgten zwei Söhne, zwölf und zehn Jahre alt. Als letzter, den Rücken sichernd, folgte Pablo, der älteste Sohn. Er trug den dick geschwollenen Arm in einer Schlinge und knirschte am ersten Tag mit den Zähnen, wenn er gegen seine Schulter stieß oder springen mußte. Aber dann schien er sich an den Schmerz gewöhnt zu haben. In einem Abstand von einigen Metern folgte er dem Vater und den Brüdern. Am sechsten Tag hellten sich die Mienen der drei Pebas auf und wurden fröhlich vor Erwartung. Penasblancas lag weit hinter ihnen, die Strecke nach Bogota verlor mit jedem Meter an Gefahr. Noch einen Tag und sie hatten es geschafft! Dann konnten sie aus der Wildnis ausbrechen und auf der Straße weiterziehen, im Schutz des Militärs. Der große Augenblick würde kommen, wenn sie an der Endstation des Omnibusses in den Wagen kletterten und nach Bogota hineinfuhren. Es war die Fahrt in ein neues Leben. Die ersten Häuser würde der neue Millionär Zapiga mit einem Gebet begrüßen.