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»Ich muss Ihnen die Augen verbinden, Marie-Claire! So, wie Sie mich anschauen, bliebe mir nichts anderes, als Ihre Seele zu lieben. Das möchte ich nicht! Nicht heute! Erst morgen.«

Marie-Claire erschauerte. Er siezte sie! Warum? Mit geschlossenen Augen folgte sie den Geräuschen. Sein Hemd raschelte. Sie hörte, wie er es zerriss. Seine Hände hoben ihren Kopf zärtlich an. Er band ihr mit einem Teil seines Hemdes die Augen zu. Um sie herum war die Nacht. Alle Geräusche waren jetzt sehr gedämpft. Sie hörte seinen Atem nicht mehr, aber sie spürte ihn, wie er warm und schnell und gierig von ihrem Hals über die Schulter über ihren nackten Oberkörper glitt. Plötzlich verharrte er. Sie wollte nicht, dass er aufhörte. Sie wollte, dass er dort, wo sein heißer Atem soeben ihren Unterleib zum Beben gebracht hatte, weitermachte, mit seinen Zähnen ihren Rock zerriss. Aber er tat es nicht.

Er saß jetzt kniend auf ihr, presste sie mit seinem Gewicht auf das Bett. Sie erstarrte! Mit festem Griff nahm er ihre linke Hand, hob sie hoch, schnürte Stoff um ihr Handgelenk und band sie mit schnellen, geübten Handgriffen erst an den linken, dann die andere Hand an den rechten Bettpfosten am Kopfende des Metallbettes. Gänsehaut raste von ihrem Bauch hin zu den Händen und über den Rücken zurück zu ihrem Bauch. Sie war hilflos. Und sie erschrak, weil sie es liebte, so hilflos auf ihrem Bett zu liegen, vom Körper eines Mannes zu Bewegungslosigkeit gezwungen, nichts hörend und nichts sehend. Sollte sie schreien? Hatte sie Grund zu schreien? Wer war dieser Mann, der sie so fordernd und doch sanft dirigierte? Plötzlich spürte sie, wie er sich langsam zu ihr hinabbeugte. Sein Atem war jetzt fiebrig – und sehr nahe an ihren Lippen. Sie sah nichts, aber sie roch ihn. Da draußen in der Dunkelheit war nur noch er. In ihm einten sich all jene Gerüche, die sie aus Syrien, Ägypten und Tunesien kannte. Gerüche, die Erinnerungen, Sehnsüchte und Begierden weckten: süßklebrige Datteln, betörender Hibiskus, der modrige Geruch des Nils; Minzetee und Apfeltabak aus heißen Shisha-Wasserpfeifen vor den Ziegenhaarzelten in den Dünen von Mezouga; salziges Meerwasser in den Ruinen von Karthago – und das herbe Aroma von schwitzenden Männern mit tiefdunklen Augen und düsteren Geheimnissen. All das trug er in sich, atmete es aus, hauchte es ihr über ihren nackten Oberkörper, bis sie bebte vor Gier nach dem Kuss. Aber er kam nicht. Er tat nicht, wonach sie gierte, worum ihr Körper bettelte. Nein, er folgte nicht ihrem Verlangen. Er gab die Regeln vor. Er tat, was er wollte. Er wollte sie quälen. Sanft, liebevoll quälen. Er hauchte ihr seinen Willen über das Gesicht, presste seinen Mund über ihre Scham und ließ die Gluthitze seines Atems durch ihren Rock und durch den Slip hindurch in sie eindringen, bis sie weinte vor Lust und ihm mit ihrem bebenden Körper zeigte, dass sie noch intensiver zärtlich gequält werden wollte. Und wieder tat er, was er wollte. Und sie tat, was er vorgab. Die ganze Nacht hindurch. Er befahl, dass sie sich fallen ließ – und sie fiel. Ihre Seele und Körper stürzten ab, dorthin, wo er auf sie wartete, um sie sanft aufzufangen und sie wieder mit seinem Körper dorthin zu drängen, wo sie noch nie in ihrem Leben gewesen war. Sie einten sich im Fall, losgelöst von irdischen Gesetzen. Schwerelos. Er nahm sie, wie er es wollte. Er tat es sehr bestimmend, löste die Fesseln nicht, drehte sie herum, bediente sich ihres Körpers nach seinem Verlangen. Und sie ließ ihn gewähren. In blindem Vertrauen.

Als sie am frühen Morgen die Augen aufschlug, war er weg. Noch immer lag sie an den Händen gefesselt in ihrem Bett und glaubte ihn in sich zu spüren. Aber er war weg. Nur sein Geruch haftete noch an ihr. Und dann war da plötzlich der Gedanke, ob all das nicht doch ihr Karma sei. Was war da heute Nacht geschehen? Sie hatte mit einem Mann geschlafen, den sie nicht kannte. Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie bei einem Mann das Gefühl gehabt, dass er alles von ihr wusste! Ja, Abdel schien alles von ihr zu wissen. Er wusste Dinge von ihr, die sie selbst noch nicht wusste. Oder hatte sie es nur verdrängt, dass da in ihr ein Verlangen schlummerte, das er jetzt mit Leben erfüllt hatte? Kein Mann hatte sie jemals zum Höhepunkt gebracht. Aber Abdel hatte es getan. Den Gipfel der ekstatischen Wollust, auf den er sie gezwungen hatte, hatte sie die ganze Nacht hindurch nicht verlassen. Er befahl, sie hatte gehorcht. Er hatte gelockt, sie war ihm gefolgt. Er hatte ihr sanft wehgetan, weil er nicht aufhörte, als sich die Wogen der Lust in ihrem Bauch nicht mehr glätten wollten. Sein Körper, seine Hände, seine Zunge hatten weitergemacht, bis sie jammerte und wimmerte und doch hoffte, es möge nie ein Ende haben. Heute Nacht war sie einem Mann begegnet, der erkannt hatte, dass sie Dominanz liebte, aber er hatte es sehr zärtlich getan. Das hatte sie noch nie zuvor erlebt, nicht einmal geahnt, dass sie es mögen würde. Sie wollte mehr davon. Sie musste ihn wiedersehen.

Marie-Claire löste ihre Hände aus den Fesseln. Nur widerwillig wälzte sie sich aus dem Bett und ging ins Bad. Sie dachte an den Florentiner und die seltsamen Dinge, die um ihn herum geschahen. Auch wenn ihr nicht der Sinn danach stand, musste sie sich jetzt um ihre Arbeit kümmern. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Ein Wiedersehen mit Abdel musste erst einmal warten.

Auf ihrem Schreibtisch lagen Stapel von Unterlagen und mehrere Bücher, die sie lesen musste – alles Material zum Florentiner. Niemand erwartete von ihr, dass sie den Florentiner aufstöbern, den derzeitigen Besitzer ausfindig machen würde. Nein, ihre Aufgabe war lediglich, die Historie des Diamanten zu recherchieren, herauszufinden, worin das Interesse von Gregor, Abdel – und vielleicht auch von Sanjay an diesem Diamanten lag. Die Geschichte des Diamanten sollte sie eruieren. Mehr nicht. Bislang war sie nur von einem Abenteuer ins nächste gestolpert. Jetzt galt es, endlich den Bericht zu schreiben, den Francis von ihr erwartete. Morgen früh würde sie in die Schweiz fliegen. Dort hoffte sie, die Ruhe zu finden, die sie für das Schreiben des Berichts brauchte. Francis Roundell hatte ihr eine E-Mail geschickt und ihr einen Abgabetermin gesetzt. In einer Woche musste ihr Bericht dem Board of Directors in London vorliegen. Danach erst würde sie darüber nachdenken, wann sie Abdel Rahman wiedersehen wollte und ob es gut für sie sein würde, ihn wiederzusehen. Über Nacht war etwas hinzugekommen, das sie nur schwer einordnen konnte. Gestern noch hatte sie sich vorgenommen, egoistisch zu sein, sich zu nehmen, von Abdel Rahman zu nehmen, was sie haben wollte. Für eine Nacht haben wollte. Das war misslungen. Dieser Araber war näher an ihr wahres Ich heran gekommen, als ihr das lieb war.