Kincaid saß noch immer da und starrte auf den Computermonitor. Er hatte aufgehört, auf seiner Mundharmonika zu spielen. Seine Hände umklammerten den Tischrand. »Du hast sie ihm gezeigt«, flüsterte er. »Du hast Shan die Karten gezeigt. In unserem Archiv waren keine, also hast du sogar extra welche für ihn angefordert. Du hast noch nie selbst Karten bestellt.«
Fowler drehte sich zu ihm, ohne zu begreifen, was er eigentlich meinte. »Ich mußte, Tyler, es ging doch um den Mord an Jao. Diese Wasserrechte, die wir nie verstanden haben.«
Doch Kincaid blickte zu Shan, der nahe genug hinter ihm stand, um den Text auf dem Bildschirm lesen zu können. Es ging nicht um die Karten von Jaos Mohnfeldern. Kincaid sprach von den Bildern der Südklaue. Den Karten, auf denen der amerikanische Ingenieur Yerpa entdeckt hatte.
»Bei Durchsicht der Fotos, die Sie in der Höhle angefertigt hatten, konnten wir den Schädel ausmachen, der verlegt worden war«, sagte Shan. »Nicht zerstört, sondern respektvoll an eine andere Stelle verlegt. Ich dachte, dieser Umstand würde auf die Anwesenheit eines Mönches schließen lassen. Doch ein Mönch wäre in der Lage gewesen, das tibetische Datum bei jedem der Schädel zu erkennen. Er hätte vermutlich nicht in die Ordnung des Schreins eingegriffen und die korrekte Reihenfolge durcheinandergebracht. Erst sehr viel später ist mir klargeworden, daß auch jemand, der kein Tibetisch zu lesen vermag, durchaus Respekt vor dem Schädel haben konnte.« Kincaid schien ihn nicht gehört zu haben.
»Sie meinen, es war ein Chinese?« warf Fowler bedrückt ein.
Shan ließ sich müde auf einen Stuhl gegenüber von Fowler sinken und beschloß, es mit einem anderen Ansatz zu versuchen.
»Das Lotusbuch kann leicht mißverstanden werden.«
»Das Lotusbuch?« fragte Fowler.
Shan hielt den Blick auf seine verschränkten Hände gerichtet, während er sprach. Eine unermeßliche Traurigkeit, eine fast lähmende Schwermut hatte sich über ihn gelegt. »Es geht nicht um Rache«, fuhr er fort. Kincaid drehte sich langsam zu ihm um. »Es geht nicht um Vergeltung. Die purbas machen sich zwar nichts daraus, beim Sammeln der Einträge strafbare Handlungen zu begehen, aber sie werden nicht töten. Das Buch ist nur... es ist sehr tibetisch. Eine Möglichkeit, die Welt zu beschämen. Ein Mittel, um die Erinnerungen zu bewahren. Aber nicht, um zu töten. Das ist nicht der tibetische Weg.« Shan blickte auf. Weshalb hatte die Gerechtigkeit stets einen so bitteren Geschmack? fragte er sich.
»Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie...« Fowler verstummte mitten im Satz, als sie feststellte, daß Shan nicht sie, sondern über ihre Schulter hinweg Kincaid ansah.
»Ich konnte es nicht verstehen, bis ich Jansen mit den purbas sah. Dann wußte ich es auf einmal. Er war das fehlende Bindeglied. Sie haben Jansen die Informationen gegeben. Jansen hat sie an die purbas übermittelt. Die purbas haben sie in das Lotusbuch geschrieben. Sie haben einfach weitergeleitet, was Ihre neuen Freunde Ihnen erzählten, und dabei geglaubt, daß Li, Hu und Wen versuchen würden, eine neue, freundlichere Verwaltung aufzubauen und die alten Wunden zu heilen, indem sie den Tibetern halfen. Sie, Mr. Kincaid, konnten nicht wissen, daß all diese Informationen erlogen waren, und Sie hätten auch nie damit gerechnet, weil alles so rechtschaffen wirkte. Jedermann wollte nur zu gern glauben, daß Tan und Jao diese Taten begangen hatten. Sie haben Ihre Freunde sogar dazu veranlaßt, als Zeichen ihres Engagements Vorräte und Kleidung des Militärs zu stiften. Ein ganzer Lastwagen voller Bekleidung ging an das ragyapa-Dorf, das Ihnen leid tat und von dem Sie durch Luntok erfahren hatten.«
Rebecca Fowler schob ihren Stuhl zurück und stand auf. »Wovon reden Sie da?« rief sie. »Ein Buch? Sie haben gesagt, die Morde hätten mit diesem Dämon Tamdin zu tun, mit einem Tibeter, der sich verkleidet hat.«
Shan nickte langsam. »Das Büro für Religiöse Angelegenheiten hat die Bestände der Klöster überprüft. Vor anderthalb Jahren ist man auf das Tamdin-Kostüm gestoßen. Es hatte Sungpos Guru gehört und ist von ihm all die Jahre in einem Versteck aufbewahrt worden. Doch er wurde langsam senil und hat sich vermutlich etwas zu leichtsinnig verhalten. Direktor Wen hat den Bericht, in dem die Entdeckung gemeldet wurde, sofort verschwinden lassen, aber da so viele Angestellte von der Bestandsaufnahme wußten, wurde dennoch eine Fracht an das Museum geschickt, um die Spuren zu verbergen. Das Kostüm jedoch ist nie im Museum angekommen, denn der Bei Da-Verband hatte jemanden aufgetan, der es in seinem Sinne benutzen konnte. Jemanden, für den man kein Alibi benötigte, weil er ohnehin niemals in Mordverdacht geraten würde. Jemanden, der die symbolische Bedeutung in vollen Zügen auskosten würde. Jemanden mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Stark. Furchtlos. Jemanden mit absoluten Überzeugungen im Hinblick auf das tibetische Volk. Jemanden, der glaubte, Rache für die Ausplünderung Tibets nehmen zu müssen.« Und dem es vielleicht auch um Rache am gesamten Rest der Welt ging, fügte Shan in Gedanken hinzu.
»Einen Mann mit Kieseln zu ersticken, einen nach dem anderen. Einem Mann mit drei Hieben den Kopf abzutrennen. Nicht jeder bringt es fertig, so etwas zu tun. Und auch der Gebrauch des Kostüms erfordert besondere Eigenschaften. Die Tibeter mußten monatelang dafür trainieren, aber hauptsächlich wegen der Zeremonie. Jemand, der sich nicht für das Ritual interessierte, hätte den Umgang mit der Verkleidung sehr viel schneller erlernen können, vor allem jemand, der als Ingenieur ausgebildet ist.«
Kincaid ging zu der Wand, an der seine Fotos der Tibeter hingen, und starrte die Gesichter der Kinder, Frauen und alten Männer an, als läge darin eine Antwort verborgen. »Falsch«, sagte er mit hohler Stimme. »Sie liegen völlig falsch.«
Shan stand langsam auf. Kincaid wich ein Stück zurück, als befürchte er einen Angriff. Doch Shan trat an die Konsole. »Nein, ich habe völlig falsch gelegen. Ich konnte nicht glauben, daß eine solche Verachtung und zugleich eine solche Ehrfurcht in ein und derselben Person existieren.« Auf dem Computermonitor waren noch immer die Daten der Yerpa- Karten zu sehen. Es war erstaunlich, wie gut der Amerikaner inzwischen die Tibeter verstand. Nachdem er Yerpa auf den Fotokarten entdeckt hatte, war der Mord an Ankläger Jao in gewisser Weise ein Geniestreich gewesen. Kincaid hatte gewußt, daß die 404te die Arbeit an der Straße einstellen würde. Zweifellos war er davon ausgegangen, der Major würde dafür sorgen, daß die Kriecher zwar die üblichen Schritte einleiteten, letzten Endes der 404ten aber keinen wirklichen Schaden zufügten. Shan betätigte die Taste zum Löschen der Datei.
Von draußen drang ein neues Motorengeräusch herein. Rebecca Fowler ging zur Tür des Raums und schaute durch das Fenster in der gegenüberliegenden Wand. »Ein Tieflader«, sagte sie geistesabwesend. »Jaos Limousine wird abgeholt.«
Sie drehte sich um. Ihr Gesichtsausdruck zeugte von völliger Verwirrung. »Tyler, falls du etwas weißt, solltest du Shan davon erzählen. Wir müssen an die Mine denken. An die Firma.«
»Ob ich etwas weiß?« entgegnete Kincaid verächtlich. »Natürlich weiß ich etwas. Die Fünf von Lhadrung wurden gar nicht hingerichtet. Da können Sie mal sehen, wie falsch Sie liegen. Gestorben sind bloß ein paar BDKs, die man für ihre Verbrechen gegen Tibet schon vor vielen Jahren hätte an die Wand stellen sollen.« Er wirkte verärgert. »Außer Lihua«, fügte er zögernd hinzu. »Da hat jemand die Kontrolle verloren.«