»Aber Sie haben es doch gehört«, protestierte Yeshe. »Das ist nur ein halbes Dutzend Leute.«
»Die Schuhe«, sagte Shan. »Ich konnte bislang nicht begreifen, wieso Balti zwei linke Schuhe unter seinem Bett hatte.«
Als sie sich drei Stunden später den baufälligen Gebäuden des Kollektivs näherten, stieg Sergeant Feng plötzlich mit aller Kraft auf die Bremse und wies nach vorn. In der Nähe der Häuser stand ein Helikopter mit dem Abzeichen des Grenzkommandos und wurde von einem Soldaten mit einem automatischen Gewehr bewacht.
»Glückwunsch«, murmelte Feng. »Du hast richtig vermutet.«
Yeshe wollte etwas sagen, doch statt dessen atmete er plötzlich tief ein. Shan folgte seinem Blick. Dort vor ihnen stand Li Aidang mitten auf dem Platz, hatte die Arme in die Seiten gestemmt und gab sich ganz wie ein militärischer Befehlshaber. Hinter ihm, auf dem Pilotensitz des Hubschraubers, entdeckte Shan ein bekanntes Gesicht, das eine Sonnenbrille trug. Der Major. Auf einmal wurde Shan klar, daß Li trotz all seiner Großspurigkeit vielleicht auch nur eine Schachfigur war wie so viele andere.
Der stellvertretende Ankläger begrüßte Shan mit einem herablassenden Lächeln. »Falls er noch lebt, habe ich ihn bis morgen mittag in einer Verhörzelle«, versprach er selbstgefällig. Ohne auf die entsprechende Frage zu warten, fuhr er fort. »Es war wirklich ganz einfach. Mir ist eingefallen, daß man den Chauffeur eines wichtigen Beamten auf jeden Fall einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen hatte. Die Computer der Öffentlichen Sicherheit haben uns dann alles über sein Vorleben verraten.«
Shan hatte einst an einer Sitzung teilgenommen, in der über die Milliardensummen beraten wurde, die Peking für Zentralrechner ausgab. Die Programme der Öffentlichen Sicherheit hatten dabei Priorität genossen. Das 300-Millionen- Projekt hatten sie es genannt. Shan hatte zunächst geglaubt, damit sei der Etat des Projekts gemeint gewesen, doch in Wahrheit bezog sich diese Bezeichnung auf die Anzahl der Bürger, die gleichzeitig vom Büro überwacht wurden. Damals hatte er sich eingeredet, dies zeuge von einer willkommenen Effizienz. Bis er seinen eigenen Namen auf der Liste entdeckte.
»Demnach ist er hier?«
»Dies ist das Kollektiv seiner Familie, wenngleich ihn seit ein oder zwei Jahren niemand mehr gesehen hat.«
»Und seine Familienangehörigen?« »Die sind draußen auf dem Hochplateau«, sagte Li und deutete nach Norden. »Jagen Yaks und Schafe.«
»Dann kann man ihn doch hierherbringen«, schlug Shan vor. »Schicken Sie jemanden aus dem Kollektiv, der ihn kennt.«
»Unmöglich«, gab Li barsch zurück. »Wir müssen ihn in Gewahrsam nehmen. Er wird verhaftet und nach Lhadrung gebracht.«
»Es gibt keine Beweise gegen ihn, nur vage Vermutungen.«
»Keine Beweise? Sie haben seine Unterkunft doch gesehen. Es gibt eindeutige Verbindungen zu gesellschaftsfeindlichen Elementen.«
»Ein kleiner Buddha und eine Gebetskette aus Plastik?«
»Er ist geflohen. Sie haben vergessen, daß er geflohen ist.«
»Warum sind Sie so sicher, daß er hier ist? Ich dachte, Sie wären der Überzeugung, er sei mit der Limousine nach Sichuan verschwunden. In Kham nützt ihm ein solcher Wagen herzlich wenig.«
»Seltsame Frage.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Shan.
»Sie sind doch auch hier und suchen nach ihm.«
Shan starrte den Helikopter an. »Falls Sie versuchen, ihn festzunehmen, wird Balti sich in den Bergen verkriechen.«
»Sie vergessen, daß ich Balti kenne. Er wird auf ein vertrautes Gesicht sicherlich ganz anders reagieren.«
Shan sah den stellvertretenden Ankläger nachdenklich an. Er wußte, daß Balti eine Verhaftung durch Li und den Major vielleicht nicht überleben würde. Die khampas ergaben sich nur selten ohne Widerstand. Und falls Balti starb, würde Shan sich das niemals verzeihen können, denn irgendwie wußte er, daß Li es nur deshalb auf den Fahrer abgesehen hatte, weil Shan sich für den Mann interessierte. Doch wer hatte dem Ankläger davon erzählt?
Fröstelnd drehte er sich um und sah, daß Yeshe neben dem Hubschrauber stand und mit dem Major sprach. Der Major gestikulierte heftig, beinahe drohend, und hielt Yeshe ein Stück Papier unter die Nase, während dieser so aussah, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Dann richtete der Major einen ausgestreckten Finger auf Yeshes Brust. Yeshe zuckte zurück, als habe irgend etwas ihn getroffen. Der Major zerriß das Blatt, stieß eine letzte Verwünschung aus und stieg zurück in die Maschine. Li, der den Vorgang mittlerweile ebenfalls verfolgte, seufzte enttäuscht.
»Bis Sie wieder zurückgekehrt sind, wird Baltis Befragung abgeschlossen sein«, sagte Li frostig. »Wir werden ein ausführliches Protokoll anfertigen und Ihnen zur Kenntnisnahme überlassen.« Er lief zu dem Helikopter und stieg ein.
Schweigend schauten sie zu, wie der Hubschrauber über den Bergen verschwand. »Und Sie sind dafür verantwortlich«, sagte Yeshe anklagend.
»Ich war nicht derjenige, der diese Leute verständigt hat«, erwiderte Shan verbittert.
»Ich auch nicht«, sagte Yeshe ganz ruhig und blickte noch immer zum Horizont. »Die alte Frau bei Baltis Wohnung erwartet von mir, daß ich ihm helfe.«
Shan war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Er wollte gerade nachfragen, als Yeshe sich mit schmerzerfüllter Miene zu ihm umwandte. »Er hat mir eine Stellung angeboten«, sagte Yeshe mit hohler Stimme. »Gerade eben. Der Major hatte die Arbeitspapiere bereits auf meinen Namen ausgestellt, für einen echten Posten im Sekretariat des Büros für Öffentliche Sicherheit in Lhasa, vielleicht sogar in Sichuan. Es war alles schon unterschrieben.«
»Sie haben abgelehnt?«
Yeshe blickte zu Boden. Die Verzweiflung war ihm deutlich anzusehen. »Ich habe gesagt, ich sei zur Zeit ziemlich beschäftigt.«
»Das kann doch nicht wahr sein!« keuchte Feng.
»Er hat gesagt, entweder jetzt oder nie. Er wollte, daß ich ihm Ihre Unterlagen über den Fall beschaffe. Ich habe gesagt, das sei leider nicht möglich.« Er sah Shan an, als warte er auf eine Äußerung, aber Shan wußte nicht, wie er reagieren sollte. Mit Zustimmung? Mitleid? Angst?
»Während der letzten paar Tage habe ich manchmal gedacht, daß es vielleicht doch stimmt, was Sie gesagt haben«, fuhr Yeshe fort. »Daß unschuldige Menschen sterben werden, falls wir nichts unternehmen.«
In Sergeant Fengs Blick lag etwas völlig Ungewohntes, als er Yeshe plötzlich ansah. Einen Moment lang glaubte Shan, es sei ein gewisser Stolz. »Ich kenne diesen Jungen Balti«, sagte Feng plötzlich. »Er hat niemandem je etwas zuleide getan.«
Shan bemerkte, daß beide Männer ihn erwartungsvoll anblickten. »Dann müssen wir ihn eben früher finden als die anderen«, sagte er und öffnete die Klappe zum Laderaum des Wagens, um einen Haufen alter Kleidungsstücke zu durchwühlen. Er fand ein zerlumptes Hemd und hielt es Feng abschätzend vor die Schultern.
Die langgestreckten, zunehmend höheren Gebirgskämme bildeten eine achtzig Kilometer lange Treppe, die auf das Hochplateau hinaufführte. Bis sie den Aufstieg endlich bewältigt und eines der Nomadenlager ausfindig gemacht hatten, war es Abend. Sie hatten die drei Zelte schon aus einigen Kilometern Entfernung gesehen, als sie auf das Plateau fuhren, aber die flachen, grauen Formen waren ihnen wie Felsblöcke vorgekommen, bis sie die lange Reihe Ziegen entdeckten, die dicht daneben an ein Halteseil gebunden war. Die Hörner der Tiere waren ebenfalls am Seil fixiert, damit sie beim Melken stillhalten würden. Die gedrungenen Zelte aus Yakfell waren mit Pflöcken und Lederriemen am Boden verankert, was nur noch mehr zu dem Eindruck beitrug, es handle sich um zerfurchte Felsen, an denen seit Jahrhunderten der Wind nagte.
Sie ließen den Wagen in fünfzig Metern Entfernung vom Lager stehen und gingen zu Fuß weiter auf die Zelte zu. Sergeant Fengs Uniform und Waffengürtel wurden von dem langen Hemd verdeckt.