Ich saß bequem in meinem Sessel und verdaute die Informationen, die Juffin mir gegeben hatte. Wie vermutet steckte ein Magister hinter der ganzen Sache: Machligl Annoch - Großer Magister des Ordens des Grabhunds und einer der stärksten Reformgegner von Echo - war in der schlimmsten Phase der Traurigen Zeit in Cholomi gefangen gesetzt worden. Laut Juffin hatte damals nicht einmal die gemeinsame Anstrengung von zwölf der größten Zauberer des Ordens des Siebenzackigen Blattes diese bedeutende Persönlichkeit zähmen können. Damals hatten sich sogar Große Magister anderer Orden, die in aller Regel keinerlei Angst verspürten, vor ihm gefürchtet.
Der Große Magister des Ordens des Grabhunds war nicht dumm, aber sehr eigenwillig, was - wie ich immer wieder in den Chroniken gelesen habe - für Magister geradezu typisch ist.
So hatte sich Sir Annoch intensiv mit der Frage des Lebens nach dem Tode beschäftigt. Nicht nur in meinem Herkunftsland, sondern auch hier in Echo gibt es keine Antwort auf die Frage, was nach dem Tod mit uns geschieht. Es gibt viele seltsame, ja abstruse Hypothesen, doch keine vermag skeptische Zeitgenossen zu überzeugen.
Selbstverständlich war das Interesse des Gefangenen in Zelle Nummer Fünf nicht allein theoretisch gewesen. Die hiesigen Magister sind schließlich ernsthafte Leute, die ihre Zeit nicht verschwenden.
Schnell war mir klar geworden, dass Sir Annoch enorme Anstrengungen unternommen hatte, um seine Existenz auch nach dem Tode in dem ihm vertrauten Körper fortzusetzen. Er hatte also auferstehen wollen und garantiert einen Dreh gefunden, wieder ins Reich der Lebenden zurückkehren zu können. Und dann war er gestorben. In Zelle Nummer Fünf.
Die siegreichen Reformer hatten ihn sicher nicht umgebracht. Soweit ich weiß, haben sie ihre Gegner nur ungern getötet, weil der Tod etwas Unumkehrbares ist. Und der Orden des Siebenzackigen Blattes folgte dem Gebot, möglichst wenige unumkehrbare Dinge zu tun, um die Ordnung der Welt nicht zu stören.
Doch wie auch immer - ich hatte bisher zu wenig Zeit gehabt, mich mit den vertrackten Problemen der hiesigen Apokalypse zu beschäftigen. Jedenfalls war der Große Magister Machligl Annoch gestorben. Sein Tod war übrigens kein Selbstmord im üblichen Sinne gewesen, sondern wohl eher Teil der für seine Forschungen notwendigen Untersuchungen.
Die Tatsache, dass die Mauern von Cholomi ein unüberwindbares Hindernis für alle Arten von Magie waren, stimmte mich nicht besonders optimistisch, sondern ließ mich im Gegenteil vermuten, das Weiterleben von Sir Annoch sei auf Zelle Nummer Fünf beschränkt. Dieses Weiterleben aber war für die Häftlinge, die im Laufe der letzten drei Jahre die Zelle mit ihm geteilt hatten, eindeutig ungünstig gewesen. Der Aufenthalt in Annochs alter Zelle kam anscheinend fast einem Todesurteil gleich. Das erschien mir ungerecht, da die Insassen von Zelle Nummer Fünf ihrem »Mitbewohner« schutzloser ausgeliefert waren, als es die in Freiheit lebenden Bürger des Vereinigten Königreichs je sein könnten. Gefangene nämlich können nicht entscheiden, wo sie leben wollen - auch wenn sie spüren, dass ein Ortswechsel (und sei es nur der Umzug in eine andere Zelle) sicher besser für sie wäre. Ich hätte mich nicht in ihrer Lage befinden wollen. Allerdings befand ich mich bereits in ihrer Lage ...
Die Nacht vertrieb ich mir mit der Lektüre des letzten Bandes von Manga Melifaros Enzyklopädie der Welt, den ich glücklicherweise aus der Gefängnisbibliothek hatte ausleihen können. Nichts Übernatürliches geschah - bis auf den Umstand, dass mich der bohrende Blick einmal mehr bis zum Juckreiz quälte. Und zwar noch aufdringlicher als in der Nacht zuvor. Ein paar Mal hörte ich ein Husten, das allerdings mehr einer Halluzination als einem echten Geräusch ähnelte.
Kurz vor dem Morgengrauen beschlich mich eine neue Wahrnehmung: Ich hatte das Gefühl, mein Körper sei hart wie eine Nussschale - so hart, dass ich das Jucken nicht mehr als Berührung empfand, sondern als Zittern der Luft um mich herum. Das war nicht gerade angenehm, doch ich spürte, dass das unsichtbare Wesen, das mich die ganze Nacht beobachtet hatte, noch recht klein war. Seine Unzufriedenheit übertrug sich auf mich. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mir Vorwürfe gemacht, dass diese Augen keinen noch stärkeren Juckreiz bei mir ausgelöst hatten. Als ob die Tatsache, dass das Jucken mich nicht wild die Wände hochgehen ließ, die Gefühle eines anderen Wesens verletzt hätte.
Die Nacht brachte nichts Neues - vielleicht weil das Wesen misstrauisch war? Oder weil Juffin mir unbemerkt einen magischen Schutzschild verliehen hatte?
Das würde gut zu ihm passen! Aber vielleicht rettete mich auch die Tatsache, dass ich aus einer anderen Welt stamme und gewissermaßen ein Außerirdischer bin.
Plötzlich wurde ich so müde, dass ich beschloss, mich schlafen zu legen. Damit wartete ich allerdings bis zur Dämmerung. Wie wohl Lonely-Lokley seine Zeit verbringen mochte? Dem war garantiert langweilig. Und Hunger hatte er bestimmt auch. Er steckte sicher in der Klemme.
Mir hingegen war ganz und gar nicht langweilig. Und richtig ausschlafen konnte ich mich erst recht nicht. Es war Mittag, als mich der vertraute Juckreiz weckte. Ob das Wesen - worum auch immer es sich dabei handelte - auch tagsüber wirken mochte? Warum eigentlich nicht! Die schrecklichsten Dinge, die während meines Aufenthalts in Echo passiert waren, hatten sich alle bei Tageslicht zugetragen. Vielleicht ist die Überzeugung, Alpträume würden uns nur bei Nacht zustoßen, ein dummer Aberglaube, der noch aus der Zeit stammt, da unsere Vorfahren im Dunkeln nicht arbeiten konnten.
Nachdem ich mich gewaschen und eine Tasse Kamra getrunken hatte, begann ich erneut zu grübeln. Meine Vorgänger waren allesamt nachts gestorben. Ob das Zufall gewesen war? Oder gab es einen einfachen Grund dafür: den nämlich, dass sie zu dieser Zeit - wie jeder normale Mensch - geschlafen hatten? Oder hatte mein persönlicher Makel - die Tatsache also, nicht aus dieser Welt zu stammen - die Ordnung der Dinge gravierend verändert? Ich hatte keinen blassen Schimmer.
Vor allem meine unerschütterliche Ruhe frappierte mich. Ich hatte vor nichts Angst - weder vor dem, was passiert war, noch vor dem, was theoretisch noch alles geschehen konnte. Ich war einfach naiv überzeugt, dass mir nichts Schlimmes passieren würde - weder hier noch irgendwo sonst. Mein Heldenmut berauschte mich so sehr, dass ich beinahe benommen ins Bett gesunken wäre. Noch vor kurzem hatte ich dieses Gefühl nicht gekannt. Möglicherweise steckte hinter meiner Tapferkeit ja Sir Lonely-Lokley, der sich wie eine magische Puppe in meiner Hand aufhielt. Vielleicht gefiel es dem so sehr an mir interessierten Wesen ja, dass ich mutig und zugleich blind für die Gefahr war. Aber vielleicht arbeitete es auch darauf hin, dass ich leichtsinnig wurde.
Wie auch immer - ich konnte nicht mehr einschlafen, trank bis zum Morgengrauen Kamra, las in meiner geliebten Enzyklopädie und wurde mit jeder Seite klüger.
Später wurde mir klar, dass sich die damaligen Geschehnisse wie im Märchen entwickelt hatten. In der ersten und zweiten Nacht war ich nur leicht gereizt worden - der eigentliche Ärger kam erst in der verhängnisvollen dritten Nacht.
Alles begann damit, dass ich bei Einbruch der Dunkelheit ein enormes Schlafbedürfnis verspürte. Das war sehr ungewöhnlich für mich, da ich um diese Tageszeit eigentlich besonders wach bin - und zwar unabhängig davon, wie der Tag gelaufen ist. Aber diesmal musste ich gegen eine gewaltige Müdigkeit ankämpfen - erfolglos.
Ich versuchte, mich wach zu halten, indem ich mir vorstellte, mir würden bei geschlossenen Lidern grässlichste Alpträume bevorstehen. Doch das nützte nichts. Nicht mal der Gedanke an die ungeheure Schande, die mir bei einem Versagen drohte, konnte mich aufmuntern. Selbst die Aussicht auf Sticheleien von Melifaro, auf die gehässige Freude von Juffin und auf das höhnische, zähnefletschende Lächeln von Lady Melamori - mit dem so sicher zu rechnen war wie mit dem Amen in der Kirche - vermochte mich nicht aufzurütteln. Süße Schläfrigkeit umgab mich wie ein weißes Kissen, mit dem mich eine unsichtbare Hand zu ersticken suchte. Es fehlte nicht viel, und ich wäre eingeschlafen.