In dieser schwierigen Lage rettete mich die Flasche Kachar-Balsam, die ich glücklicherweise mitgenommen hatte. Ich musste ziemlich viel davon trinken, doch ich beklage mich nicht: Der Balsam ist nicht nur eins der wirksamsten Stärkungsmittel, sondern schmeckt auch ungemein lecker.
Im Nachhinein erklärte mir Juffin, dieses Trinken habe denjenigen provoziert, der mich - um die Geschehnisse zu beschleunigen - in der Zelle beobachtet habe. Das Wesen habe offenbar entschieden, ich sei kein ernsthafter Gegner mehr, da ich zur Selbstverteidigung den Balsam - also immerhin Magie achten Grades! - benutzt hatte. Meine offensichtliche Hilflosigkeit habe das geheimnisvolle Wesen anscheinend dazu verführt, eine der am wenigsten überlegten Entscheidungen seines seltsamen Lebens zu treffen.
Darüber wollte ich nicht mit Juffin streiten. Auch ich glaubte, das Unheil verkündende, ob seiner einsamen, halbdurchsichtigen Existenz verwirrte Wesen habe nicht mehr länger warten können. Welcher Logik mochte es gefolgt sein? Der tote Magister hatte mir das Leben rauben wollen. Er war zu diesem Versuch gezwungen, je eher, desto besser. Bestimmt war mein Funken - oder wie man es nennen will - genau das Quantum an Lebensenergie, das ihm zur Auferstehung fehlte. Er hatte ja schon seit sehr langer Zeit auf dieses Ziel hingearbeitet und die Kraft all derer, die in Zelle Nummer Fünf eingesessen hatten, Tropfen für Tropfen aufgesogen. Eines Tages jedoch - im 112. Jahr, um genau zu sein - hatte Sir Machligl Annoch sich dann als so stark erwiesen, dass er sich nicht länger von der ausdünstenden Lebensenergie der in seiner ehemaligen Zelle gefangen gesetzten Häftlinge mühsam und wie von Brosamen hatte ernähren müssen, sondern sich aktiv des fremden Lebens bemächtigen und die Zelleninsassen töten konnte, um ihre konzentrierten Vitalkräfte aufzunehmen. Er brauchte fremdes Leben, um selbst wieder lebendig zu werden.
Der Funke meines direkten Vorgängers in Zelle Nummer Fünf hatte die schattenhafte Existenz des alten Magisters so mächtig werden lassen, dass er sogar in die Träume der Insassen der Nachbarzellen hatte eindringen können. So unpassierbar die Gefängniswände auch für alle Formen von Magie unter Lebenden waren, so wenig galt dieses Hindernis für ihn, da er als tot zu gelten hatte. Er wollte nur eins: Er wollte genug fremde Lebensenergie sammeln, um demnächst aufzuerstehen. Und er war auf dem besten Wege dazu. Ihm fehlte nur noch der letzte Schluck jenes Getränks, das man in Echo Funke nennt. Und dieser letzte Schluck saß nun schon die dritte Nacht vor ihm und wollte nicht einschlafen.
Natürlich musste der alte Geist daraufhin va banque spielen. An seiner Stelle hätte ich es auch getan.
Egal wie Sir Juffin Halli sich später dazu geäußert haben mag: Mein Gegner war der erfolgreichen Umsetzung seines Plans ausgesprochen nah gewesen. Viel näher, als ich bei meinem Duell mit ihm gedacht hatte.
Als in der hintersten Ecke meines Gefängnisschlafzimmers die undeutliche Gestalt des Unbekannten erschien, erstarrte ich vor Schreck. Natürlich befanden sich in meinen Unterlagen Informationen, die es mir ermöglicht hätten, mich auf ein solches Treffen vorzubereiten. Tatsächlich aber hatte ich nichts dergleichen getan.
Kurz gesagt: Ich war nicht nur erschrocken, sondern auch völlig überfordert. Eigentlich sah der Unbekannte eher lustig als schreckenerregend aus. Mochte er auch zu Lebzeiten ein Großer Magister gewesen sein - seine gegenwärtige Gestalt war sehr klein ausgefallen. Er war unproportional gebaut, denn er hatte zwar einen mächtigen Kopf und einen muskulösen Oberkörper, zugleich aber sehr kurze Beine und kleine, kindlich anmutende Füße. Er gab wirklich eine komische Figur ab. Sein faltiges, sonnengebräuntes Gesicht aber hatte einen ganz anderen Ausdruck. Er hatte große blaue Augen, eine hohe Stirn und eine enorm lange Nase mit den dünnen, scharf konturierten Nasenflügeln eines Raubtiers. Sein langes Haupthaar und sein nicht minder imposanter Bart waren zu vielen dünnen Zöpfen geflochten - bestimmt nach einer uralten Mode. Es ist eben schwer, mit der Zeit zu gehen, wenn man im Gefängnis sitzt, dachte ich mir. Zumal wenn man obendrein ein Gespenst ist. Dass mir solche Gedanken kamen, bewies mir, dass die Lage gar nicht so schlimm war.
Aber kaum hatte ich meine Angst besiegt, merkte ich, dass mir etwas Schlimmes widerfuhr. Eine Erstarrung überkam mich, und ich konnte mich nicht rühren. Reglos sah ich den Ankömmling an und konnte von Glück sagen, dass mir nicht die Beine einknickten. »Na los! Beweg dich!«, rief mir ein kleiner kluger Junge zu, der in meinem Innern wohnte, im Wechselspiel meiner Charakterzüge aber leider keinen großen Einfluss gewonnen hatte. »Die Zeit läuft! Das ist kein Spiel! Beweg dich!«
Doch sein Appell verhallte wirkungslos.
Mir war klar, dass ich nun Sir Lonely-Lokley hätte befreien sollen, doch ich konnte nicht mal die einfache Handbewegung ausführen, die notwendig gewesen wäre, um meinem nächtlichen Besucher die tödliche Puppe Schürf zu zeigen. Aber das war nicht mehr wichtig. Ich begriff, dass ich in der Klemme saß.
»Dein Name ist Persjet. Du bist ein Häppchen Leben, und ich habe dich lange gesucht«, flüsterte das Gespenst. »Ich bin einen weiten Weg gekommen. Auf der einen Seite lag das Gefängnis, auf der anderen der Friedhof. Und der Wind heulte. So bin ich zu dir gekommen.«
Olala, du bist zu mir gekommen? Schau an! Hättest du das nicht schweigend tun können, du verkannter symbolistischer Poet? Mich jemandem zu unterwerfen, der schon beim ersten Treffen zu pompösen Redewendungen griff, hielt ich für keine gute Idee und beschloss darum, nicht aufzugeben. Unter uns gesagt: Mit achtzehn hatte ich bessere Monologe verfasst. Ich wusste zwar nicht, wie ich das Gespenst besiegen sollte, doch eins war mir klar: Ich würde es besiegen!
Dann widerfuhren mir merkwürdige Dinge. Ich spürte, dass ich erneut härter wurde, und hatte den Eindruck, mich in einen kleinen grünen Apfel zu verwandeln, einen von denen, in die nur siebenjährige Jungen beißen können, die - wie man ja weiß - in alles beißen, was ihnen in die Finger gerät.
Dann kam mir ein verrückter Gedanke: Ein erwachsenes Gespenst wie mein Gegenüber konnte doch auf keinen Fall in den kleinen sauren Apfel beißen, der ich war. Diese Wahnvorstellung erschien mir ungemein plausibel und gab mir meine Kraft zurück. Ehrenwort: Ich vergaß tatsächlich meine menschliche Natur und alle damit verbundenen Probleme. Wir grünen Äpfel führen ein unfassbar sorgloses Leben!
Mein Besucher verzerrte deutlich genug die Miene. Er hatte die Züge von jemandem, der seit langem mit einem Mund voll Essig und unreifer Datteln herumspazieren muss. Nun geriet er sichtlich in Verlegenheit, und der kleine grüne Apfel wurde wieder ein Mensch - einer, der seine Handlungsfähigkeit zurückgewonnen hat. Und dieser Mensch machte mit der linken Hand eine kleine, aber notwendige Bewegung. Das reichte: Mitten in der Zelle stand Sir Lonely-Lokley.
»Du hast Doperst mitgebracht!«, empörte sich Machligl Annoch, als hätten wir vor unserer Begegnung Regeln ausgehandelt, gegen die ich nun verstoßen würde.
»Du bist kein Persjet«, fügte das Gespenst aufgebracht hinzu. Offenbar hoffte es, ich würde mich schämen und Schürf wieder in meine Hand verbannen. Ich glaube, Sir Annoch war in den letzten fahren etwas wirr im Kopf geworden, weil er vor allem mit schwachen, erschrockenen Häftlingen zu tun gehabt hatte.
»Du bist auch kein Persjet!«, antwortete ich bissig.
Die Verlegenheit des Gespensts kam Schürf und mir sehr zupass, denn Sir Lonely-Lokley brauchte etwas Zeit, die schützenden, mit Runen übersäten Handschuhe auszuziehen. Solange wir uns mit dem toten Magister gezankt hatten, hatte Schürf notwendige Vorbereitungen treffen können. Als seine tödlichen Hände nun die Wände der Zelle mit ihrem Glanz beleuchteten, erschien mir das Leben wieder als leichte, angenehme Übung. Wie ein nettes Märchen, an dessen Ende sich die guten Nachrichten häufen, auf dass jeder Beteiligte sich die Neuigkeiten aussuchen kann, die ihm am besten passen.