»Dummkopf!« rief der Vorgesetzte und riß ihm den Zettel aus der Hand. Er starrte darauf und wurde bleich. »... kann doch nicht stimmen!«
»Es stimmt«, antwortete der Navigator. »... haben es zweimal nachgerechnet.«
»Rufen Sie die Besatzung hier zusammen!« bestimmte er, zur Ordonnanz gewandt.
»Auch die Leute an den Geschützen?«
Der Commodore strich sich durch sein schütteres graues Haar: »Auch die. Uns nützen keine Geschütze mehr!«
Bald stand die Mannschaft angetreten, auch der Koch und – im Pyjama – der kranke Elektronikingenieur.
Der Commodore wandte sich zu seinen Leuten: »Männer, uns steht ein Gegner gegenüber, der uns hoch überlegen ist. Er bewegt sich mit Überlichtgeschwindigkeit und verfügt über einen Energiestrahl, der über Millionen von Kilometern wirksam ist. Unsere Waffen reichen nicht ein Tausendstel so weit. Uns bleibt nur zu hoffen, daß er uns nicht entdeckt. Sollte das aber doch der Fall sein, dann wißt ihr, was wir zu tun haben. Es ist schwer, aber bedenkt, was unserer Heimat blüht, wenn ihr Standpunkt noch einmal fremden Mächten bekannt wird. Wir konnten damals, vor hundertsechzig Jahren, die Invasion der Herkulaner kaum abwehren. Ähnliches wird kein zweites Mal geschehen. Ich wollte es nicht ohne euer Wissen tun. Ich danke euch!« Seine Stimme versagte.
Die Männer blieben zu einem Haufen geballt stehen. Sie blickten gebannt auf den hellen Strich, der Sterne fraß. Es war keiner unter ihnen, dem die Furcht nicht in der Kehle saß, aber sie blieben gefaßt.
Wieder verschwand das Schiff. Sie sahen es nicht mehr. Aber dann drang eine blendende Helle auf sie ein; der Strahl hatte sie ergriffen.
Der Commodore zögerte keine Sekunde. Er drückte auf die entsicherte Vernichtungstaste. Die geballte Energie des Treibstoffs wurde in einem Moment frei. Nach allen Seiten schoß die auseinandergesprengte Materie in den Raum. Eine Kugelwolke glühte auf und wuchs in die Unendlichkeit hinein.
Als die Thermoradarstation einen Fremdkörper anzeigte, ließ der Koordinator den Scheinwerfer darauf richten. Sie bemerkten eine kleine Rakete, die sich in langsamen Kurs zwischen den Kleinplaneten durchbewegte. Aber nicht lange, dann erfolgte die Explosion.
»Sollten wir sie durch unseren Lichtkegel ausgelöst haben?« fragte der Koordinator erschrocken.
Der Chefbiologe bemerkte: »Vielleicht vertragen sie kein Licht.«
»... wenig wahrscheinlich. Hat sich die Entropie des Systems stark verändert?«
Der Chefphysiker sah von seinen Instrumenten auf: »Nein, es handelt sich im wesentlichen um geordnete Translationen von einem punktförmigen Zentrum aus.«
»Dann versuchen Sie eine Umkehrung«, bat der Koordinator.
Der Physiker baute um das Explosionszentrum herum ein negatives Gravitationsfeld auf. Sogar der riesige Transporter zitterte unter dem Rückstoß dieser gewaltigen Energieaussendung. Aber die Wirkung war prompt – die Atomwolke sank in sich zusammen, wie sie entstanden war. Sie wurde kleiner und kleiner, der Physiker glich da und dort durch eine Schalterdrehung aus. Die glühende Staubwolke ließ bereits wieder die Raketenform erkennen, noch etwas verzerrt, aber mit jedem Meter, den sie an Durchmesser verlor, glättete sie sich, und zum Schluß schwebte die alte Rakete im Raum, als wäre nichts geschehen.
Der Physiker stellte die Anlage ab.
»Sehen wir uns die Situation an!« schlug der Koordinator vor. Sie riefen einen Linguisten hinzu und bestiegen ein Raumboot.
Der Commodore hatte noch den ungeheuren Druck im Gedächtnis, das Gefühl, zu verbrennen, unerträgliche Helligkeit. Und nun saß er im Behelfsraum, die Hand noch auf dem Auslöseknopf der Vernichtungsschaltung. Seine Leute standen um ihn herum, Schreck in den Gesichtern. Er warf einen Blick auf den Sichtschirm, das fremde Raumschiff war nicht mehr zu sehen, kein Strahl bohrte sich in die Finsternis. Hatte er geträumt? Taumelnd stemmte er sich hoch.
Da bewegte sich wie von Geisterhand die Tür zur Luftschleuse. Vier Menschen in geschmeidigen Plastikhüllen traten herein. Kleine, kräftige, breite Gestalten von weißgrauer Hautfarbe, eine unbekannte Rasse, aber doch menschenartige, vertrauenerweckende Wesen.
Der eine der Besucher begann zu sprechen. Er versuchte die verschiedensten Sprachen, aber er fand kein Verständnis. Schließlich malte er einfache Zeichen auf ein Plättchen und hielt es den andern hin – wieder ohne Erfolg.
»Warum reagieren die Leute nicht?« fragte der Koordinator den Biologen. »Haben Sie eine Erklärung?«
»... äußeren Anzeichen deuten auf Angst«, antwortete dieser, »... ganz primitives, tierhaftes Angstgefühl.«
»... sonst scheint ja alles in Ordnung zu sein«, meinte der Koordinator. »... haben hier nichts mehr zu suchen.« Sie traten in die Luftschleuse, die Tür schloß sich, ein knatterndes Geräusch von draußen und der Spuk war verschwunden.
Langsam erholte sich die Mannschaft der Rakete von ihrem Schrecken. Auf der Leuchtscheibe bemerkten sie nun wieder den diskushaften Schiffskörper und den Strahl.
»... setzen unsere Fahrt fort«, ordnete der Commodore an, der noch sichtlich benommen war. »Jeder auf seinen Posten!« Er selbst befahl dem Logisten, die Entzifferung des Schriftplättchens zu versuchen.
Nach zwei Stunden hielt er die Übersetzung in der Hand: ›Transporter PRT (?) 220 vom 7.Planeten des Plejadensterns Taygete beim Ernten (= Einsammeln?) von Zirkonium (-erz?). Wir beobachteten den Unglücksfall (die Explosion?) auf eurem Schiff, kurz nachdem wir euch bemerkt (gemessen? angepeilt?) hatten... (?) konnten wir euch mit unserem... (?) zusammenflicken. Wir wünschen positive (= glückliche?) Fortsetzung der Reise!‹
Da endlich löste sich der Druck, unter dem der Commodore gestanden war. Er kritzelte einige Worte auf Papier und rief seinen Funker. »Strahlen Sie diese Meldung aus. Der Logist wird Ihnen die Zeichen angeben.«
Kurze Zeit darauf trugen elektrische Wellen eine Botschaft in den Weltraum: ›An Transporter PRT 220. Wir danken euch für eure Hilfe und wünschen viel Erfolg.
Expeditionsschiff Kolumbus des dritten Planeten (Terra), Sonnensystem, auf Forschungsfahrt.‹
43
Der Schmarotzer
Auf fremden Planeten gibt es Dinge, die man auf der Erde nicht kennt. Sie brauchen gar nicht gefährlich zu sein, aber man muß mit ihnen umgeben können. Am besten, man hält sich an die Vorschriften.
Ruth hatte wieder ein Verbot der Sirianer übertreten. Sie hatte eine Pflanze gepflückt. Sie hatte die Pflanze nicht nur gepflückt, sondern auch mit ins Haus genommen. Sie hatte sie nicht nur ins Haus gebracht, sondern auch in einer Vase ins Zimmer gestellt. Und sie schlief in diesem Zimmer.
Als sich Cumulus aus der Erstarrung löste, in die er sich unter schreckhaften Eindrücken immer versetzte, verspürte er Schmerz. Ein Großteil seiner Wurzelarme war abgerissen. Mit seinen runden, gelben, doldenartig angeordneten Augen nahm er die ultraroten Strahlen seiner Umgebung auf. Er hing in einem bauchigen Gefäß, sein Unterleib lag im Wasser. Er mußte schleunigst alkali- und erdalkalihaltigen Nährboden finden, wenn seine Verletzungen ausheilen sollten. Mit seinen Geißeln schob er sich über den Rand des Gefäßes und begann seine Suche.
Er war ein wenig verärgert und ein wenig hatte er Angst. Die Umgebung war ihm fremd. Nirgends fand er die weiche, nachgiebige Magnesiterde, nirgends die belebende, angenehme Wärmeausstrahlung, die sonst immer vom Erdinnern heraufkam. Der Boden hier war kalt und hart. Langsam schob sich sein vielgegliederter Körper durch den Raum. Da hörte er ein Geräusch, und seine Augen reagierten auf einen Reiz, der von einem länglichen Körper ausging. Er wandte sich in diese Richtung und kroch mühsam an einem senkrechten Hindernis empor. Er hatte recht getan. Es war ein weicher, warmer Körper, und als er seine Wurzeln einbohrte, spürte er die sättigenden Calciumsalze. Er erneuerte zunächst seine verlorenen Gliedmaßen und gewann so neue Wurzelarme, die er ebenfalls sacht in die Tiefe führte. Das war zwar nicht der gewohnte Boden, aber doch besser als die Ödnis seiner übrigen neuen Umgebung.